Mohrs Deutschlandgefühl Weltmeister der Verdrängung

Unveränderte Hochstimmung in Deutschland: Merken wir etwa gerade, dass die bei uns gastierende Welt gerne unsere Luxus-Probleme hätte? SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Reinhard Mohr referiert den neusten Stand des Patriotismus-Pegels.


Heute Morgen hat es der Patriotismus bei mir recht schwer. Vor allem der Lokalpatriotismus. Auf der Straße wird seit sieben Uhr der Asphalt aufgerissen, auf der anderen Seite, nach hinten raus, schneidet ein Gartenbautrupp stundenlang Steine für einen völlig überflüssigen, aber aus allen möglichen Aufbau-Ost-Fördertöpfen finanzierten Parkweg. Stereo-Lärmterror, der an Arbeitsbehinderung grenzt. Im Kopf wüten schon die schlimmsten Verwünschungen, inklusive Androhung von Prügel. Warum gründen die keine Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaft und bleiben zu Hause?

Aber wir wollen ja immer schön locker bleiben, total friedlich und neudeutsch optimistisch. "Beste Stimmung in der Wirtschaft seit 16 Jahren" lautete gestern die Aufmacherschlagzeile im "FAZ"-Wirtschaftsteil. Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) und Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat "die Gesamtwirtschaft mächtig zugelegt". Die Unternehmen seien im Frühsommer 2006 so optimistisch wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr.

Fast jeder dritte Betrieb will mehr im Inland investieren als geplant. Um 300 000 könne dieses Jahr die Arbeitslosigkeit zurückgehen. Immerhin, ein Anfang.

Doch halt, oder wie der Frankfurter beim Äppelwoi ausruft: Stobbemal!

Da war doch was.

Hat nicht genau vor einem Jahr Bundespräsident Horst Köhler in seiner dramatischen Ansprache zur vorgezogenen Bundestagswahl vom "Staatsnotstand" gesprochen, von der tiefsten Krise Deutschlands seit Jahrzehnten? Auch mental und so? Haben wir nicht jeden Sonntagabend mit Frau Christiansen in den deutschen Seinsabgrund geschaut, wo Blockade, Reformunfähigkeit, Stillstand und Staatsverschuldung sich zu einem ebenso schicksalhaften wie katastrophalen Problemknäuel zusammengeschoben hatten und dabei die letzten kreativen Kräfte des aussterbenden deutschen Volkes erdrückten?

Hat die "Stiftung Warentest", das wahre deutsche Über-Ich, nicht eben noch die nagelneuen WM-Stadien zu möglichen Todesfallen erklärt, nachdem sie das Zentimetermaß akribisch an jede Tribünenstufe angelegt und die fehlerhafte Anordnung von Feuerlöschern bemängelt hatte?

Und die Vogelgrippe?

Vom Problembären wollen wir gar nicht reden.

War das alles nur Hysterie und Einbildung? Oder sind wir jetzt Weltmeister der Verdrängung? Oder ist es einfach so, dass die große Mehrheit der Welt gerne unsere Probleme hätte – und wir merken es gerade?

Nachdem gestern Abend in "Waldis WM-Club" bei der ARD auch noch Hellmuth Karasek die neue deutsche Lockerheit lobte, die sich leider auch bis zur Viererabwehrkette ausgedehnt hat, öffnete ich noch mal kurz das Schlafzimmerfenster, um einen letzten Blick in die Nacht zu werfen.

Zwei Männer gingen, nein, torkelten Arm in Arm übers Trottoir, der eine mit obligatorischer WM-Bierflasche in der Hand. "Ick liebe dich!", sagt er seinem Freund. Noch vom fünften Stock aus konnte man sehen: Es war kein schwules Paar.

Was ist bloß los mit Deutschland?

Auch heute wieder 9 Punkte auf dem Klinsimeter.

Für morgen aber müssen wir eine Pegel-Warnung aussprechen.

Sie wissen, der Problempole. Angeschlagen ist er unberechenbar.

Dennoch sagen wir mit dem ehemaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss: "Dann siegt mal schön!!"

Bis morgen und Glück auf, Deutschland!



