Mohrs Deutschlandgefühl Schwarz-rot-goldene Selbstironie

Langsam wird es ein bisschen unheimlich mit der ganzen WM-Euphorie: Der Patriotismus-Pegel liegt seit Tagen konstant bei neun Punkten. Doch SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Reinhard Mohr widerstand tapfer dem Impuls, das Klinsimeter zu manipulieren.


Das Deutschlandgefühl kommt heute mit leichter Verzögerung, weil es gestern Abend zweigeteilt war. Der eine Teil saß im idyllisch gelegenen herzöglichen Lustschlößchen Favorite in Ludwigsburg bei Stuttgart und diskutierte in Wieland Backes’ "Nachtcafé" (SWR) über das Thema "Vorsicht: Wechseljahre!"

Die soll es jetzt angeblich auch bei Männern geben. Vielleicht müsste sich Brasiliens müder Superstar Ronaldo, der über akute Schwindelgefühle klagt, mal einer gründlichen Hormonkontrolle unterziehen. Oder gleich eine Männergruppe gründen.

Der andere Teil war, leider nur virtuell, im Dortmunder Stadion. Doch der positive Geist war stark, auch in der TV-Menopause. In den letzten 25 Spielminuten war der traditionelle Beobachtungsposten vor dem Flachbildschirm wieder bezogen, und beim Siegtor der deutschen Mannschaft gegen die Polen in letzter Minute jubelte auch der "Nachtcafé"-Moderator, der nicht gerade als Werner Hansch der deutschen Fernsehtalkshow gilt.

Fans in der Mainarena: Patriotische Selbstoffenbarung 
DPA

Fans in der Mainarena: Patriotische Selbstoffenbarung 

Im nahe gelegenen Schlosshotel Monrepos, mit Wiesen und Wald, Pool und Golfplatz, war derweil alles schon für die Ankunft der holländischen Nationalmannschaft vorbereitet, die morgen in Stuttgart gegen die Elfenbeinküste antritt. Und im Flugzeug nach Berlin saßen heute Mittag sechs kampfbereite Schweden, die sich mit Hilfe der ebenso freundlichen wie flüssigen Bordverpflegung schon mal an ihren nationalen Bierpegel herantasteten.

Unser Patriotismus-Pegel dagegen hält sich seit Tagen traumhaft sicher auf konstant 9 von 10 möglichen Punkten – und langsam wird es etwas unheimlich. Eigentlich hatten wir schon beschlossen, die anhaltend gute Stimmung im Lande ein wenig runter zu schreiben. Das können wir, das haben wir gelernt. Da macht uns niemand was vor. Wir finden immer was.

Hier und da wird einem der neue lockere Patriotismus-Konsens auch schon wieder ein bisschen verdächtig. Zu gut korrespondiert er mit der nächsten Hysteriewelle, auf die man fast wetten kann.

Außerdem gab es in Dortmund die ersten gewalttätigen Szenen mit Hooligans, die ihre No-Grips-Area mit allen Mitteln verteidigen. Und manchmal sagt dem Beobachter ein Blick in Autos mit besonders auffälliger schwarz-rot-goldener Doppelbeflaggung, dass nicht hinter jedem patriotischen Lenkrad ein großer Geist aus dem Rückspiegel schaut.

Aber dann erzählt der afghanische Taxifahrer in perfektem Deutsch, britische Fahrgäste hätten ihm berichtet, in England sei jedes zweite Auto mit dem Union Jack geschmückt. Eine Selbstverständlichkeit dort, wo Wayne Rooneys – gebrochener – Fuß wie eine bestrumpfte Reliquie behandelt wird.

Was ist dagegen schon Ballacks Wade?!

