MTV-Dokuserie Das Paris-Hilton-Syndrom

Arabische Nächte, Elefanten-Prozessionen, Überraschungsgäste aus Hollywood: Eine MTV-Serie dokumentiert die Partys reicher Teenager in den USA. Ist das noch Entertainment - oder bereits der Untergang des Abendlandes?

New York - Meleny hat ein Problem. Bei ihrer Geburtstagsfete, einem 300.000-Dollar-Spektakel in einem Nachtclub auf Long Island, wollte die Schülerin eigentlich auf einer Sänfte Einzug halten, von vier Bodybuildern getragen, um den Hals eine Boa Constrictor. Dazu hatte sie sogar ihre Angst vor Reptilien überwunden und einen Schlangentrainer angeheuert. Ihr Party-Motto: "Ich will, dass jeder vor Neid grün wird."

Doch am großen Tag ist der Trainer wie vom Erdboden verschwunden und mit ihm die Boa. Meleny, vormals "Miss Long Island", hat einen Wutausbruch, woraufhin ihre Lakaien verzweifelte Telefonate führen: "Wer hat eine große Schlange?" Im letzten Moment treibt Melenys Vater ein - etwas kleineres - Ungetüm auf und überbringt es der Tochter in einem Sektkühler. Melenys "grand entrance" verläuft wie geplant, die Gäste brechen in den erwünschten Neidjubel aus. "Ich bin eine Prinzessin", ruft Meleny, "und ich verdiene es!"

Meleny ist 18. Sie gehört zu einer Gruppe extrem verwöhnter US-Teenager, denen der TV-Sender MTV in Amerika mit einer erfolgreichen Reality-Serie huldigt. "My Super Sweet 16" widmet sich der Tradition des "Sweet 16", des 16. Geburtstags (in Melenys Fall zwei Jahre verspätet), jenem rituellen Abschied der Girls von der Kindheit. Früher gab's Torten, Ballons und Miet-Clowns. Doch die neue Generation, so legt die Serie nahe, zieht Prunk, Protz und Prasserei vor - auf Kosten der Eltern. Fazit: Diese Kids leiden am Paris-Hilton-Syndrom.

Rosa Pudel zum rosa Dress

Im Mittelpunkt jeder Folge von "My Super Sweet 16" steht eine neue Jubilarin. Oder ein Jubilar: Auch der wohlhabende Junge wird gefeiert, etwa Aaron Reid, Sohn des Musikmoguls L. A. Reid, der als Einladung MP3-Player verschickt. Frei von Ironie dokumentiert die Kamera die oft Monate langen Event-Vorbereitungen: die Gästeliste, die Kleiderwahl, die Shopping-Bummel fürs große "Überraschungs"-Geschenk (meist Sportautos), die unvermeidlichen Pannen, die Weinkrämpfe, die Tobsuchtsanfälle. Das Ende ist stets gleich, bar jeder Moral: Der Narzissismus siegt - je opulenter, desto besser.

Repräsentativ sind diese Teenager kaum. Doch in einem Land, das mehr Millionäre zählt denn je, findet MTV jede Menge Stoff für diesen Jahrmarkt der Eitelkeiten: Die Serie läuft in der dritten Staffel, eine vierte ist in Arbeit.

Zum Beispiel Ava aus Beverly Hills, die 16-Jährige mit dem am Ohr installierten Strass-Handy, die den Ballsaal des Four Seasons mietet und nach Paris jettet, um sich ein Kleid für den großen Auftritt auszusuchen. "Nichts Besonderes", nörgelt sie über ein rückenfreies Modell, Kostenpunkt: 10.000 Dollar.

Das ist noch spottbillig. Manche dieser Kindergeburtstage kommen am Ende auf eine halbe Million Dollar. Sophie feiert, unterstützt von einem Event-Planer, unter dem Motto "Moulin Rouge" - samt Can-Can-Truppe und 1500-Dollar-Torte ("Ich wollte Substanz"). Marissa färbt ihre zwei Pudel rosa, passend zum Dress, und bekommt gleich zwei Autos, einen SUV (für wochentags) und ein rotes Cabrio (fürs Wochenende). Priya und Divya, Töchter eines indischen Kardiologen aus Texas, eröffnen ihre "Bollywood"-Sause mit einer echten Elefanten-Prozession und sacken einen Bentley, ein Mercedes-Cabrio, Diamanten und zwei Häuser in Indien ein. Alex, selbsternannte "Erbin in Ausbildung", fährt in einer Pferdekutsche zur Party. Sierra, erst 15, feiert ein Jahr früher, um die Klassenkameraden auszutricksen, und lässt sich per Helikopter einfliegen.

P. Diddy als Überraschungsgast

In der bei TV-Werbekunden so begehrten Altersgruppe der 12- bis 24-Jährigen erreicht "My Super Sweet 16" Top-Einschaltquoten - und ist entsprechend mit Product Placement für Luxuswaren gespickt. Kritiker sehen dies freilich als Symptom für den Untergang des Abendlands. "Hier feiert sich die Selbstsucht", wütet Kolumnistin Ana Marie Cox, selbst 34, im "Time-Magazine". "Die Serie ist ein Infomercial für den Klassenkampf." "Moulin Rouge"-Sophie klagt, sie habe hinterher Drohbriefe bekommen.

Andere sehen das Spektakel gelassener. "Jerry Springer für reiche Kinder", sagt Zena Burns, die Unterhaltungschefin des Magazins "Teen People", in Anspielung auf die verrufene und doch unvermindert populäre Trash-Talkshow. "Man kann nicht aufhören zuzusehen."

Wie wahr. Denn am Ende zieht sich doch noch eine Moral wie ein pinkfarbener Faden durch die bisher 23 Folgen. "Ich bin ein Star!", juchzt Meleny, als sie nach ihrer "Arabischen Nacht" in einen Stretch-Hummer steigt, jene beliebte Kreuzung aus Limousine und Panzer. "Sie lieben mich!", ruft Ava angesichts ihres neuen Range Rovers. "Ich bin wer!", erkennt Aaron, nachdem die HipHop-Stars Kanye West und P. Diddy als Überraschungsgäste auf seiner Party aufgetreten sind.

Zuckerwatte-Entertainment

Dahinter steckt nicht nur die alte Sucht nach Berühmtheit, sondern auch die Entwicklung einer neuen Teenie-Star-Generation, deren Ikonen Berufserbinnen sind, die nie für etwas arbeiten mussten. "Wir alle sind jetzt Paris Hiltons", bemerkt Cox resigniert. Aber funktioniert Ruhm als Therapie? Oder sind diese Partys ein Schrei nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung - Werte, die sich letztlich nicht kaufen lassen?

MTV jedenfalls versüßt das Projekt die Bilanzen: Der Sender hat die Show deshalb ausgebaut und zum interaktiven Konsumerlebnis erhoben, inklusive einer Website, auf der man Videos über die Qual des Erwachsenwerdens kaufen kann (darunter auch den Horror-Klassiker "Carrie"), außerdem die Songs jeder Episode, meist selbst von Teenie-Queens, sowie den Zugang zum Video-Feed der "After-Show". Und kein Ende in Sicht: Pro Saison bewerben sich Hunderte, sagt MTV-Produzentin Nina Diaz. "Wir suchen nach den unglaublichsten, exklusivsten Partys", lockt MTV zum jüngsten Casting für die Staffel vier. "Wir wollen von dir hören!"

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