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Seite 1
Koepe, 01.06.2006
1.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Wieso muss über etwas, das eigentlich in fast jedem anderen Land eine Selbstverständlichkeit ist diskutiert werden? Eine gesunde Portion Patriotismus ist sicher nicht schlecht! Es sollte nur nicht in Nationalismus ausarten! Aufgrund unserer Vergangenheit schämen sich wohl viele patriotisch zu sein. Auf das was damals war bin ich ganz sicher nicht stolz. Sondern auf das was danach geschaffen wurde und deswegen bin ich patriotisch!
Bloomberg76, 01.06.2006
2.
---Zitat von sysop--- Das Thema Patriotismus beschäftigt Deutschland seit Jahren. Nach den Politikern haben nun die Kulturschaffenden den Begriff entdeckt. Ist eine neue Patriotismus-Diskussion überhaupt notwendig? ---Zitatende--- Klar. Wie in vielen Politikfeldern heute fehlt der philosophische Unterbau auch bei diesem Thema und wir täten nicht schlecht daran statt populistischer Phrasendrescherei einmal ein paar kritische Diskurse zum Thema was unsere Staatlichkeit und Nationalität definiert zu führen. Wer sind wir? Was verbindet uns? Was wollen wir? Das sind grundsätzlicher Fragen, denen kaum eine Politiker oder Journalist unserer Zeit wirklich gewachsen zu sein scheint. Eine ernste Wiederbelebung einer solchen "leeren" Debatte gibt Gelegenheit unsere Politiker einmal aus dem ständigen Pragmatismus (auch bekannt als "Management by Crisis")mit dem sie handeln herauszuführen und zu erfahren, was sie wirklich denken. Vielleicht nehmen dann Leute auf beiden Seiten endlich mal eine fundierte Position ein. Das schärft die Meinungsbildung.
dericon, 01.06.2006
3.
---Zitat von Ulrich Ochmann--- Hier sollten wir ganz klar unterscheiden zwischen "Nationalismus" und "Patriotismus". Stolz auf die Nation ist etwas ganz anderes als Stolz auf das eigene Land. In den USA zum Beispiel sind viele auf ihr Land stolz (und zeigen die US-Flagge), von einer "Nation" kann man bei den vielen Einwanderern aber gar nicht erst sprechen. ---Zitatende--- Es spricht ja nichts dagegen, sondern eher vieles dafür, daß wir uns erst mal über die Bedeutung der Begriffe einigen, bevor wir über Inhalt und Verwendung diskutieren. Mir persönlich sind diese Begriffe zu schwammig, ich habe für ihre Bedeutung in Deutschland keine rechte Vorstellung. Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden.
Koepe, 01.06.2006
4.
---Zitat von dericon--- Wir können nicht einfach Patriotismus oder Nationalismus von anderen Kulturen übernehmen. Gerade weil jede Kultur ihren eigenen historischen Kontext hat ... daher sind auch Vergleiche vorsichtig zu verwenden. ---Zitatende--- Andere Nationen haben auch keine "saubere" Historie (Kolonialismus etc.), zugegeben, Deutschland "übertraf" das leider noch, trotzdem sind die Menschen stolz auf ihr Land! In Deutschland wird man doch bestenfalls noch schräg angeschaut, wenn man sich als Patriot bezeichnet. Viele fühlen sich emotional sogar noch eher zu anderen Ländern hingezogen als zu Deutschland, sie schämen sich fast dafür, deutsch zu sein!
loeweneule, 01.06.2006
5.
Ich finde es bezeichnend, daß solche "Werte"-Diskussionen immer dann hoch kommen, wenn der allgemeine Lebensstandard sinkt. Glaube, Vaterland, Familie etc. Wenn das Volk durch Konsum nicht mehr ruhiggestellt werden kann, weil es nicht mehr genug Kohle hat, greift man in die Kiste der üblichen Popanze. Du hast keinen Job, kannst die Miete kaum bezahlen, aber du darfst mächtig stolz auf deine Nation sein. Und wenn ich oben von "hochkommen" schrieb, so empfinde ich das für mich persönlich wörtlich.
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