Bei uns jedenfalls, das ergab vor wenigen Stunden eine empirische und soziologisch gewichtete Stichprobe auf der Autobahn A 81, in Ludwigsburg und beim Anflug auf Berlin-Tegel, dürfte der Anteil der sichtbaren patriotischen Selbstoffenbarung weit unter zehn Prozent liegen. Das gilt natürlich nicht für die örtlichen Zusammenballungen von Fußballfans, die die gute alte Frage nach einer "deutschen Leitkultur" (Friedrich Merz) längst mit einer schwarz-rot-goldenen Popkultur beantwortet haben, die zuweilen sogar selbstironische Züge trägt.

Wir heben die gestrige Pegel-Warnung also auf. Der Klinsimeter bleibt wie festgenagelt bei 9 Punkten.

Aber keine Angst. Irgendwann muss der auch wieder runter.

Bis morgen und Glück auf, Deutschland!

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Seite 1
Koepe, 01.06.2006
1.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Wieso muss über etwas, das eigentlich in fast jedem anderen Land eine Selbstverständlichkeit ist diskutiert werden? Eine gesunde Portion Patriotismus ist sicher nicht schlecht! Es sollte nur nicht in Nationalismus ausarten! Aufgrund unserer Vergangenheit schämen sich wohl viele patriotisch zu sein. Auf das was damals war bin ich ganz sicher nicht stolz. Sondern auf das was danach geschaffen wurde und deswegen bin ich patriotisch!
Bloomberg76, 01.06.2006
2.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Klar. Wie in vielen Politikfeldern heute fehlt der philosophische Unterbau auch bei diesem Thema und wir täten nicht schlecht daran statt populistischer Phrasendrescherei einmal ein paar kritische Diskurse zum Thema was unsere Staatlichkeit und Nationalität definiert zu führen. Wer sind wir? Was verbindet uns? Was wollen wir? Das sind grundsätzlicher Fragen, denen kaum eine Politiker oder Journalist unserer Zeit wirklich gewachsen zu sein scheint. Eine ernste Wiederbelebung einer solchen "leeren" Debatte gibt Gelegenheit unsere Politiker einmal aus dem ständigen Pragmatismus (auch bekannt als "Management by Crisis")mit dem sie handeln herauszuführen und zu erfahren, was sie wirklich denken. Vielleicht nehmen dann Leute auf beiden Seiten endlich mal eine fundierte Position ein. Das schärft die Meinungsbildung.
dericon, 01.06.2006
3.
---Zitat von Ulrich Ochmann--- Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen. ---Zitatende--- Es spricht ja nichts dagegen, sondern eher vieles dafür, daß wir uns erst mal über die Bedeutung der Begriffe einigen, bevor wir über Inhalt und Verwendung diskutieren. Mir persönlich sind diese Begriffe zu schwammig, ich habe für ihre Bedeutung in Deutschland keine rechte Vorstellung. Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden.
Koepe, 01.06.2006
4.
---Zitat von dericon--- Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden. ---Zitatende--- Andere Nationen haben auch keine "saubere" Historie (Kolonialismus etc.), zugegeben, Deutschland "übertraf" das leider noch, trotzdem sind die Menschen stolz auf ihr Land! In Deutschland wird man doch bestenfalls noch schräg angeschaut, wenn man sich als Patriot bezeichnet. Viele fühlen sich emotional sogar noch eher zu anderen Ländern hingezogen als zu Deutschland, sie schämen sich fast dafür, deutsch zu sein!
loeweneule, 01.06.2006
5.
Ich finde es bezeichnend, daß solche "Werte"-Diskussionen immer dann hoch kommen, wenn der allgemeine Lebensstandard sinkt. Glaube, Vaterland, Familie etc. Wenn das Volk durch Konsum nicht mehr ruhiggestellt werden kann, weil es nicht mehr genug Kohle hat, greift man in die Kiste der üblichen Popanze. Du hast keinen Job, kannst die Miete kaum bezahlen, aber du darfst mächtig stolz auf deine Nation sein. Und wenn ich oben von "hochkommen" schrieb, so empfinde ich das für mich persönlich wörtlich.
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