Mohrs Deutschlandgefühl Wie die Ikea-Kassiererin das Schweden-Fiasko erlebte

Die Kassiererin im Ikea-Restaurant zählte unbeeindruckt die Euros, die Kunden schleppten ihre Beutel zum Ausgang: Im schwedischen Möbelhaus ging es betont gelassen zu, während die Deutsche Fußball-Elf ihren Gegner hinwegfegte.

Von Reinhard Mohr


Manchmal platzt eben der Knoten – selbst in Deutschland, wo die Gesundheitsreform zum Jahrhundertwerk stilisiert wird und pflichtbewusste Berliner Polizisten sich bei der großen Begeisterung schon genötigt sehen, 5-Euro-Knöllchen fürs massenhafte Jubel-Hupen auszustellen.

Heute Abend gibt es mal keinen einzigen Grund, nicht zu feiern, bis der Arzt kommt. Oder der Nachbar. Is’ wurscht. Der Kurfürstendamm war schon um 19.30 Uhr ein einziger schwarzrotgoldener Autokorso. Wir wiederholen uns ungern, aber: Dann auch noch dieses unverschämt gute Wetter!

Nun zur Sache: Die erste Halbzeit verbrachten wir bei IKEA-Tempelhof, zu Gast bei Fremden, die zweite im heimischen Ambiente. Irgendwie war es symptomatisch: Im Ikea-Restaurant, wo sich der einzige standesgemäße Flachbildschirm des Hauses befand, herrschte diese typisch skandinavische Mischung aus Freundlichkeit und Sachlichkeit. Kein Überschwang, dafür viel Sahne mit Kuchen. Berge von Sahne, die auf den Tischen vor dem Fernseher vertilgt worden. Wahrscheinlich ein Sonderangebot. So spielten auch die Schweden: Ohne Leidenschaft. Vielleicht doch ein bisschen wie „Detolf“, die Vitrine. Oder wie ein Elch auf der Lichtung, der die Orientierung verloren hat.

Für alte Fußballhasen immer wieder überraschend: Fast die Hälfte waren Frauen beim Fußballgucken. Leider kaum blonde Schwedinnen. Schon gar nicht die vom Typ „Spielerfrau“. Egal.

Eine immerhin kam aus der Toilette, als gerade die schwedische Nationalhymne gespielt wurde, hob lächelnd die Hand zum Gruße und ging weiter. Die Kassiererinnen vom Self-Service-Restaurant machten sowieso völlig unbeeindruckt weiter, und die nicht allzu zahlreichen Kunden schleppten ihre riesigen gelben Ikea-Beutel in Richtung Ausgang.

Nach dem frühen ersten Tor der deutschen Mannschaft füllten sich die letzten Plätze, der Inder lachte und der Japaner staunte. Eine Dame verließ missgelaunt ihren leeren Tortellini-Teller. Schwedin oder Fußballverächterin – das ist hier die Frage. Oder war das Essen schlecht?

Beim 2:0 ließ das Deutschlandgefühl seine bis dahin gewahrte und natürlich ein wenig gespielte journalistische Gleichmütigkeit vollends fahren und trommelte mit den Handflächen auf den Tisch, der womöglich Björn, Lasse oder Björg hieß. Entschuldigung. Aber das muss wohl der neue Patriotismus sein.

Nein. Quatsch. Jetzt fällt eben die ganze Anspannung von uns ab.

Die Emotionen müssen raus. Das ist es.

Yippiedie!

Der ghanaische Taxifahrer mit Ghanas bunter Flagge oben drauf brachte mich in Windeseile zurück nach Mitte, zur zweiten Halbzeit. Noch nie habe er eine so gute Stimmung in Deutschland erlebt wie in diesen Tagen, sagt Lawrence. Plötzlich fährt ein deutsches Auto auf gleiche Höhe und ruft „Ghana, Ghana!“

Er lacht und hört weiter Radio „Fritz“, wo sie eine Fußballreportage der ganz anderen Art pflegen. Seine schlimmste Befürchtung für diesen Tag: Dass er für die große Party heute Abend keine Deutschland-Fahne mehr auftreiben kann. Die will er sich neben der von Ghana ans Dach stecken.

Rede jetzt niemand von verlogenem Multikulti-Scheiß.

Das war echt. Das wird uns weiter bringen.

Und so bleibt uns gar keine andere Wahl, als den derart umfassend verstandenen Patriotismus-Pegel auf dem Klinsimeter auf den Rekordwert von 10 Punkte zu heben.

Denken Sie mal nicht an morgen – Let it rock!



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