Murdoch-Ehefrau Wendi Tigermuttis echte Liebe

Mit einem Schlag wurde Wendi Murdoch weltberühmt. Ihr passionierter Ganzkörpereinsatz zugunsten ihres Gatten Rupert signalisiert nicht nur Fürsorge, sondern auch eine neue gesellschaftliche Bewertung von Paaren mit großem Altersunterschied. Über sie die Nase zu rümpfen, ist nicht mehr zeitgemäß.

Ehepaar Wendi und Rupert Murdoch: Sugar Daddy mit Schmetter-Schwester
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Ehepaar Wendi und Rupert Murdoch: Sugar Daddy mit Schmetter-Schwester

Von Philipp Tingler


Die Szene war wundervoll: Der Medienkönig Rupert Murdoch sitzt vor dem Untersuchungsausschuss des britischen Unterhauses und soll Rede und Antwort stehen zum Abhörskandal rund um sein Imperium News Corp., alles öffentlich und live im Fernsehen. Herr Murdoch betont, es sei sein "demütigster Tag", lehnt aber jede Verantwortung ab. Und dann, gegen Ende seines Auftritts, will sich irgendein Twitter-Komiker mit einer Ladung Rasierschaum auf ihn stürzen - und wird von Wendi zurückgeschlagen.

Wendi Murdoch, geborene Deng, bis dahin sittsam hinter ihrem Gatten sitzend, ist Rubert Murdochs dritte Ehefrau und, wie die ganze Welt inzwischen weiß, eine gut trainierte ehemalige Volleyballspielerin. Jedenfalls ist sie viel schneller als die Sicherheitsleute von Scotland Yard, sie wirft sich buchstäblich auf den Angreifer, attackiert ihn mit seinem eigenen Rasierschaumteller, den sie ihm zuvor entwunden hat, und verpasst ihm obendrein noch eine.

Jetzt lieben alle Wendi. Wendi ist 42 und damit nur vier Jahre älter als ihr Stiefsohn James Murdoch. Bis anhin wurde sie gerne als "zierlich" beschrieben, und sie ist in der Tat gutaussehend und glamourös, aber sie ist viel mehr, sie ist eine Art Lucy Liu mit Yale-Diplom, das jedenfalls ist ungefähr der Tenor der Wendi-Verehrungs-Facebook-Seiten und Tweets und Blogeinträge, die nach Frau Deng-Murdochs couragiertem Eingreifen plötzlich inflationär wurden. Sie wird "Schmetter-Schwester" genannt und "Tigermutter" - und womöglich hat ja Wendi Murdoch tatsächlich mit ihrer Rechten noch viel mehr hinweggefegt als den Rasierschaum eines Wichtigtuers, nämlich zum Beispiel ein paar der tiefsitzenden Voruteile, die immer noch verbreitet sind gegen Paare mit Altersdifferenz, also Paare, bei denen, sagen wir, die männliche Hälfte bei der Geburt des Ackerbaus Zeuge war und die weibliche Hälfte quasi noch zum Juniorentarif nach Los Angeles fliegen kann. Sie wissen schon, diese Konstellationen, bei denen er die Sätze anfängt und sie sie regelmäßig mit den Worten beendet: " ... und dann haben wir es gekauft." ("Es" kann hierbei alles sein von einem Hèrmes-Eurocopter bis zu einer Insel in Polynesien.)

Wie ein Reh im Lichtkegel

Seit Einführung und Verbreitung des romantischen Konzepts der Liebesheirat ist die bürgerliche Reaktion auf derlei Paarungen - nun, zumindest reserviert. Man vermutet in der Regel greisenhafte Lüsternheit auf der einen und Goldgräberinnen-Motive auf der anderen Seite. Jetzt aber werden uns die handfesten Vorteile solcher Verbindungen vor Augen geführt: Berichten zufolge versuchten schockierte Teilnehmer des Hearings, Herrn Murdoch angesichts des nahenden Angreifers durch laute Rufe zu warnen - doch der 80-Jährige konnte nicht schnell genug reagieren und verharrte wie ein Reh im Lichtkegel. So trat Wendi auf den Plan. Über die reine Physik hinaus offenbart sich in deren Ganzkörpereinsatz eine Leidenschaft, die für wahre Hingabe spricht. Lassen Sie's mich mal ganz grausam paraphrasieren: Wenn Wendi bloß an Ruperts Geld interessiert wäre, käme ihr doch ein Herzinfarkt beispielsweise aufgrund eines öffentlichen Rasierschaum-Attentats gerade gelegen.

