Musikgeschichte Als der Pop sexy wurde

Eine Londoner Ausstellung zeigt, wie sich in England aus harmloser Popmusik die Swinging Sixties mit Sex, Drugs und Rock'n'Roll entwickelten. Es ist eine grandiose Schau mit einem großen Makel - sie wird nur in England gezeigt. Das Trostpflaster: Ein wunderbarer Katalog.

Diese Ausstellung müsste durch ganz Europa touren. Mindestens. Weil sie einfach großartig ist. Weil sie mit Fotografien und Plattencovern, Zeitschriften, Flyern und Plakaten ein Jahrzehnt Popmusikgeschichte vermittelt. Weil sie dokumentiert, wie die Popmusik von 1960 bis 1969 die Musik erneuert und eine ganze Kultur revolutioniert hat.

Die schlechte Nachricht: Die Schau "Beatles to Bowie - the 60s exposed" wandert nicht durch Europa, sondern nur von London nach Newcastle und Norwich. Die gute Nachricht: Es gibt einen großartigen Katalog, in dem alle ausgestellten Fotos groß abgebildet sind. Jedem Jahr widmet sich einleitend ein eigener Text über Trends, Zusammenhänge, angesagte Bands und Charts. Ihm folgen jeweils die ganzseitigen Fotos von Bands und Sängern, ergänzt schließlich um Bilder von Plattencovern, Film- und Konzertplakaten, Flyern und Magazin-Titeln.

Glitzernde Anzüge und Federboas

Herrlich zum Beispiel das "Town Magazine" von September 1962: Dort wurde der 15-jährige Marc Bolan auf sechs Seiten als typischer Jugendlicher einer Generation vorstellt, "who live for clothes and pleasure". Bolan, britischer Sänger, Gitarrist und Songschreiber, wurde später bekannt mit seiner Band T. Rex. Als Protagonist des Glam-Rock trat er in glitzernden Anzügen mit Damenschuhen und Federboas auf.

Jimi Hendrix

Schon beim Durchblättern des Buches sieht man nicht nur zehn Jahre Musikgeschichte, sondern den Anbruch einer neuen Zeit, in der eine Jugendkultur ihre progressiven Ideen und Erwartungen mit Musik und Texten formuliert und sie durch Mode, Grafikdesign und Fotos vermittelt. In der Ausstellung hört man in allen zehn Räumen die Musik zum entsprechenden Jahr, aber auch der Katalog lässt einen nachempfinden, wie die Popmusik ergänzt und geprägt wurde von progressiver Musik, psychedelischen Einflüssen und Musikern wie , der aus den USA nach London zog.

Spießig wie ein Ostsee-Kurkonzert

Rod Stewart

Eine besondere Rolle spielten die Fotografen. Es gibt ein Foto aus dem Jahr 1964, auf dem die Band Steampacket mit , Long John Baldry, Julie Driscoll und Brian Auger aussieht, als ob sie auf einem Ostsee-Kurkonzert auftreten würde. Und ein anderes Foto, auf dem Petula Clark auf einer Treppe im spießig langen Kleid steht, neben sich eine knieende Frau, die den Rocksaum abstecken will.

Mick Jagger

Gleichzeitig schufen junge, noch unbekannte Fotografen wie Fiona Adams, Terence Donovan, David Bailey and Brian Duffy mit ihren Fotos die Images der Swinging Sixties. Und auch damals schon bekannte Fotografen porträtierten die Protagonisten der Musikszene: Der Society- und Mode-Spezialist Cecil Beaton fotografierte die Walker Brothers und mit Anita Pallenberg, Richard Avedon, die Beatles, David Wedgbury, den jungen David Bowie und Gered Mankowitz die ganze Rock-Aristokratie Londons von Jimi Hendrix über die Rolling Stones und Marianne Faithfull bis zur Spencer Davis Group.

Ihre Fotos waren so neu, so dynamisch und so glamourös, dass die Musiker zu Ikonen wurden.


Ausstellung:
Beatles to Bowie. The 60s exposed.
London, National Portrait Gallery.  Bis 24. Januar 2010.
6.2.2010-19.4.2010: Newcastle upon Tyne, Laing Art Gallery.
8.5.2010-5.9.2010: Norwich, Castle Museum und Art Gallery.

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