"Museum der Wünsche" in Wien Wenn ich könnte, wie ich wollte...

Zum Einstand ein Wunschzettel: In der Schau "Museum der Wünsche" zeigt Karola Kraus,  die neue Direktorin des Wiener Museums Moderner Kunst Stiftung Ludwig, welche Werke sie für ihr Haus erwerben möchte. Ihre Wünsche sind ambitioniert, aber gar nicht mal so unrealistisch.


Museumsdirektor muss ein Traumberuf für jeden Kunsthistoriker sein - denkt man. Für eine Museumsammlung verantwortlich zu sein, sie zu bewahren, mit ihr zu arbeiten, sie zu zeigen und sie immer wieder neu einzuordnen, ist eine große Aufgabe. Dazu kommt noch die Herausforderung, dass die Sammlung lebendig bleiben muss, und das heisst, ihr Konzept weiterzuführen und es den Anforderungen der Zeit anzupassen, ohne sich in Moden oder persönlichen Vorlieben zu verlieren. Und natürlich ohne viel Geld zur Verfügung zu haben.

In Wien hat Karola Kraus, die neue Direktorin des Museums Moderner Kunst Stiftung Ludwig (Mumok), diese Herausforderung in ihrer ersten Ausstellung zum Thema gemacht: "Museum der Wünsche" nennt sie ihre erste Schau. Dafür hat sie eine subjektive Auswahl aus den rund 9000 Kunstwerken der vorhandenen Sammlung getroffen und zeigt sie in allen Museumsräumen zusammen mit 37 Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern, die sie in den kommenden Jahren gerne für ihr Museum anschaffen würde.

Eine klare Ansage an klare Adressaten: an Freunde und Förderer, Stifter, Sponsoren und Mäzene richtet sich die Wunschliste, die aber mit ihrem Engagement nicht die Politik aus ihrer Verantwortung entlassen sollen. Die "Eigeninitiative des Museums verbunden mit gesellschaftlichem Networking", so Kraus, könne nur dann ihren Zweck erfüllen, "wenn auch die Politik ihre Verantwortung im Interesse der Öffentlichkeit in Zukunft verstärkt wahrnimmt".

Mehr Transparenz für die Museumsbesucher

Mit ihrem "Museum der Wünsche" greift Kraus eine vierzig Jahre alte Idee auf. Pontus Hultén hatte 1963 im Moderna Museet in Stockholm seine Ausstellung "Museum of our Wishes" gezeigt und um den Ankauf von Werken von Salvador Dalì, Max Ernst und Pablo Picasso gebeten. Angeblich hat er alle Arbeiten bekommen, die er sich gewünscht hatte. Und Kasper König trat 2001 seinen Direktorenposten im Kölner Museum Ludwig mit der Schau "Museum unserer Wünsche" an, und auch seine Institution konnte einen großen Teil der erbetenen Werke mit privater und städtischer Förderung kaufen. In einem Beitrag im Mumok-Katalog zur Ausstellung beschreibt König, wie die "argumentative Auswahl der gewünschten Neuzugänge" ihm selbst den "produktiven selbstkritischen Zugang zur eigenen Institution" ermöglicht habe. Gleichzeitig wurde für die Museumsbesucher transparent, warum welche Käufe getätigt wurden.

Auch Kraus hat ihre Entscheidungen für die gewünschten neue Arbeiten transparent und nachvollziehbar gemacht. In einem Katalog wird jeder ihrer anfangs noch 36 Wünsche mit Foto und Text vorgestellt und eingeordnet. Wichtig ist ihr, dass neue Arbeiten die Sammlung in einem anderen, neuen Licht erscheinen lassen und dazu beitragen können, die bestehende Sammlung zu hinterfragen und deren Identität zu schärfen. Nötig sei das, so Kraus, weil für Museen die Gefahr der "Selbstmusealisierung" bestehe.

Ihr Ziel, wenn sie klassische und zeitgenössische Kunst gegenüberstellt, ist der Dialog zwischen Werken. Wie sich zum Beispiel die Abstraktion verändert hat, zeigen Bildern der Klassiker wie Pablo Picasso, Frantisek Kupka und Alexej von Jawlensky neben Gemälden von Gerhard Richter und Herbert Brandl.

Ein Kommentar zu der Kommerzialisierung des Kunstmarktes

Ein anderes Thema sind die notwendigen Konsequenzen aus dem neuen Verhältnis zwischen Ost und West. Im Museum ist die Kunst nämlich immer noch westlich orientiert. Wien ist auf Grund seiner Lange in diesem Bereich für eine Vermittlerrolle prädestiniert. Und ein guter Anfang dafür wären die Werken des polnischen Avantgarde-Künstlers Henryk Stazewski, die Kraus sich für die Sammlung wünscht. Andere Osteuropäer, wie z.B. Karel Malich, Geta Bratescu, Marzena Nowak und Monika Sosnowska werden im Zusammenhang mit Werken der Amerikaner Dan Flavin, Sol Lewitt oder John Baldessari gezeigt.

Daneben ist die Fetischisierung der Waren- und Konsumwelt in der Pop Art ein Thema für Kraus, die sich dazu eine Wandtapete von Louise Lawler wünscht und zeigt - ein Kommentar zu den Mechanismen der Kommerzialisierung des Kunstmarktes. Auch Malerei, die kritisch auf Malerei reagiert, von Künstler wie Richard Prince, Martin Kippenberger und Albert Oehlen fehlen, genau wie Werke von Isa Genzken, Stephen Prina, Peter Kogler oder Heimo Zobernig. Und natürlich die Kunst der vergangenen 30 Jahre.

Lange mussten die Wiener auf die erste Ausstellung der neuen Frau Direktor warten, denn im ganzen Haus mussten die Terazzoböden saniert werden. Bei der Gelegenheit hat Kraus gleich das ganze Museum umgekrempelt: ein neues "mumok Kino" gibt es, einen neuen Aussellungsraum, ein übersichtliches Foyer, und ein Café, das sich nicht mehr in einer Ecke versteckt. Darüber waren die Wiener auf jeden Fall glücklich.

Museum der Wünsche, Wien. Museums Moderner Kunst Stiftung Ludwig; bis 8. 1.2012, www.mumok.at
Dokumentation der "Wünsche". Herausgegeber: Karola Kraus. deutsch/englisch; 280 S.; 200 Farb-Abb.; ISBN 978-3-902490-85-8 € 32,00.

Mehr zum Thema


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.