Nein, Wendi muss irgendwas anderes an Rupert finden, mit dem sie immerhin zwei Töchter hat, und so unterstützt ihr schlagkräftiger Auftritt die These, dass Frauen, die mit sich selbst und mit ihren Geschlechtsgenossinnen in Fragen der äußeren Erscheinung sehr streng sein können (und Wendi sieht aus, als wäre sie das), bei der Wahl ihrer Männern unter Umständen auf andere ganz Sachen Wert legen als auf Jugend oder gutes Aussehen - und dass hier aufrichtige Zuneigung im Spiel sein kann. Sogar wenn der Mann, wie Murdoch, steinreich ist. Natürlich ist Geld ein Aphrodisiakum (für beide Geschlechter), wie auch die Teilhabe an der Macht, aber wenn daraus sowas wie Liebe entspringt, wieso soll diese Liebe dann eigentlich a priori oberflächlicher oder weniger entwicklungsfähig sein als beispielsweise jene, die durch körperliche Attraktivität inspiriert wird, was unsere Gesellschaft ja total ok findet?

Und in der Tat scheint sich hier was zu ändern. Die diversen Probleme und Unzulänglichkeiten, die sich in der Praxis real existierender Beziehungen daraus ergeben, dass wir in einem Zeitalter eines total hysterisierten Ideals von scheinbar wahrer Romantik leben, das nur rote Rosen und Kerzenschein kennt, führt zu einer zumindest teilweisen Rückbesinnung auf das traditionelle Konzept der Beziehung als Transaktionsverhältnis: "Spousonomics" heißt dieser ökonomisch orientierte Ansatz. Das gleichnamige Buch zweier amerikanischer Journalistinnen, das Konzepte der Wirtschaftswissenschaften wie die Spieltheorie oder die Nutzung von Anreizsystemen oder komparativen Vorteilen auf Liebe und Ehe anwendet, ist ein Bestseller in den USA.

Mal sehen, was bei Murdoch bleibt

"Spousonomics" ist von zwei Frauen entwickelt worden, und heutzutage, da die sozialen Rollen flexibler werden und auch Männlichkeitsbilder neu definiert, zeigt sich außerdem eine breitere gesellschaftliche Akzeptanz eines bisher eher in den höheren Schichten tolerierten Phänomens: "Sugar Mummying". Die "Sugar Mummy" ist das Gegenstück zum "Sugar Daddy", also die ältere, vermögende Frau mit einem jüngeren Mann an ihrer Seite. "Mummy" respektive "Daddy" impliziert dabei einen Altersunterschied; "Sugar" impliziert eine Vermögens- oder Standesdifferenz zugunsten des älteren Partners. Ivana Trump, 62, Demi Moore, 48, oder Cher, ca. 104, haben durch ihre Bindung an jüngere Männer soziale Normen in Bewegung gesetzt - ebenso wie Mick Jaggers zweite Ex-Frau Jerry Hall, 55, die daraus sogar eine Show entwickelte. In dem vom US-Sender VH1 produzierten Format mit dem Titel "Kept" ("Ausgehalten") kämpften zwölf junge Männer um einen Platz an Jerrys Seite.

Solch neue Beziehungsmuster entwickeln sich vor dem Trend, dass "Alter" von einer biologischen Kategorie immer mehr zu einer Lebensstil-Option wird. In den westlichen Industrienationen stellt die Kohorte der über 50-Jährigen einen der Hauptkonsumentenstämme für Schönheitsoperationen und Lifestyle-Pharmazeutika wie Viagra oder Prozac dar. In dem Segment der Gesellschaft, das Muße genug hatte, sowohl Gras in Woodstock zu rauchen und Kokain im Studio 54 zu schnupfen, anschließend noch die Aerobic-Welle mitzumachen und das alles zu überleben, regiert der Zeitgeist der unbedingten Selbstverwirklichung nicht weniger stark als in der Generation der 35-Jährigen. Gerade die steigende Popularität der plastischen Chirurgie sorgt dafür, dass der äußerliche Altersunterschied in einem Sugar-Mummy- oder Sugar-Daddy-Verhältnis verwischt wird, und das erhöht die Akzeptanz.

