Antimuslimischer Rassismus Es passiert einfach nichts

Die Neuen Rechten richten ihren Hass vor allem auf Muslime - und treffen damit einen Nerv in der Mitte der Gesellschaft. Jeder Zweite fühlt sich "überfremdet" wegen der Minderheit. Warum wird dagegen nichts getan?

Gedenken an Marwa al-Schirbini vor dem Dresdner Landgericht, 2009
Matthias Hiekel/ DPA

Gedenken an Marwa al-Schirbini vor dem Dresdner Landgericht, 2009

Eine Kolumne von


Vor zehn Jahren wurde Marwa al-Schirbini ermordet. Falls Sie sich fragen "Marwa, wer?", sind Sie in guter Gesellschaft. Seit Wochen erkundige ich mich bei Leuten in meinem Umfeld, ob sie den Namen kennen. Die meisten zucken mit den Schultern. Dabei ist der Mord einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik. Die traurige Heimatkunde:

Am 1. Juli 2009 wurde eine schwangere Frau in Dresden im Gerichtssaal erstochen. Während einer Verhandlung. Mit 16 Messerstichen. Sie starb vor den Augen ihres dreijährigen Sohnes und ihres Mannes, der ihr zur Hilfe eilte. Und jetzt kommt's: Als ein bewaffneter Polizist in den Saal stürmte, um dem Blutbad ein Ende zu bereiten, schoss er versehentlich auf Schirbinis Ehemann, weil er ihn wohl für den Täter hielt. Die Bilanz: Die Pharmazeutin Marwa al-Schirbini und ihr ungeborenes Kind sterben vor Ort. Der schwer verletzte Ehemann, damals Doktorand am Max-Planck-Institut, wird ins Krankenhaus gebracht. Der Sohn wird traumatisiert.

Themaverfehlung

Aber das ist noch nicht alles: Das Motiv des Mörders war Hass auf Muslime - nur wurde darüber zunächst nicht berichtet. Anfangs hieß es: "Zeugin nach Streit um Schaukel im Gericht getötet". Als Marwa al-Schirbini brutal abgemetzelt wurde, befand sie sich nämlich im Gericht, weil sie ihren späteren Mörder angezeigt hatte. Er hatte sie auf einem Spielplatz in Dresden als "Islamistin" und "Terroristin" beschimpft. Korrekt wäre für mich also die Überschrift: "Zeugin von islamfeindlichem Rechtsextremisten getötet". Stattdessen heißt es mitunter noch immer, sie habe sterben müssen, "weil sie ein Kopftuch trug".

Bei antimuslimischer Gesinnung haben wir regelrecht Tomaten auf den Augen. In vielen Berichten über Straftaten wird häufig das Motiv zu spät genannt. Vor ein paar Monaten wurden zwei muslimische Frauen in Berlin offenbar von einem Mann rassistisch beleidigt und angegriffen. Er habe einer der beiden Frauen, die schwanger war, nach deren Aussage mit der Faust in den Bauch geschlagen. Die Überschrift der Polizeimeldung: "Streitigkeiten eskalierten". Daraus macht der Tagesspiegel: "Mann schlägt schwangerer Frau in den Bauch." Eine korrekte Beschreibung des Tathergangs, keine Frage - aber eben auch eine Themaverfehlung in der Überschrift.

Dumm gelaufen

Auch nach dem Tod von Marwa al-Schirbini war Islamhass nicht das zentrale Thema, es ging vor allem um Waffenkontrollen an Gerichten. Überhaupt wollte man nicht so recht einsehen, was die ganze Geschichte mit Deutschland zu tun hätte. Schließlich waren die Opfer Ägypter auf Fortbildung und der Täter ein "arbeitsloser Spätaussiedler" und "Russlanddeutscher" - alles klar? Der Oberstaatsanwalt ordnete das Ganze 2009 als "ausländerfeindliche Tat eines fanatischen Einzeltäters" ein. Nach dem Motto: dumm gelaufen, aber kein Grund zur Aufregung.

Doch es gibt sehr wohl Grund zur Aufregung. Auch zehn Jahre später noch. Marwa al-Schirbini musste sterben, weil in Deutschland Muslime und ihre Religion permanent zum Problem erklärt werden. Und weil manche Rechtsextremisten meinen, sie müssten die Lösung selbst in die Hand nehmen. Auch der Verfassungsschutz bestätigt: Der Trend geht zum "Musel"-Hass. Laut jüngstem Bericht kennt unser Geheimdienst 24.100 ultrarechte Sportsfreunde, die sich fleißig und müßig an "Ausländern" abarbeiten, "insbesondere an Asylsuchenden und Muslimen". Das zeitlose Lieblingsthema der Hitler-Romantiker: Überfremdung.

Toxischer Umgang mit "dem Islam"

Wenn man den islamisierten Migrationsdebatten in Deutschland folgt, ist der Verfolgungswahn eigentlich nachvollziehbar. In regelmäßigen Abständen geht es um Kopftuch, Burka, Moscheebau, Zwangsehe, Vielehe, Terror oder Clankriminalität. Unser Umgang mit "dem Islam" ist toxisch. Besonders beeindruckend: die spaßfreien Surenschlachten im Internet, die beweisen sollen, warum die pauschale Ablehnung einer ganzen Weltreligion legitim ist. Manchmal glaube ich, unsere Rechtsnationalen sind so koranfest, dass ihnen keine Zeit für die Bibel bleibt.

