MoMAnia in Berlin "Verlassen Sie sich darauf, es wird voll"

Cezanne, Monet, Picasso und Chagall werden ab Freitag die Kunstszene in Berlin dominieren. Doch um die Ausstellung des New Yorker Museum of Modern Art nach Berlin zu lotsen, musste die Neue Nationalgalerie gleich mit einer ganzen Reihe von Tabus brechen. SPIEGEL ONLINE zeigt Bilder aus "Das MoMA in Berlin".

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Skulptur "Broken Obelisk" des US-Künstlers Barnett Newman vor der Neuen Nationalgalerie: Das Trommeln von 20th Century Fox
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Skulptur "Broken Obelisk" des US-Künstlers Barnett Newman vor der Neuen Nationalgalerie: Das Trommeln von 20th Century Fox

Der Abend begann mit einer Kränkung. Während eines gepflegten Essens in einer Schöneberger Kneipe im Sommer vor zwei Jahren stellte Glenn Lowry, Direktor des New Yorker Museum of Modern Art, kurz MoMA, seinem Freund Peter Raue die Idee dar, die besten Bilder seiner hauseigenen Sammlung für eine Wanderausstellung zur Verfügung zu stellen. Als Ausstellungsorte könne er sich London, Paris, Madrid oder Frankfurt vorstellen.

Raue, der Vorsitzende des Berliner Vereins der Freunde der Nationalgalerie, war schockiert. Mehr als 200 Meisterwerke der einzigartigen und wohl umfassendsten Sammlung moderner Kunst sollten auf Tour durch Europa gehen, und Berlin blieb außen vor?

Dabei sei, mit Verlaub, die deutsche Hauptstadt geradezu prädestiniert für solch eine Jahrhundertschau - und nicht als eine von mehreren Stationen, sondern als die einzige. Raue erinnerte Lowry daran, dass es schließlich die Neue Abteilung der Nationalgalerie und ihre Konzentration auf die Moderne Kunst war, die Gründungsdirektor Alfred Barr bei der Konzeption des MoMA inspiriert hatte. Dieser hatte sich einst auch den Erbauer der Neuen Nationalgalerie, Mies van der Rohe, als Architekten für das MoMA-Gebäude gewünscht.

Außerdem hatte Berlin diese Ausstellung auch irgendwie verdient, denn kaum eine Stadt war zu Beginn des 20. Jahrhunderts so sehr Bezugspunkt für die Künstler der Klassischen Moderne. Und keiner Stadt ist von diesem Reichtum auf Grund der Schrecken der dann folgenden Jahrzehnte so wenig geblieben wie Berlin.



Nach einigen weiteren Gläsern hatte sich Raue durchgesetzt: Das MoMA würde nach Berlin kommen. Und nur nach Berlin.

Der Kater kam ein paar Tage später. Eine erste Kostenschätzung hatte ergeben, dass die "Jahrhundert-Ausstellung" ein sehr kostspieliges Abenteuer werden würde. Allein der Transport der wertvollen Fracht, die wegen des Absturzrisikos auf mehrere Flugzeuge verteilt werden musste, würde eine Menge Geld kosten. Hinzu kam eine Leihgebühr in einer Höhe, die Museumsleute in Deutschland bis dahin nicht einmal in Erwägung gezogen hatten.

"Plötzlich ging es ums Geschäft"

Als das bekannt wurde - die genaue Summe hüten die Beteiligten wie ein Staatsgeheimnis -, folgte prompt der erste Aufschrei. Andere Museen könnten im Wettlauf um attraktive Sonderausstellungen ins Hintertreffen geraten, kritisierte etwa der Präsident des Deutschen Museumsbundes, Michael Eissenhauer. Selbst einige Mitglieder des exklusiven Freundeskreises der Nationalgalerie maulten vernehmlich über das eigenmächtige Vorpreschen ihres Vorsitzenden. Der Berliner Galerist Matthias Arndt forderte gar, die Millionen doch besser für den Aufbau einer eigenen Sammlung zeitgenössischer Kunst auszugeben.

Doch der Geschäftsmann übersah dabei das Wesentliche: Das Geld lag nicht irgendwo im Tresor der Neuen Nationalgalerie - "Das MoMA in Berlin" muss sie erst verdienen.