Letztlich gilt Shakespeare: "Love is not love/ Which alters when it alteration finds". Wahre Liebe bleibt bestehen, auch wenn jene Phänomene vergehen, die eventuell einst ihr Anziehungs- und Ausgangspunkt waren, was bei körperlicher Attraktivität früher oder später passiert, bei Reichtum und Macht nicht unbedingt. Mal sehen, was bei Murdoch bleibt. Seine Chancen scheinen nicht schlecht zu stehen. Jedenfalls in Sachen Liebe.

Philipp Tingler, 40, lebt in Zürich und ist Schriftsteller und Kolumnist



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Seite 1
tz88ww 23.07.2011
1. Wendy is so fit...
..weil sie regelmäßig mit ihrer Schwester Lucy Lu trainiert.
Medienbeobachter 23.07.2011
2. Für Geld tun bestimmte Frauen eben alles.
Es gibt Frauen mit Charakter, und Frauen die Geld heiraten. Frauen die einen greisen Herrn Murdoch heiraten, und welkes Fleisch attraktiv finden, gehören definitv zur zweiten Kategorie. Oder wie der konservative Systemsoziologie Niklas Luhmann es in seiner Systemtheorie beschreibt: "Das sysmbolisch generalisierte Kommunikationsmdedium Geld verwandelt Neinwahrscheinlichkeiten in Jawahrscheinlichkeiten." Sehr erhellend, daß das bürgerliche Lager in Großbritanien solchen Frauen hohe Sympathien entgegen bringt. Geld kann also nachweisbar den Charakter von ganzen Nationen zerstören.
Rudi Rakete 23.07.2011
3. Ja - auch Humor muss sein!
Zitat "...oder Cher, ca. 104, haben durch ihre Bindung an jüngere Männer soziale Normen in Bewegung gesetzt." Ich wurde stutzig und habe gegoogelt. Cher wurde im Jahr 2006 also immerhin 60 Jahre: "Nun ist es also so weit. Cher wird 60 - jedenfalls zum Teil. Nase, Zähne und Brüste sind um einiges jünger."
Medienbeobachter 23.07.2011
4. Luhmann hätte gesagt:
Zitat von MedienbeobachterEs gibt Frauen mit Charakter, und Frauen die Geld heiraten. Frauen die einen greisen Herrn Murdoch heiraten, und welkes Fleisch attraktiv finden, gehören definitv zur zweiten Kategorie. Oder wie der konservative Systemsoziologie Niklas Luhmann es in seiner Systemtheorie beschreibt: "Das sysmbolisch generalisierte Kommunikationsmdedium Geld verwandelt Neinwahrscheinlichkeiten in Jawahrscheinlichkeiten." Sehr erhellend, daß das bürgerliche Lager in Großbritanien solchen Frauen hohe Sympathien entgegen bringt. Geld kann also nachweisbar den Charakter von ganzen Nationen zerstören.
Der Luhmannsatz heisst natürlich: "Das sybmbolisch generalisierte Kommunikationsmedium Geld verwandelt Neinwahrscheinlichkeiten in Jawahrscheinlichkeiten." Sorry, aber nebenbei beobachte ich noch die heutige Schachpartie des Weltranglistenersten Magnus Carlsen in Biel. Das ist viel besser als Tausende von privaten Telefongesprächen abzuhören.
Celestine Trueheart 23.07.2011
5. Isn't she lovely, isn't she tough .... :->
Zitat von sysopMit einem Schlag wurde Wendi Murdoch weltberühmt. Ihr passionierter Ganzkörpereinsatz zugunsten ihres Gatten Rupert signalisiert nicht nur Fürsorge, sondern auch eine neue gesellschaftliche Bewertung von Paaren mit großem Altersunterschied. Über sie die Nase zu rümpfen, ist nicht mehr zeitgemäß. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,776039,00.html
Was soll die Lobhudelei? Was wissen Sie von dieser Frau? - Richtig, Sie wissen genau so wenig wie ich, also gar nichts. Ein Artikel mehr in der neuen Spiegel-Online-Qualität, wie aus "Frau im Spiegel". *gähn*
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