Schlimm ist, dass diese Antihaltung immer häufiger als normaler Standpunkt aufgefasst wird. Können Sie sich vorstellen, dass Journalisten eine Gruppe namens "Patriotische Europäer gegen die Verjudung des Abendlandes" als "judentumskritische Bewegung" bezeichnen und in Talkshows einladen? Nein? Ich auch nicht. Aber mit "Islam" geht das, wie 2015 die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" bewiesen haben.

Fast 56 Prozent der Befragten stimmten in einer repräsentativen Studie dem Satz zu: "Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land." Mit anderen Worten: Die "Islamisierungs"-These reicht bis in die Mitte der Gesellschaft. Und sie hat eine lange Tradition, wie der Wissenschaftler Ozan Zakariya Keskinkiliç in seinem neuen Buch "Die Islamdebatte gehört zu Deutschland" beschreibt. Zum Beispiel wurde schon Anfang des 20. Jahrhunderts bei den Deutschen Kolonialkongressen in Berlin vor der Gefahr der Islamisierung gewarnt.

Nichts passiert

Ich bekomme manchmal Leserzuschriften, die etwa so lauten: "Kritik an Muslimen kann kein Rassismus sein, weil Muslime keine 'Rasse' sind. Sie verharmlosen damit die Nazi-Gräuel." Interessanter Punkt. Wer war denn das Feindbild Nummer eins der Nazis? Damals galten "die Juden" als der Untergang des deutschen Abendlandes - pardon, Vaterlandes.

Reden wir also nicht drum herum: wir haben ein handfestes Problem mit antimuslimischem Rassismus. Nur es passiert: nichts.

Gut, wir haben fast 70 Jahre gebraucht, bis wir endlich das Amt eines Antisemitismusbeauftragten auf Bundesebene eingerichtet haben - in Deutschland. Also müssen sich muslimisierte Mitbürger wohl noch ein paar Jahrhunderte gedulden, bis politische Konsequenzen folgen.



insgesamt 383 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 11.07.2019
1. ...
" In vielen Berichten über Straftaten wird häufig das Motiv zu spät genannt." Das ist richtig. Zur vollstaendigen Wahrheit gehoert aber auch, dass in vielen Berichten ueber Straftaten auch die Herkunft der Taeter verschwiegen wird. Man sollte nicht auf einem Auge blind sein, weder rechts noch links, sondern die Realitaeten anerkennen. Es gibt naemlich ein Problem mit dem politischen und religioesen Islam. Es gibt islamistischen Terror. Es waren keine Christen, die Anschlaege auf Bars, Zeitschriftenredaktionen, Touristen, Weihnachtsmarktbesucher veruebt haben. Der Hass auf Un- und Andersglaeubige wird nicht in katholischen Kirchen gelehrt, sondern in Moscheen gepredigt. Und zwar immer noch. Es ist auch nicht der Vatikan, der das Existenzrecht Israels bestreitet, sondern der Iran, ein Land, in dem der Islam herrscht, religioes wie politisch. Von vielen kleineren Dingen, die man allgemeinhin als "kulturelle Unterschiede" verharmlost, die aber einfach nur zeigen, dass bestimmte Menschen, die in Deutschland leben, unsere Gesellschaft verachten, abgesehen. Wer das leugnet, verharmlost diese Dinge nicht anders, als wenn eine rechtsextreme Gewalttat verharmlost wird. Beides muss aufhoeren.
Ditch 11.07.2019
2.
Solange wir uns der Realität verweigern, solange wird sich nichts ändern .... Tatsache ist, das Moslems weltweit Probleme bereiten ... Es ist schon eine Leistung, friedlich Buddhisten gegen sich aufzubringen ... Doof sind jedoch immer die anderen ...
Bowie 11.07.2019
3. 1933 vs. 2019
Man kann 2019 nicht mit 1933 vergleichen. Aber man kann und sollte Zusammenhänge aufzeichnen, wo es welche gibt. Der Anteil Deutscher jüdischen Glaubens 1933 betrug im Schnitt 0,9%, in den Großstädten um die 4%. Das hat später ausgereicht, die Juden in Deutschland deutschlandweit "als unser Unglück" zu sehen. http://www.statistik-des-holocaust.de/VZ1933-9.jpg Durch die ungefiltert geschürte Propaganda der Rechtspopulisten glauben auch heutzutage wieder zu viele an die Mär angeblicher Islamisierung bei gerade mal 5% Muslimen im Land. Propaganda und Sündenböcke wirken - damals wie heute. Und es ist entsetzlich zu sehen, dass manche nichts daraus gelernt haben, wie sehr sie von bräunlichen Rattenfängern einmal mehr missbraucht werden.
kalim.karemi 11.07.2019
4. seltsam oder?
weil von der Relegionsgruppe der Muslime der meiste Stress ausgeht. Keine andere Gruppe hat dermaßen viele Befindlichkeiten, fühlt sich in allem und jedem diskriminiert und benachteiligt, brauch für alles Sonderlocken und hat am wenigsten Bereitschaft sich zu integrieren. Für diese Sicht der Dinge muss man nicht mal AfD Wähler sein. Wobei das für Sie oder den Muslim allgemein keinen Unterschied macht, wer mich nicht mag ist halt einfach ein NAZI.
schra-der 11.07.2019
5.
Wobei sich mir immer die Frage stellt, warum fast nur der Islam in die Kritik gerät. Der Hinduismus, der Buddhismus spielen in dieser Diskussion keine Rolle, das Judentum wird sicher öfters tangiert. Was läuft da schief?
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