Eine ungewohnte Situation auch für Raues Ausstellungsmacher André Odier, Katharina von Chlebowski, Kuratorin Angela Schneider und ihre Assistentin Anke Daemgen. "Plötzlich ging es nicht mehr in erster Linie um die Kunst, sondern ums Geschäft", erinnert sich Projektleiter Odier.

Dass gleich zu Anfang mögliche Sponsoren reihenweise absagten, machte die Sache nicht einfacher. Ob DaimlerChrysler, Deutsche Telekom oder BASF - keines der großen Unternehmen sah Reserven in seinem Kulturetat: "Schlechte Zeiten, knappe Kassen, Sie verstehen..." Immerhin gelang es Raue, seine guten Drähte zur Deutschen Bank umzumünzen. Die Bankiers spendeten eine Million Euro.

Der Etat war unterdessen bereits auf 8,5 Millionen angewachsen. Um das Geld wieder einzuspielen, musste die Vermarktungsmaschine angeworfen werden: mehr Besucher, mehr Kataloge, mehr PR, mehr Drumherum.

Initiator Raue: Eigenmächtig vorgeprescht
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Initiator Raue: Eigenmächtig vorgeprescht

Mehr Besucher sollten kein Problem sein, auch wenn die Skeptiker die anvisierte Zahl von 700.000 für utopisch halten. Zur Documenta in Kassel, dem Pflichttermin für Kunstbeflissene in aller Welt, kamen im vergangenen Jahr 50.000 weniger, lautet der Einwand. Kein Problem sagt Raue: 'Das MoMA in Berlin' hat sieben Monate Zeit - und es findet in Berlin statt."

Um sicher zu gehen, haben die Ausstellungsmacher vorgebaut. Mit einer Werbekampagne zum Beispiel: An jeder Ecke von Berlin verkünden - etwas aufdringlich, aber dafür unübersehbar - goldene Lettern auf rosa Grund: "Das MoMA ist der Star". Rechtzeitig vor Beginn der Berlinale sollten die Kinogänger so auf die eigentliche Sensation der Kultursaison vorbereitet werden, erklärt Odier den Slogan. Um den Bezug zur Berlinale noch zu unterstreichen, erklingt auf der Homepage der Neuen Nationalgalerie sogar die Leitmelodie Hollywoods: das Trommeln von 20th Century Fox.

Werbung für "Das MoMA in Berlin" macht auch die französische Buchhandelskette Fnac, die bei dieser Gelegenheit gleichzeitig Eintrittskarten anbietet. Odier geht davon aus, dass sich über diesen zusätzlichen Verteiler allein deutlich mehr als fünf Millionen Menschen erreichen lassen. Schließlich hilft auch noch die Berliner Marketingagentur Berlin Tourismus Marketing (BTM) mit - allerdings erst auf sanften Druck des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit hin. Die Marketingleute reduzierten sogar ihre sonst recht üppigen Vertriebsprovisionen.

Momanizer für die Wartenden

Die Resonanz auf die Werbeoffensive glaubt BTM-Chef Hanns Peter Nerger schon deuten zu können: "Mich würde nicht wundern, wenn am Ende eine Million Besucher kommen würden", sagt er. Von einen "enormen Echo" spricht auch Odier, der sich allerdings nur ungern auf eine konkrete Zahl festlegen will. "Aber verlassen Sie sich darauf, es wird voll."

"Der Tanz" von Henri Matisse: 600 VIP-Karten pro Tag
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Die zu erwartenden langen Schlangen darf übrigens das Berliner Szenecafé "Einstein" ausbeuten, was einen unbedingt guten Aspekt hat: Der Latte Macchiato ist zwar nicht billig, aber wenigstens schmeckt er wirklich gut.

Als Gegenleistung finanziert das "Einstein" Cheerleader, die so genannten Momanizer, die den Schlangestehenden die wahrscheinlich bis zu zwei Stunden währende Wartezeit verkürzen und gleichzeitig - mit Geschichten über ihr ganz persönliches Lieblingsbild etwa - die Spannung steigern sollen. Auch die Idee hat ihr Vorbild - wen wundert's - in Amerika: Wer schon einmal das Empire State Building bestiegen hat, kennt dieses Nebenfach der Unterhaltungsindustrie bereits.

