"Musical-Showstar 2008" Casting für Anfänger

Herzklopfen aus dem Off und kitschige Klaviersounds: Für seine Casting-Show "Musical-Showstar 2008" hat das ZDF hemmungslos die Trickkiste der Privatsender geplündert. Echten Erfolg können sich das Zweite und sein Chef-Caster Thomas Gottschalk mit diesem Abklatsch kaum erhoffen.

Von Jan Freitag


Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch er es tun würde – der Gott öffentlich-rechtlicher Unterhaltung, qua Reifungsprozess längst eine Art Godfather. Thomas Gottschalk.

Die blondgelockte Frohnatur hat quirliges Radio gemacht, als es noch staubiger Schlagerfunk war und junge TV-Formate mit gestaltet, als die alten außer Mode gerieten. Er hat den Samstagabend aufgemöbelt, als die Platzhirsche müde wurden und late-night-getalkt, als es hierzulande niemand sonst tat. Da kann er diese Bühne kaum auslassen: Casting, das große Fernsehding von heute, ein Mix aus Talentschau, Revue, Fremdscham, aus Teleshopping, Slapstick, Interaktion. Und endlich sucht Thommy mit.

Nicht, dass die Staatssender ihr Publikum noch nie zur Abstimmung gerufen hätten. Lange vorm "Musical-Showstar 2008" fand Frank Elstner seine Wettkönige mit dem revolutionären Teledialogsystem Ted. Als RTL2 2000 mit "StarSearch" die Welle lostrat, dauerte es keine drei Jahre, bis auch das ZDF voten ließ. Dem Selbstverständnis folgend wurde bodenständiger "Die deutsche Stimme" ausgewählt, wie vom "Grand Prix der Volksmusik" gewohnt. Selbst Arte hat bereits zum Plebiszit gebeten: für Opernsänger in spe, versteht sich.

Das lukrative Feld künftiger Chartstürmer, Top-Models und Wikingerdarsteller überließ man bislang den Privaten. Zu profan? Zu populistisch? Oder vielleicht doch zu hoffnungslos? Denn was bei den Kommerziellen funktioniert - so lautet die Erkenntnis zahlloser Plagiate von "Bruce" über den Desperate-Housewifes-Verschnitt "Feine Freundinnen" bis zur neuen Kuppelshow im Ersten - klappt gebührenfinanziert noch lange nicht. Trotzdem sucht das Zweite jetzt drei Wochen lang die – nun ja: besten Rollschuhsänger: Nachwuchspersonal von Andrew Lloyd Webbers immens erfolgreichen Musical "Starlight Express" nämlich.

Und das sieht dann so aus: Nichts, aber auch gar nichts am ZDF-Produkt ist neu. Alles, aber auch alles dagegen von ProSieben und RTL abgekupfert.

Steifer als Schreyl

Wenn Gottschalk den Kandidaten vom Band zuraunt, die kommenden Wochen würden "die aufregendsten, aber auch spannendsten ihres Lebens", klingt das steifer als Marco Schreyl bei RTL. Wenn die Jury ein Votum mit "Ich bin überzeugt" einleitet und nach sinistrer Pause anfügt, "dass Sie in die Comedy gehören", klingt das wie Detlef D. Soost auf ProSieben. Wenn eine Vortänzerin aufs Urteil wartet, ertönt Herzklopfen aus dem Off. Das ist Dramaturgie aus der Showfibel "Casting für Anfänger". Selbst das Klavier fehlt nicht, wenn Denise vom Krebstod ihres Großvaters erzählt.

So könnte der Sinn des Ganzen darin bestehen, all jene gescheiterten Musicalsänger, die bei DSDS etc. eine zweite Chance suchen, schon mal vom ZDF vorzusortieren zu lassen. Denn echten Erfolg kann sich das Zweite von dieser entschärften Variante privaten Radikal-Entertainments kaum erhoffen.

Dies zeigt das andere Sorgenkind der Branche. Mit dem Casting für Phil Collins’ Singspiel "Ich Tarzan, Du Jane" erntet Sat.1 neben miesen Quoten nur Hohn und Spott. So gesehen klingt es schlüssig, wenn ZDF-Unterhaltungschef Manfred Teubner das gegnerische Zuvorkommen mit den Worten kommentierte: "Wir hatten die Idee zuerst, haben uns da aber auf keinen Wettbewerb eingelassen, was immer zu Lasten der Qualität geht." Konkurrenz vs. Güte? Ein so gestörtes Verhältnis zur Marktwirtschaft überrascht dann doch.

Thommy, der Kellner

Thomas Gottschalk versprach vorab, das Prollige des Genres durch Stil zu ersetzen. Mit anderen Worten: sich weniger am Scheitern der vielen Talentlosen als am Potential der Unentdeckten zu ergötzen. Warum dann die ganze privatfernsehbewährte Dramaturgie – Kandidateneinlaufen unter Kreischen, Versagenstränen in Zeitlupe – zum Einsatz kommt, bleibt nur dann rätselhaft, wenn man ignoriert, dass Produzent Grundy Light Entertainment auch viele Kommerzformate der Sorte DSDS herstellt. Schließlich kriegen auch beim Zweiten völlig chancenlose Freaks ihr Podium - da fehlt eigentlich nur Bohlens Vulgärzynismus beim Niedermachen. Alle müssen zwar über 18 sein. Doch merke: Im Fernsehen bedarf es nicht der Worte zur Blamage; manchmal reicht die Kamera allein.

