Münchner Kunstschatz Behörden veröffentlichen verdächtige Werke aus Gurlitt-Fundus

Deutschland reagiert auf die massive internationale Kritik: Um die Herkunft der Münchner Kunstschätze schneller aufzuklären, richten der Bund und das Land Bayern eine Expertengruppe ein. Zudem werden die Werke jetzt im Internet gezeigt. Den Anfang macht eine Auswahl von 25 Bildern.

Berlin/Hamburg - Die Regierung richtet gemeinsam mit dem Freistaat Bayern eine mindestens sechsköpfige Taskforce aus Experten der Provenienzforschung ein, um die Herkunft der sichergestellten Kunstwerke "so rasch und transparent wie möglich" festzustellen. Das gab die Bundesregierung am Montagabend in einer gemeinsamen Erklärung mit der bayerischen Regierung bekannt. Außerdem habe man damit begonnen, erste Werke im Internet zu veröffentlichen.

Die ersten 25 Werke mit entsprechendem dringenden Verdacht, NS-Raubkunst zu sein, können in der Lost Art Internet Database (www.lostart.de ) der Koordinierungsstelle Magdeburg eingesehen werden. Darunter sind Arbeiten von Marc Chagall, Otto Dix, Max Liebermann, Henri Matisse und Auguste Rodin. Dies sei jedoch nur ein Anfang, hieß es. Man werde die Liste ergänzen und aktuell halten (die Übersicht der nun veröffentlichten Bilder finden Sie hier).

Die Leitung der Taskforce wird die promovierte Juristin Ingeborg Berggreen-Merkel übernehmen, die bis April dieses Jahres Stellvertreterin des Kulturstaatsministers Bernd Neumann war. Die Koordinierung soll die Berliner Arbeitsstelle für Provenienzrecherche/-forschung (AfP) übernehmen.

Wachsender Druck auf die Bundesregierung

Laut dem Bundesbeauftragten der Bundesrepublik für Kultur und Medien, Staatsminister Bernd Neumann, sind abzüglich beschlagnahmter Gegenstände, die eindeutig keinen Bezug zur "Entarteten Kunst" oder zur NS-Raubkunst haben, rund 970 Werke zu überprüfen. Davon könnten circa 380 Werke dem Bereich der sogenannten "Entarteten Kunst" zugeordnet werden, bei ungefähr 590 Werken müsse überprüft werden, ob sie in der NS-Zeit unrechtmäßig erworben oder enteignet wurden.

Zuletzt war der Druck auf die Bundesregierung zu handeln, enorm gewachsen. Zahlreiche Museen, die US-Regierung und weitere Institutionen wie der Jüdische Weltkongress hatten ein transparenteres und zügigeres Vorgehen bei der Aufklärung der Herkunft der Werke sowie die Veröffentlichung einer Liste aller gefundenen Kunstwerke gefordert.

Auch der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann hatte sich in der Zeitschrift "Art" zu Wort gemeldet und gefordert, alle entdeckten Werke ins Internet zu stellen. Zudem könne es nicht sein, dass nur eine einzelne Kunsthistorikern mit der Untersuchung beauftragt sei.

Cornelius Gurlitt aufgespürt

Der amtierende Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hatte sich angesichts der anhaltenden internationalen Kritik besorgt um Deutschlands Ansehen im Ausland gezeigt. "Wir sollten die Sensibilität des Themas in der Welt nicht unterschätzen", sagte Westerwelle während eines Indien-Besuchs.

Die Entdeckung der 1406 Kunstwerke im Milliardenwert in der Münchner Wohnung des 80-jährigen Cornelius Gurlitt, Sohn des 1956 verstorbenen Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, wurde erst vor gut einer Woche bekannt. Die Sammlung, darunter Meisterwerke von Künstlern wie Picasso, Chagall und Otto Dix, wurde von der zuständigen Augsburger Staatsanwaltschaft und der Steuerfahndung anderthalb Jahre lang unter Verschluss gehalten. Es wird vermutet, dass sich darunter auch Nazi-Raubkunst sowie in der NS-Zeit als "entartete Kunst" enteignete Werke befinden.

Der Wohnungsbesitzer Cornelius Gurlitt galt bisher als verschollen. Reporter der französischen Illustrierten "Paris Match" spürten ihn nun in München auf. Offenbar bewohnt er weiterhin die Schwabinger Wohnung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und Unterschlagung.

seh/dpa
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