Wer trotz allem Brimboriums doch nur auf die Bilder scharf ist, dem bieten Odier und sein Team noch eine Möglichkeit, an den Massen vorbei in die Neue Nationalgalerie zu gelangen, und sichern sich ganz nebenbei ein kleines Zubrot: eine Art VIP-Karte, mit einem verbindlichen Termin versehen und in verschiedenen Hotels oder an einer Sonderverkaufsstelle im Interconti erhältlich. Kostenpunkt: 27 Euro. 600 Sonderkarten dieser Art, die in deutschen Museen eigentlich verpönt sind, sollen pro Tag zur Verfügung stehen. Wer dagegen Schlange steht, zahlt unter der Woche zehn Euro. Zwölf Euro werden für den Samstag oder Sonntag fällig, wenn der Ansturm erwartungsgemäß am größten ist. Insgesamt, so die Kalkulation der Ausstellungsmacher, dürften die Erlöse aus dem Ticketverkauf rund zwei Drittel der geplanten Einkünfte ausmachen.

MoMA-Shop in Berlin: Ein richtiger Kunstsupermarkt
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MoMA-Shop in Berlin: Ein richtiger Kunstsupermarkt

Mehr als ein Zubrot soll auch der Katalog liefern, der in einer Rekordauflage von 50.000 Exemplaren bereit liegen wird. Dass er von A bis Z aus der Feder der Kuratoren des MoMA stammt, ist in den Augen des Raue-Teams nur konsequent. Die Forderung nach einer "deutschen Perspektive", wie sie einige Feuilletonisten implizit aufgestellt hatten, lasse eher einen Rückschluss auf die Autoren zu, sagt Katharina von Chlebowski: "Und wie sollte die aussehen? Deutscher etwa als die Perspektiven der beiden Assistentinnen von John Elderfield?", ergänzt sie in Anspielung auf Angela Lange und Claudia Schmuckli, die beide zum Team des MoMA-Kurators gehören.

Mit gleicher Energie wenden sich die Nationalgaleristen gegen den Vorwurf, das Sujet sei von den MoMA-Leuten diktiert worden. "Die Ausstellung ist Ergebnis einer gemeinsamen Diskussion der beiden Kuratoren Angela Schneider und John Elderfield", betont Chlebowski. Elderfield kenne seine Sammlung und Schneider ihr Haus. Das Ergebnis sei eine Ausstellung, wie sie nur in der Neuen Nationalgalerie gezeigt werden könne. Was das Drumherum betreffe, seien die Anleihen an Amerika zugegebenermaßen viel größer. Das Drumherum, das ist der Shop - eine ganz neue Disziplin für die Ausstellungsmacher, denn so etwas gab es bis dahin in der Neuen Nationalgalerie nicht. Neben Katalogen wurden dort zwischen Cafeteria und Eingang allenfalls Poster und Postkarten verkauft.

Für "Das MoMA in Berlin" entstand nun unter Anleitung von Jörg Klambt ein richtiger Kunstsupermarkt mit 250 Quadratmeter Grundfläche, der rund 25 Prozent der Einnahmen sichern soll. Klambt hat Expertise: Er betreibt den Museumsshop im New Yorker Guggenheim-Museum. Unter den 600 zu Verkauf angebotenen Artikeln ist zwar auch allerlei Tand wie etwa mit Gemäldeklassikern bedruckten Tassen oder Mousepads, doch das betrachten Odier und seine Leute nur als Pflichtprogramm. Den weitaus größten Anteil machen Designerstücke aus, die einem höheren Anspruch gerecht werden.

Auch eine Tragetasche ist darunter, in intensivem Rosa, ganz so wie die Erkennungsfarbe der Ausstellung. Kulturstaatsministerin Christina Weiss fand schon Gefallen daran. Allerdings sicherte sie sich eines der wenigen Exemplaren in Quietschgrün. Sie ging damit schon stolz im Kanzleramt spazieren.


Das MoMA in Berlin
200 der bedeutendsten Meisterwerke des 20. Jahrhunderts aus dem Museum of Modern Art, New York, vom 20. Februar bis 19. September 2004 in der Neuen Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin-Tiergarten. Mo/Di/Mi/So 10-18 Uhr Do/Fr/Sa 10-22 Uhr



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