Münchner Sensationsfund Die lange Jagd nach dem Bilderschatz

Weltweit macht die Geschichte vom Milliarden-Kunstschatz in München Schlagzeilen. Doch wie stießen die Ermittler auf Cornelius Gurlitt, den Mann, der die Gemälde in seiner Wohnung hortete? Sie wussten offenbar vor der Hausdurchsuchung, dass es sich bei den Bildern um Raubkunst handelte.

Bayerische Zollfahnder suchen einen Steuersünder und finden einen Beutekunstschatz? Die Geschichte klingt zu abenteuerlich, um wahr zu sein. Tatsächlich legt eine Bemerkung des Leitenden Oberstaatsanwalts in Augsburg eine andere Schlussfolgerung nahe: Die Ermittler wussten ganz genau, was sie in der Schwabinger Wohnung erwartete. Die insgesamt 121 gerahmten und 1285 ungerahmten Werke - unter anderem von berühmten Meistern der klassischen Moderne - wurden nicht zufällig gefunden. Das bestätigte Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz dem SPIEGEL.

Der Zufall sei den Ermittlern nur ganz am Anfang der Affäre zu Hilfe gekommen, erklärte Nemetz: bei einer routinemäßigen Personenkontrolle am 22. September 2010 gegen 21 Uhr abends in einem Schnellzug zwischen Zürich und München, auf dem Streckenabschnitt Lindau-Kempten. Der Passagier, den man sich genauer ansah, war der 76-jährige Cornelius Gurlitt. Er hatte 9000 Euro in bar bei sich.

"Erlaubt sind 10.000 Euro", sagte Siegfried Klöble, Regierungsdirektor beim Zollfahndungsamt München auf der Pressekonferenz in Augsburg. "Wir sind nicht so einfach an der Nase herumzuführen: Wenn jemand 9000 Euro dabei hat, gehen wir davon aus, dass diese Person mit den rechtlichen Rahmenbedingungen zum Geldtransfer zwischen Deutschland und der Schweiz gut vertraut ist, und da wollen wir natürlich wissen: warum?" Die Behörden blieben dem Mann im Zug also auf den Fersen, sie hatten Gurlitt als Steuersünder im Verdacht. Die Ermittler sammelten weiter Indizien.

Routinekontrolle mit ungeahnten Folgen

Sicher dürfte sein: In einem Rechtsstaat wie Deutschland verhängt kein Richter einen Beschluss für eine Wohnungsdurchsuchung auf Basis eines legalen Bargeldfundes in der Jackentasche eines Bahnreisenden. Das bestätigt auch Oberstaatsanwalt Nemetz: "Wir hatten andere Indizien, die dem Richter als Anfangsverdacht für die Anordnung einer Hausdurchsuchung vorgelegen haben", sagt Nemetz.

Die spannende Frage, die er nicht beantwortet, lautet: Was genau hatten die Ermittler gegen Gurlitt in der Hand, als sie Ende Februar 2012, also rund eineinhalb Jahre nach der Routinekontrolle im Zug, vor der Wohnung des Verdächtigen in Schwabing aufkreuzten?

Eine naheliegende Vermutung ist die, dass den Ermittlern Gurlitts Versteigerung des Beckmann-Gemäldes "Der Löwenbändiger" beim Auktionshaus Lemperz im Herbst 2011 nicht entgangen sein dürfte. "Ich mache keine Angaben darüber, ob wir den Verdächtigen observiert haben oder nicht", sagt Oberstaatsanwalt Nemetz. Auf die Frage, ob Ermittlern, die einem wie auch immer Verdächtigen in welcher Form auch immer auf den Fersen sind, eine Geschäftstätigkeit wie die Versteigerung eines hunderttausend Euro teuren Werkes entgehen könne, lächelt Nemetz verschmitzt: "Kein Kommentar". Nur so viel verrät er: Die Entdeckung der Gemälde sei "kein Zufallsfund" gewesen.

Wo sich Cornelius Gurlitt derzeit aufhält - ob er sich nicht längst abgesetzt hat oder möglicherweise sogar tot ist -, dazu kann der Staatsanwalt keine Angaben machen. Es gebe keinen Kontakt zu dem Mann, Rechtsbeistand in Form eines Anwalts habe er sich nicht genommen. "Wir wissen nicht, wo er ist, und wir müssen das derzeit auch gar nicht wissen", sagte Nemetz. Ein Haftbefehl liegt - jedenfalls noch - nicht vor, Fluchtgefahr habe angeblich nicht bestanden, der Tatverdacht sei bislang nicht dringend.

"Wir werden nicht auf den Kunstwerken sitzen bleiben"

Die Staatsanwaltschaft Augsburg ermittelt aktuell, so Nemetz, ob sich Gurlitt eines steuerrechtlichen Vergehens schuldig gemacht hat, ob er Vermögenswerte in Form von Kunstwerken unterschlagen hat und - besonders brisant, so Nemetz - ob diese Straftaten möglicherweise nicht längst verjährt sind. Steuerhinterziehung verjährt nach fünf bis zehn Jahren, Unterschlagung von Vermögen nach fünf Jahren.

Die Vermutung, Gurlitt habe noch nach der Beschlagnahmung der Meisterwerke Gemälde zu Versteigerung gegeben, ist in jedem Fall falsch. Das betonte Nemetz auf der Pressekonferenz. Der "Focus" war in seiner Berichterstattung irrtümlich davon ausgegangen, dass die Hausdurchsuchung bei Gurlitt schon Anfang 2011, also vor der Versteigerung des Beckmann-Bildes, stattgefunden habe. Tatsächlich fand die Razzia erst Anfang 2012 statt, also zu einem Zeitpunkt, zu dem Gurlitt von Zoll- und/oder Steuerfahndern mutmaßlich observiert wurde.

Aufgrund der falschen Zeitangaben im "Focus"-Artikel lag der Rückschluss nah, Gurlitt könne noch ein zweites Lager mit Nazi-Bildern besitzen. Vielleicht in seinem Haus in Salzburg oder bei der Schwester, mutmaßten Journalisten auf der Pressekonferenz in Augsburg. Oberstaatsanwalt Nemetz hält das für unwahrscheinlich. "Bislang haben wir weder Ermittlungen im Umfeld der Schwester eingeleitet, noch die österreichischen Behörden um Amtshilfe gebeten. Es gibt keine Indizien, die einen solchen Schritt nahelegen", sagte er.

Wann die Ermittlungen abgeschlossen sein werden? Wieder sagt Nemetz: "Kein Kommentar." Sicher sei nur: "Wir als Staatsanwaltschaft wollen und werden nicht auf den Kunstwerken sitzen bleiben". So schnell wie möglich solle die Aufklärung des Falles weiter vorangehen.

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