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15. Juni 2006, 16:56 Uhr

Mohrs Deutschlandgefühl

Schwarz-rot-goldene Selbstironie

Langsam wird es ein bisschen unheimlich mit der ganzen WM-Euphorie: Der Patriotismus-Pegel liegt seit Tagen konstant bei neun Punkten. Doch SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Reinhard Mohr widerstand tapfer dem Impuls, das Klinsimeter zu manipulieren.

Das Deutschlandgefühl kommt heute mit leichter Verzögerung, weil es gestern Abend zweigeteilt war. Der eine Teil saß im idyllisch gelegenen herzöglichen Lustschlößchen Favorite in Ludwigsburg bei Stuttgart und diskutierte in Wieland Backes’ "Nachtcafé" (SWR) über das Thema "Vorsicht: Wechseljahre!"

Die soll es jetzt angeblich auch bei Männern geben. Vielleicht müsste sich Brasiliens müder Superstar Ronaldo, der über akute Schwindelgefühle klagt, mal einer gründlichen Hormonkontrolle unterziehen. Oder gleich eine Männergruppe gründen.

Der andere Teil war, leider nur virtuell, im Dortmunder Stadion. Doch der positive Geist war stark, auch in der TV-Menopause. In den letzten 25 Spielminuten war der traditionelle Beobachtungsposten vor dem Flachbildschirm wieder bezogen, und beim Siegtor der deutschen Mannschaft gegen die Polen in letzter Minute jubelte auch der "Nachtcafé"-Moderator, der nicht gerade als Werner Hansch der deutschen Fernsehtalkshow gilt.

Fans in der Mainarena: Patriotische Selbstoffenbarung 
DPA

Fans in der Mainarena: Patriotische Selbstoffenbarung 

Im nahe gelegenen Schlosshotel Monrepos, mit Wiesen und Wald, Pool und Golfplatz, war derweil alles schon für die Ankunft der holländischen Nationalmannschaft vorbereitet, die morgen in Stuttgart gegen die Elfenbeinküste antritt. Und im Flugzeug nach Berlin saßen heute Mittag sechs kampfbereite Schweden, die sich mit Hilfe der ebenso freundlichen wie flüssigen Bordverpflegung schon mal an ihren nationalen Bierpegel herantasteten.

Unser Patriotismus-Pegel dagegen hält sich seit Tagen traumhaft sicher auf konstant 9 von 10 möglichen Punkten – und langsam wird es etwas unheimlich. Eigentlich hatten wir schon beschlossen, die anhaltend gute Stimmung im Lande ein wenig runter zu schreiben. Das können wir, das haben wir gelernt. Da macht uns niemand was vor. Wir finden immer was.

Hier und da wird einem der neue lockere Patriotismus-Konsens auch schon wieder ein bisschen verdächtig. Zu gut korrespondiert er mit der nächsten Hysteriewelle, auf die man fast wetten kann.

Außerdem gab es in Dortmund die ersten gewalttätigen Szenen mit Hooligans, die ihre No-Grips-Area mit allen Mitteln verteidigen. Und manchmal sagt dem Beobachter ein Blick in Autos mit besonders auffälliger schwarz-rot-goldener Doppelbeflaggung, dass nicht hinter jedem patriotischen Lenkrad ein großer Geist aus dem Rückspiegel schaut.

Aber dann erzählt der afghanische Taxifahrer in perfektem Deutsch, britische Fahrgäste hätten ihm berichtet, in England sei jedes zweite Auto mit dem Union Jack geschmückt. Eine Selbstverständlichkeit dort, wo Wayne Rooneys – gebrochener – Fuß wie eine bestrumpfte Reliquie behandelt wird.

Was ist dagegen schon Ballacks Wade?!

Bei uns jedenfalls, das ergab vor wenigen Stunden eine empirische und soziologisch gewichtete Stichprobe auf der Autobahn A 81, in Ludwigsburg und beim Anflug auf Berlin-Tegel, dürfte der Anteil der sichtbaren patriotischen Selbstoffenbarung weit unter zehn Prozent liegen. Das gilt natürlich nicht für die örtlichen Zusammenballungen von Fußballfans, die die gute alte Frage nach einer "deutschen Leitkultur" (Friedrich Merz) längst mit einer schwarz-rot-goldenen Popkultur beantwortet haben, die zuweilen sogar selbstironische Züge trägt.

Wir heben die gestrige Pegel-Warnung also auf. Der Klinsimeter bleibt wie festgenagelt bei 9 Punkten.

Aber keine Angst. Irgendwann muss der auch wieder runter.

Bis morgen und Glück auf, Deutschland!

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