Münchner Kunstfund Jüdischer Weltkongress wirft Deutschland Fahrlässigkeit vor

1406 Meisterwerke umfasst der Münchner Kunstfund. Noch ist unklar, wem sie gehören. Der Jüdische Weltkongress mahnt zur Eile, die Bilder müssten schnell ins Internet gestellt werden. Auch Guido Westerwelle fordert mehr Transparenz - und warnt vor einem Vertrauensverlust.
Lauder: "Weder die möglichen Anspruchsberechtigten noch etwaige Zeugen werden jünger"

Lauder: "Weder die möglichen Anspruchsberechtigten noch etwaige Zeugen werden jünger"

Foto: © Ina Fassbender / Reuters/ REUTERS

Berlin - Nach dem spektakulären Münchner Kunstfund meldet sich der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, mit scharfer Kritik an den deutschen Behörden zu Wort. Er wirft ihnen Fahrlässigkeit vor. "Es ist wertvolle Zeit vergeudet worden", schreibt Lauder in einem Gastbeitrag in der "Welt".

Er mahnt zur Eile: "Weder die möglichen Anspruchsberechtigten noch etwaige Zeugen im Rückgabeverfahren werden jünger." Es möge keine böse Absicht der Staatsanwaltschaft vorliegen, aber "Unrecht wird nicht beseitigt, sondern fortgeführt, solange keine Klarheit über die Eigentümer geschaffen wird."

Lauder, der seit 2007 die internationale Vereinigung von jüdischen Gemeinschaften und Organisationen leitet, forderte die Bundesregierung auf zu handeln. "Die deutsche Regierung muss diese Bilder sichtbar machen", sagte er der Zeitung. Die Polizei und die Politik müssten sofort eine Inventur machen und den gesamten Fundus ins Internet stellen. Jeder habe dann die Möglichkeit zu sehen, was vorhanden ist. "Es gibt keine moralische Frage, es geht um Recht und Unrecht. Eigentum wurde gestohlen. Und das muss an die rechtmäßigen Eigentümer zurück."

Er galt als verschollen

Auch der amtierende Außenminister Guido Westerwelle verlangte einen offeneren Umgang mit dem spektakulären Münchner Kunstfund. Der FDP-Politiker warnte während seines Indien-Besuchs vor einem Schaden für Deutschlands Ansehen.

"Wir sollten die Sensibilität des Themas in der Welt nicht unterschätzen", sagte Westerwelle. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht Vertrauen verspielen, das in langen Jahrzehnten aufgebaut wurde. Das Gebot der Stunde ist jetzt Transparenz."

Erst in der vergangenen Woche war bekannt geworden, dass die Behörden bereits 2012 in einer Münchner Wohnung rund 1400 Bilder beschlagnahmt hatten. Darunter sind Meisterwerke von Künstlern wie Picasso, Chagall, Otto Dix und Matisse. Die Wohnung gehört dem Sohn des in den fünfziger Jahren verstorbenen Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt.

Seitens der Augsburger Staatsanwaltschaft hatte es bisher geheißen: Man wisse nicht, ob Cornelius Gurlitt überhaupt noch lebt. Er galt als verschollen, wurde aber nun von Reportern der französischen Illustrierten "Paris Match" überraschend in München aufgespürt. Offenbar lebt der Kunstsammler weiterhin in seiner alten Wohnung im Münchner Stadtteil Schwabing. Die zuständige Augsburger Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Gurlitt wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung und Unterschlagung.

Den SPIEGEL erreichte in der vergangenen Woche ein Lebenszeichen Gurlitts: ein Brief. In dem Schreiben bittet Cornelius Gurlitt darum, den Namen Gurlitt "nicht mehr in Ihrem Blatt erscheinen zu lassen". Offenbar geht es ihm darum, dass sein Vater Hildebrand Gurlitt nicht in Zusammenhang mit dem Nazi-Regime gebracht werden soll.

"Herkunftsrecherche zu Kunstwerken zügig voranbringen"

Die Bundesregierung versprach am Sonntag schnelle Aufklärung der Besitzverhältnisse. "Die Bundesregierung wird zusammen mit den bayerischen Behörden die Herkunftsrecherche zu Kunstwerken aus der Sammlung Gurlitt zügig voranbringen", sagte Hagen Philipp Wolf, der Sprecher von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). Werke mit unklarer Erwerbsgeschichte würden dann unter Berücksichtigung des laufenden Ermittlungsverfahrens "umgehend veröffentlicht" - vorwiegend im Internet.

Die von den Nazis als entartet beschlagnahmten Bilder darf der Kunstsammler Gurlitt wohl behalten. Das geht aus einer Einschätzung des Zollkriminalamts (ZKA) für das Bundesfinanzministerium hervor, aus der der "Focus" und die "Bild am Sonntag" zitierten. Die 315 Kunstwerke stammten "ausschließlich aus staatlichen und städtischen Museen bzw. Landesmuseen", hieß es. Deshalb dürften "Rückgabe/Restitutionsansprüche der ehemaligen Eigentümer nicht durchsetzbar sein". Es sei auch zweifelhaft, dass Gurlitt wegen hinterzogener Einfuhrumsatzsteuer angeklagt werde.

heb/seh/dpa
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