Museumsstadt Berlin Kunstpause für Messegäste

In Berlin geben sich diese Woche die Messebesucher die Hoteltüren in die Hand. Sowohl für die Modejunkies der Fashion Week als auch für die "Grüne-Woche"-Bauern gibt es die passenden Ausstellungen.

Soeben hat in Berlin die Grüne Woche die Fashion Week abgelöst. Eine perfekte Chance für die Stadt, sich einen Namen in Sachen Demokratisierung der Kunst zu machen. Denn vielleicht würde manch Bauer aus Bayern oder Brandenburg gern auch mal ins Museum gehen, würde er nur verstehen, was ihm dort gezeigt wird. Und, oh Wunder: Im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, kann er dieses Jahr die perfekte "Grüne Woche"-Begleitschau besuchen, die Ausstellung "Soma" , in der zwölf Rentiere, vier Volieren mit Kanarienvögeln, Mäuse und ein paar Stubenfliegen als lebendes Bild in wirklich schöner Umgebung auf ihn warten.

Vielleicht wird der eine oder andere Bauer dort darüber nachdenken, ob er seinen Massentierhaltungsstall nicht zugunsten einer schöneren Behausung für Rind und Schwein aufgeben könnte. Wenn er das Museums-Vermietungssystem eines Bettes hoch über den Tieren übernähme und auch nur einen Bruchteil der Miete (pro Nacht 1000 Euro) bekäme, würden sich die Umbaukosten bald amortisierten.

Ansonsten gibt es in Berlin ein paar neue, großartige Ausstellungen zu sehen, allen voran die Robert-Mapplethorpe-Retrospektive bei c/o im Postfuhramt in der Oranienburger Straße. Alle 180 gezeigten Aufnahmen kommen aus der Robert Mapplethorpe Foundation und vermitteln ein Gesamtbild der fotografischen Arbeit Mapplethorpes. Mit Polaroids beginnt die Schau, es folgen die Serien "Patti", "Self-Portraits", "Flowers", "Sex", "Bodies and Sculptures", "Children" und "Portraits". Streng komponiert sind die Körperstudien und erotischen Aufnahmen, in denen Nacktheit und sexuelle Handlungen hinter der perfekten, sachlich kühlen Gestaltung zurücktreten und damit ihre Schärfe verlieren. Natürlich sieht das nicht jeder Betrachter so: Für viele sind Mapplethorpes Fotos aus der "Sex"-Serie immer noch Pornografie, skandalöse Tabuverletzungen.

Gwyneth Paltrow als Madonna

Für Besucher der Schau könnte es übrigens die letzte Möglichkeit sein, nebenbei das historische Postfuhramt zu besichtigen. Ein Investor hat das Gebäude gekauft und der Fotoinstitution gekündigt. Wie es mit c/o weitergeht, steht in den Sternen, und trotz des großen Erfolges der Ausstellungen, von dem das vor sich hindämmernde, zur Nationalgalerie gehörende Fotomuseum am Bahnhof Zoo nur träumen kann, hilft die Stadt Berlin nicht bei der Beschaffung eines neuen Standortes.

Linda McCartney

Helen Mirren

Tracey Emin

Kate Moss

Stella McCartney

Eine weniger spektakuläre, aber hervorragende Fotoausstellung ist in der Fotogalerie "Contributed" am Strausberger Platz zu sehen. "Mary McCartney. From where I stand" heißt die Schau der ältesten Tochter von Paul und , die das Fotografieren von ihrer Mutter gelernt hat. Rund 40 Fotografien stellt sie aus, die meisten schwarzweiß. Unter ihren Porträts ist ein großartiges Bild von , auf dem man das winzige Tatoo auf ihrer Hand entdeckt. hat sie verblüffend als Frida Kahlo inszeniert, Gwyneth Paltrow weniger gelungen als Madonna. Es gibt mehrere Porträts von , ferner Fotos ihrer Schwester und von Paul McCartney, die Schnappschüsse sein können und die kleine private Geschichten erzählen. McCartney hat viel in der Modewelt fotografiert, und ein paar ihrer Bilder von Modeschauen zeigen durch ungewöhnliche Spiegelungen und Ausschnitte oder die Einbeziehung des Publikums die ganze Künstlichkeit und Spannung solcher Events. Besonders schön ist eine Serie mit Fotos aus dem Royal Opera House. Drei Monate lang hat McCartney die Tänzer fotografiert. Sie zeigt nicht deren spektakuläre Bühnenauftritte, sondern zum Beispiel ihre geschundenen Füße.

Hans Arp

Kurt Schwitters

Klein und fein ist die Ausstellung " & " in der Galerie Isabella Bortolozzi. Ungewöhnlich, wie nahe man Schwitters' Collagen aus Holz und Papier in den Ausstellungsräumen kommen kann, dass man sich die neun Gipsabgüsse von Arp auf einem tischgroßen Sockel auf einer Bank sitzend ansehen oder dass man sie umrunden kann. Wie kommt es nur, fragt man sich, dass die 15 Werke der beiden Großmeister in einer Galerie ausgestellt und gekauft werden können - zu Preisen von 65.000 bis rund 650.000 Euro? Sie gehören der Pariser Galeristin Nathalie Seroussi, die sie im Rahmen eines Galerienaustausches zwischen Berlin-Paris bei ihrer Kollegin Bortolozzi zeigt.


Ausstellungen:
Soma. Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart.  Bis 6.2.;
Robert Mapplethorpe bei C/O Berlin.  Bis 27.3.;
Mary McCartney bei "Contributed" . Bis 26.2.;
Hans Arp & Kurt Schwitters. Galerie Isabella Bortolozzi.  Bis 19.2.