Mozart in der ARD Martern aller Arten

Im Jubeljahr 2006 ist Mozart omnipräsent. Die Welt wird zur Mozartkugel. Und beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen gilt: Anything goes. Sogar ein immer noch hüftschwingender Peter Kraus, der den Falco-Titel "Rock me Amadeus" zum Besten gibt.


Der Meisterkomponist macht den Medien zu schaffen. Wie geht man mit Mozarts Geburtstag um? Wie kann man den Mann  feiern, den alle zu kennen glauben? Keine leichte Aufgabe, auch nicht für gestandene Profis. Sandra Maischberger, Polit-Talkmasterin und Hobby-Flötistin, nahm Mozarts Fest zum Anlass, ihr zweites TV-Standbein als Gala-Moderatorin zu trainieren. Sympathischerweise war sie dabei richtig nervös.

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Mattscheiben-Mozart: Frantz und Falco
Die "Figaro"-Ouvertüre zum Auftakt der "Mozartshow" (gestern Abend, 20.15 Uhr, ARD) kam vom Band, machte aber nichts, war eh nur Background. Die Gastgeberin schaute leicht hektisch in die Kamera, die Paillettenbluse glitzerte, das Studiopublikum, an Tischchen platziert, applaudierte brausend: Da wehte schon ein Hauch Las Vegas durch die "Mozartshow" im Ersten.

Tatsächlich eröffneten die smarten Klazz-Brothers in Jazz-Trio-Besetzung, verstärkt durch kubanische Percussionisten, die Show mit federleichten und spannenden Latin-Bearbeitungen von "Nachtmusik" und g-moll-Sinfonie: Mozart, der schillernde Popstar seiner Zeit, immer gut für eine zeitgemäße Bearbeitung, scheinbar leicht zu greifen. Ein charmantes Klischee wurde wunderbar bestätigt - griffig, harmlos poppig, ein Mozart, den man mag. Und damit war auch der Ton des Abends fixiert: Mozart zum Kuscheln und zum Kugeln. Opernarien gab's keine, wer "Martern aller Arten" wie in der "Entführung aus dem Serail" befürchtete, konnte sich beruhigt zurücklehnen. Wenig Original-Mozart, viel Bearbeitungen standen auf dem Programm. Feigheit vorm Genie?

Der berserkerhafte, niederländische Klavier-Comedian Hans Liberg spielte gleich darauf grobschlächtig Mozart-Takte und Beethoven-Schnipsel, verknüpfte sie mit Pop und Schlager, als Beweis, das alles mit allem zusammenhängt. Das klang schaurig, aber auch irgendwie bodenständig.

Man durfte dösen

Der Countertenor Max Emanuel Cencic sang die Cherubino-Arie aus dem "Figaro" zum Klavier. Sehr schön, aber auch das nur eine bescheidene Bearbeitung. Der unvermeidliche Klassikversteher Justus Frantz erzählte versonnen von seinem zehn Monate alten Sohn und dessen ersten Klavierversuchen, streute ein paar Takte am Piano ein und sonderte dazu ein paar freundliche Sätze zum Thema Mozart-Faszination ab, die so oder ähnlich derzeit überall zu vernehmen sind.

Man durfte dösen und wünschte doch mehr von dem, was die Moderatorin permanent einforderte: Mozart. Die Schauspielerin Sonja Kirchberger berichtete über die mozartsche Klanghilfe für ihr früh geborenes Kind, und der Komiker Bernhard Hoecker musste aus den berühmten Briefen des Musikers an seine Cousine Maria Anna Thekla lesen ("Bäsle-Briefe"), was ihm sichtlich peinlich war, zumal die Publikumsreaktion auf die bekannten Fäkal-Auslassungen Mozarts eher spärlich ausfiel. Experten aus Salzburg nahmen das ungehobelte Genie daraufhin ein wenig in Schutz, denn der sinnenfrohe und derbe Duktus der Schriften huldige nur dem Zeitgeist, und der war im Rokoko halt a bisserl analfixiert.

Wo bleibt der pure Stoff?

Wo aber blieb der pure Stoff, ein bisschen musikalisches Kraftfutter, Mozart himself? Nachdem die Salzburger Museumskuratorin Gabriele Ramsauer empfindliche Original-Notenblätter vom "Rondo alla Turca" präsentierte, zu deren Anschauen das Studio abgedunkelt wurde, gab es eben dieses Stück vom jungen deutschen Star-Pianisten Martin Stadtfeld dargeboten. Der 25-Jährige schien mindestens so nervös wie Maischberger und huschte hastig durch das eher leichte Klavierstunden-Stück, das auf dem Studioflügel seltsam gedämpft und muffig klang.

Währenddessen kochte im Hintergrund Johann Lafer das Lieblingsgericht des Komponisten, einen kastrierten Hahn (alias Kapaun), der mit Austern und Trüffeln zubereitet wurde. Davon hätte man gern mehr gesehen, aber der Meister ließ sich nicht in den Topf schauen. Das Ergebnis jedenfalls mutete äußerst lecker an.

Fast hätte es einem kurz vor Schluss noch gründlich den Appetit verschlagen, denn niemand geringerer als Deutschlands Hüftschwinger Nummer Eins, Peter Kraus, intonierte Falcos bekannten "Rock Me, Amadeus"-Rap. Mit solidem Latin-Groove der Klazz-Brothers im Rücken, aber stimmlich ohne jedes Feeling und hart am Rande der Peinlichkeit. Was war schief gelaufen?

Harald Schmidt sendete in seiner später folgenden Show eine kritische Grußadresse an Kollegin Maischberger. "Ich interessiere mich für Mozart ja hauptsächlich wegen der Musik!" ließ er wissen. Patsch. Anschließend unterhielt er sich mit der erfrischend kompetenten und charmanten Geigenvirtuosin Anne-Sophie Mutter über Mozart, Kinder und Konzerte. Eine winzige, wunderbare Mozartshow. Zwei Virtuosen am Werk, ohne Nachtmusik, aber mit sicherem Blick und Biss.

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