München verbietet "Körperwelten" Lieber Bier- als Plastikleichen

Die Stadt München verbietet die Ausstellung "Körperwelten" - nachdem sie in Deutschland bereits vier Millionen Besucher gesehen haben. Die Schau verstoße gegen die Menschenwürde, argumentieren die Stadträte. Nicht alle scheinen allerdings zu wissen, worum es überhaupt geht.

Von Michael Franck


Anatom von Hagens, Exponat: Verkleidet und in unnatürlicher Pose
DDP

Anatom von Hagens, Exponat: Verkleidet und in unnatürlicher Pose

Zugegeben, es wirkt schon merkwürdig, eine skelettierte Leiche zu verkleiden und sie dann auch noch in aller Öffentlichkeit zur Schau zu stellen. Eine Art Krone auf dem Totenkopf, dazu ein glitzerndes, mit Edelsteinen verziertes Gewand rund um die morschen Knochen - doch, das dürfte nach Auslegung mancher Juristen sowohl gegen die Würde der Toten als auch gegen das bayerische Bestattungsgesetz verstoßen, demzufolge Leichen binnen 96 Stunden beerdigt werden müssen, wenn sie nicht wissenschaftlichen oder medizinischen Zwecken dienen.

Ein Glück, dass die Münchner Stadträte von SPD und CSU wohl nicht allzu oft in die Kirche gehen, sonst hätten sie die Märtyrerleiche der heiligen Munditia, seit 1677 aufgebahrt in St. Peter unweit des Münchner Rathauses, sicher längst zwangsbestatten lassen. Denn öffentlich zur Schau gestellte Leichen, die dazu noch verkleidet oder in einer unnatürlichen Pose, etwa als Reiter oder Denker, öffentlich dargestellt werden, haben in München eigentlich keine Chance.

Am späten Mittwoch Abend hat der Stadtrat der bayerischen Landeshauptstadt mit nur wenigen Gegenstimmen aus Teilen der FDP und Grünen sowie von kleinen Parteien ein Verbot der Ausstellung "Körperwelten" verfügt, die ab Ende Februar in einer ehemaligen Reithalle in München-Schwabing zu sehen sein sollte. Innerhalb und außerhalb der Stadtgrenzen wurde diese Entscheidung mit einiger Verblüffung aufgenommen.

"Körperwelten"-Ausstellung in Berlin, plastiniertes Pferd: Nicht mehr Leichen, sondern Sachen
DPA

"Körperwelten"-Ausstellung in Berlin, plastiniertes Pferd: Nicht mehr Leichen, sondern Sachen

Allein in Deutschland haben bislang laut Ausstellungsbüro knapp vier Millionen Besucher in verschiedenen Städten die 25 Leichen und mehr als 200 Leichenteile gesehen, die der Heidelberger Anatom Gunther von Hagens mittels der von ihm entwickelten Plastination konserviert hat. Dabei werden die Körperflüssigkeiten durch einen plastikähnlichen Füllstoff ersetzt. Zurzeit ist die Ausstellung in London und Seoul zu sehen. Nächste Station sollte München sein. Doch dazu kommt es jetzt anscheinend nicht.

Denn der Stadtrat, in dem Rot-Grün seit zwölf Jahren die Mehrheit hat, folgte in seiner Entscheidung einem juristischen Gutachten des Kreisverwaltungsreferats, demzufolge die "Körperwelten" zum einen gegen das bayerische Bestattungsgesetz, aber auch gegen das Grundgesetz verstoße. Die in der Ausstellung gezeigten Leichen verletzten demnach "die Würde der Verstorbenen und das sittliche Empfinden der Allgemeinheit".

Das hatte die Stadt Mannheim vor fünf Jahren noch anderes beurteilt. Als dort mehrere Anzeigen gegen die "Körperwelten" eingingen, befand man, dass es sich bei den Exponaten durch die aufwändige Behandlung nicht mehr um Leichen, sondern um wissenschaftliche Präparate handle - also um Sachen. Diese Interpretation scheint nun aber ebenso umstritten wie es die ethische und wissenschaftliche Bewertung der Ausstellung seit ihrer ersten Station in Japan 1996 war.

Zuletzt hatte Gunther von Hagens, Initiator der "Körperwelten", für Aufsehen gesorgt, als er im November 2002 in London eine Leiche öffentlich sezierte - gegen den Willen der Behörden. Als er solch eine Autopsie auch für München ankündigte, kündigte die Stadt sofort an, dagegen vorzugehen - und kam dadurch erst auf den Gedanken, die ganze Ausstellung überprüfen zu lassen. Schnell wandte sich die Stimmung gegen die Leichen-Show und Mitte Januar geißelte Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) die Veranstaltung als "abscheuliches Spektakel", deren "mit Schaulust und Sensationsgier begründeter Tabubruch" klar die Menschenwürde missachte.

Umstrittene Leichen-Sektion in London: "Abscheuliches Spektakel"
REUTERS

Umstrittene Leichen-Sektion in London: "Abscheuliches Spektakel"

Damit offenbarte Ude allerdings einen überraschenden Sinneswandel, denn zuvor hatte er bereits ein freundliches Vorwort für den geplanten Ausstellungskatalog verfasst. Nun redet er sich mit einer reichlich fadenscheinigen Begründung heraus: "Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass es sich bei den Exponaten tatsächlich um menschliche Leichen handelt und nicht um Nachbildungen aus Plastik."

Auch andere Kommunalpolitiker erweckten nicht eben den Anschein, als wüssten sie, worum es überhaupt geht. So verwechselte der CSU-Fraktionschef Klaus Podiuk offensichtlich Bierleichen und Plastinate, als er gegen den "Oktoberfestcharakter" der Veranstaltung wetterte. Der SPD-Stadtrat Josef Assal brachte zur entscheidenden Sitzung stolz das anatomische Plastikmodell eines Oberkörpers mit und verkündete, damit sei wohl bewiesen, dass es keine Leichen brauche, um die Funktionen des menschlichen Körpers zu veranschaulichen. Tatsächlich aber zeigte der Plastiktorso aus dem Anfängerkurs für Medizinstudenten gerade nicht die Hautschichten, Muskelstränge und Nervenbahnen, die man in den "Körperwelten" bestaunen kann und hätte somit allenfalls als Plädoyer für den wissenschaftlichen Wert der Ausstellung dienen können.

Von welchem Wert die Körperwelten nun aber sind und ob sie gegen die Menschenwürde verstoßen oder nicht - das wird nun das Verwaltungsgericht klären müssen, denn das Heidelberger Ausstellungsbüro hat angekündigt, gegen das Verbot Klage einzureichen. Vom Erfolg sind die "Körperwelten"-Macher überzeugt. Nachdem es in der Schwabinger Reithalle Schwierigkeiten mit Umbau und Mietvertrag gab, wollen sie die Schau nun ab Ende März im - erheblich größeren - früheren Radstadion auf dem Olympiagelände zeigen.

Bis dahin werden sie wohl auch noch die drängende Frage vieler Stadträte beantworten müssen, woher denn die ausgestellten Leichen genau stammen. Gunther von Hagens versicherte schon mal, dass es sich ausschließlich um Körperspender handle, die vor ihrem Tod einer Verwendung zu wissenschaftlichen Zwecken ausdrücklich zugestimmt hätten. Ganz im Gegensatz zur heiligen Munditia.



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