Bleibt abzuwarten, welche Rolle Thomas Gottschalk dabei spielt. Bis zu seinem Einsatz in drei abschließenden Live-Shows stehen die drei Musical-Größen Katja Epstein, Uwe Kröger und Alexander Goebel als Jury im Fokus - dazu angehalten, sich zurückzuhalten in Sprache, Gestik und überhaupt. Der Star ist die Show, soll das wohl heißen. Und Thommy natürlich, obwohl er sich nur als "Kellner" der Sendung sieht.

Gottschalks möglicher Nachfolger entsprang übrigens auch einem Casting. "Wenn Sie so weitermachen, wird aus Ihnen was", sagte ZDF-Unterhaltungschef Wolfgang Penk anno 1981 zu einem 16-jährigen Sprachenimitator bei "Talente fürs Fernsehen" auf der Berliner Funkausstellung. Der Junge hieß Hans Peter Kerkeling. Manchmal kommt beim Casting sogar was raus.



insgesamt 13 Beiträge
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pronoah, 31.03.2008
1. und wieder mal GEZ gebühren verpfeffert...
wieso muss ich eigentlich jedes jahr mehr an gebühren an die öffentliche anstalten abführen, wenn die mit jedem jahr den privaten noch ähnlicher werden und gar jeden mist aufgreifen, welche dann bei den öffentlichen sendern nur noch eine billige kopie eines im original schon minderwertigen sendeformats sind? noch zahle ich gerne (allerdings meinem geschmack nach zu viel) um vernünftigen journalismus zu bekommen, aber ich warte auf den tag im heute journal oder den tagesthemen, bei der eine stimmband operation eines x-beliebigen boyband sängers die schlagzeile sein wird...
M.Reiter 01.04.2008
2. Spiegel.de vs. Gottschalk
Warum wird auf spiegel.de Thomas Gottschalk eigentlich immer schlecht gemacht? Ich meine, wenn man in der Redaktion was gegen ihn hat, dann sollte man sich dort wenigstens die Mühe machen und diese Abneigung etwas subtiler zum Ausdruck geben. Das gegenwärtige Gottschalk-bashing ist ja langsam schon peinlich und geschmacklos billig.
fred2007 01.04.2008
3. Gez
Ein weiterer Grund, die GEZ-Zahlung zu verweigern! Die Grenze des Erträglichen ist endgültig erreicht. Guter Artikel, dem nichts hinzuzufügen ist.
agrimm61 01.04.2008
4. Scheiß-Fernsehen
Zitat: "Als RTL2 2000 mit "StarSearch" die Welle lostrat..." Genauer genommen hat RTL2 mit 'Popstars' losgelegt. 'StarSearch' ist der USA-Import von Sat1. Zum Thema: Ich frage mich immer, was genau die Entscheidungträger beim ÖR, die derartige Formate auf die Ü50-Generation loslassen, sich dabei eigentlich denken. Es zeigt in welcher tiefen Krise sich das gebührengestützte Fernsehen befindet. Ich habe mir diesen "Scheiß" gerade angesehen, und muss feststellen, dass das ein widerlicher Mix aus allen bisher gekannten Formaten ist, nur mit dem Charme einer angestaubten Jugendherberge. Das Konzept sollte man den Programmdirektoren nochmal um die Ohren hauen - übrigens das wäre doch mal ein Casting - Deutschland sucht den Superintendanten. "Scheiß-Fernsehen" eben.
Planchet, 01.04.2008
5. Wozu ?
Ähnlich wie bei "Bruce" und "ich weiß wer gut für Dich ist" frage ich mich was diese Sendung mal wieder soll. Da werden mal wieder aberwitzige Summen von Gebührengelden bezahlt für eine Sendung, die nichts - aber auch so gar nichts mit Grundversorgung oder sonstigem zu tun hat. Mir kann doch keiner erzählen, daß irgendwo da draußen jemand sitzt und denkt "Ach ne - so eine Casting-Sendung würde ich mir ja sooo gerne mal anschauen - aber nur wenn da nicht so rüde Töne herrschen. Kann denn nicht dieser lustige Schwiegersohn von Wetten-dass sowas machen ?" Selbst wenn dem so wäre, wird sich der oder diejenige wohl kaum für den "Starlight Express" interessieren. Ich bin Bochumer und mag das Musical - aber der typische ZDF Rentner wird damit wohl nichts anfangen können (und ganz nebenbei kann ich mir nicht vorstellen, daß sich keine Sänger da mehr finden). Wenn es ne Werbesendung für das Musical sein soll, dann solte es auch als solche gekennzeichnet und auch von Lloyd Weber selbst bezahlt wer4en, Die Sendung ist so überflüssig wie ein Kropf.
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