Müntefering verklagt "Bild" Chef-Allianz gegen Anzeige

In der Affäre um private Bonus-Flüge von Bundestagsabgeordneten haben die Chefredakteure führender deutscher Medien die Strafanzeige von SPD-Generalsekretär Franz Müntefering gegen die "Bild"-Zeitung scharf verurteilt.


Ärger mit der Anzeige: Franz Müntefering
DDP

Ärger mit der Anzeige: Franz Müntefering

Hamburg - "Bild" berichtet in seiner Montagausgabe, die Chefredakteure werteten die Anzeige als Angriff auf die Pressefreiheit und als Versuch, unliebsame Recherchen zu verhindern. Müntefering hatte die "Bild"-Zeitung, den Steuerzahlerbund sowie einen Mitarbeiter der FDP-Landtagsfraktion Nordrhein-Westfalen angezeigt, weil sie offensichtlich "auf illegalem Wege Kenntnis vom Status der Bonusmeilen der Mitglieder des Bundestages erhalten" hätten.

Das Blatt zitierte SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust mit den Worten: "Die Affäre ist peinlich genug. Wenn Politiker in ihrer Wahlkampf-Panik jetzt zum juristischen Amoklauf ansetzen oder gar mit neuen Gesetzen gegen die Unabhängigkeit der Presse vorgehen wollen, wird aus der Posse ein ernstes politisches Problem."

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Bonusmeilen - Münteferings Presseschelte

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"Focus"-Chefredakteur Helmut Markwort nannte die Strafanzeige Münteferings dreist. "Sie darf weder 'Bild' noch andere Medien einschüchtern oder davon abhalten, weiter heikle Themen zu recherchieren und darüber zu berichten."

Der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, erklärte nach Angaben des Blattes, Müntefering handele nach dem "Prinzip von Wilden: Nach dem Erdbeben schlägt man auf den Seismographen ein."

"Eine Demonstration der Schwäche"

Die "Stern"-Chefredakteure Thomas Osterkorn und Andreas Petzold warfen dem Generalsekretär "ein merkwürdiges Demokratie-Verständnis" vor. "Der 'Stern' wehrt sich gegen alle Versuche, den Informanten- und Quellenschutz auszuhebeln, auch wenn es sich dabei nur um ein Wahlkampfmanöver handelt."

Der Chefredakteur des Berliner "Tagesspiegels", Giovanni di Lorenzo, sagte, Strafanzeigen und die Androhung neuer Gesetze "wirkten wie eine Demonstration der Schwäche". Die Bloßstellung von Freiflügen sei "kein Abgrund von Landesverrat".



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