Mona Hatoum in Paris Die Welt steht unter Strom

Küchengeräte, Käfige und Kunsthistorie: Mona Hatoum zählt zu den wichtigsten zeitgenössischen Künstlerinnen. Nun ist im Pariser Centre Pompidou ihre bisher größte und umfassendste Ausstellung zu sehen.

Mona Hatoum/ Courtesy Galerie Max Hetzler/ Foto: Jörg von Bruchhausen

Wer auf der Kasseler Documenta von 2002 Mona Hatoums Installation "Homebound" ("Ans Haus gefesselt") hinter einer Drahtseilabsperrung gesehen hat, die an einen elektrischen Sicherheitszaun erinnerte, wird die Arbeit nie vergessen: Das ganze aufgebaute Zimmer mit Möbeln aus Metall stand unter hörbar knisterndem Strom - und war damit ein tödliches Arrangement.

Sie habe etwas zeigen wollen, sagte die 1952 geborene Künstlerin, das "Gemütlichkeit, Fürsorge und Häuslichkeit verspricht" - um dann diese Erwartung radikal zu zerstören. Das Heim war kein Schutzort mehr.

Mona Hatoum zählt international zu den wichtigsten zeitgenössischen Künstlerinnen. Das Centre Pompidou in Paris widmet ihr jetzt eine großartige Ausstellung. Ganz oben im sechsten Stock zeigt die geborene Libanesin mit palästinensischen Wurzeln und britischem Pass die bisher umfassendste Übersichtsschau ihres Werkes mit rund hundert Arbeiten, von den Siebzigerjahren bis heute.

Zu sehen sind viele Werke, die wie "Homebound" sowohl politisch als auch feministisch interpretiert werden können. So reiht Hatoum zum Beispiel auf einer schmalen Bank Küchensiebe und Knoblauchpressen, Schneebesen, Kochtöpfe und einen Fleischwolf nebeneinander auf, verbindet sie durch Kabel und jagt Starkstrom hindurch, der die Gegenstände kurz und mit einem zischenden Geräusch immer wieder aufleuchten lässt.

Und der mindestens zwei Meter hohe stehende Paravent ist eine absurd vergrößerte Küchenreibe mit messerscharfen sternförmigen Löchern, die alles zerschnitzeln könnte. Klar ist die erste Assoziation Gefahr, aber man kann und darf sich über das makabere und komisch aussehende Gestell auch amüsieren.

Genau wie über die Abtropfsiebe, deren Löcher Hatoum mit langen, herausragenden Schrauben geschlossen hat, sodass man über das nichtsnutze Küchengerät lächelt - und dann doch vielleicht an eine Tretmine denkt.

Genau das kann Hatoum wie keine andere: Sie lässt den Besucher seine eigenen Schlüsse ziehen. Nur sehr selten wird sie anklagend, eindeutig politisch oder platt theatralisch. Der Rollstuhl etwa, dessen Griffe in scharfe Messerschneiden münden, lässt keinen Raum zu intellektueller Distanz - außer, man besinnt sich auf den Surrealismus.

Spielzeugsoldaten und Frauenhaare

Solche kunsthistorischen Bezüge, zum Beispiel zum Minimalismus von Sol LeWitt, will Hatoum mit einigen ihrer skulpturalen Arbeiten herstellen. So soll der ausgestellte "Cube" aus eisernem Stabgeflecht nicht nur an eine Zelle erinnern, sondern an eine Arbeit des amerikanischen Minimalismus-Pioniers.

Auch die frei von der Decke hängende große Arbeit "Impenetrable" aus Stahlstäben mit Tausenden, eigens an den Stangen angebrachten Knoten ist eine Referenz an eine Skulptur des Kollegen Jesús Rafael Soto, was im ausliegenden Begleitblatt zur Ausstellung erwähnt wird. Sie erinnert aber eher an die Gefährlichkeit von Stacheldraht.

Ein gut funktionierendes Beispiel für einen Bezug zur Kunstgeschichte ist Hatoums Arbeit "Hanging Gardens": Aus einer Mauer aus Sandsäcken, wie sie in Kriegsgebieten als Schutzwall aufgestapelt wird, haben sich grüne Grashalme aus der Ummantelung einen Weg nach draußen gesucht und symbolisieren Hoffnung. Die "Hängenden Gärten" galten als eines der sieben Weltwunder im antiken Babylon - das im heutigen Irak liegt.

Um die politische Weltlage geht es auch in anderen Arbeiten: Hatoums großer Globus "Hotspot" (2009) ist ein käfigartiges Gitternetz, auf dem die Konturen der Kontinente in rotem Neon glühen. In ihren "Cellules" aus Stahlgittern, die an Käfige für Gefangene erinnern, sind rote mundgeblasene Glasgebilde eingesperrt, die wie Organe aussehen.

Intimer und ziemlich fragil sind die Arbeiten aus Frauenhaaren, die sie zum Beispiel subversiv in "Keffieh" eingewebt hat, in das traditionelle arabische Tuch, das die arabischen Männer auf dem Kopf tragen. Und in ihrer großen Plakat-Arbeit "Over My Dead Body" hat sie mit einem Spielzeugsoldaten auf ihrer Nase das Symbol der Männlichkeit zu einer kleinen Kreatur gemacht, die man wie eine Fliege wegwischen könnte.

Fremd sein, Vertrauen haben, Krieg, Heimat und Exil spielen bis heute eine große Rolle in Hatoums Leben und in ihrer Kunst. Das hängt natürlich auch mit ihrer eigenen Geschichte zusammen. Hatoums Familie mit christlich-palästinensischen Wurzeln lebt im Exil in Beirut, wo die Künstlerin 1952 geboren wurde und aufwuchs. Als sie 1975 London besuchte, brach im Libanon der Krieg aus, und so blieb sie und begann, in London Kunst zu studieren.

"Eine schlimme Erfahrung" sei das gewesen, sagt Hatoum im Video, in dem sie am Ende der Ausstellung über ihre Arbeit spricht: Aber das genau sei es gewesen, was sie zu ihrer Arbeit befähigt habe.


Mona Hatoum. Paris, Centre Pompidou. Bis 28.9., www.centrepompidou.fr



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