Margarete Stokowski

Muttertag Danke, dass ihr bis zur Übermüdung wickelt!

Am Muttertag werden knallharte Anforderungen an Frauen unter Blumensträußen versteckt. Dabei wäre es das beste Geschenk, die Mutterschaft von Überarbeitung und Geldsorgen zu befreien.
Foto: Jens Wolf/ dpa

Es gibt diesen Mythos, dass die Nazis den Muttertag erfunden haben, aber das stimmt so wenig wie das Gerücht, dass Hitler überzeugter Vegetarier war. Mütterverehrung gibt es seit Ewigkeiten, und den Muttertag als nationalen Feiertag gab es erstmals im Jahr 1914 in den USA. Er war eine Initiative der methodistischen Frauenrechtsaktivistin Anna Maria Jarvis, die die Kommerzialisierung des Feiertags allerdings so schlimm fand, dass sie später dafür kämpfte, ihn wieder abzuschaffen. Die Nazis sind auf den Muttertagszug lediglich aufgesprungen, nachdem ein Floristenverein den Feiertag in den Zwanzigerjahren nach Deutschland gebracht hatte.

Aber obwohl der Muttertag kein Nazi-Feiertag ist, gibt es an der Form, in der er gefeiert wird, einiges zu beklagen. Einen Tag lang werden alle Anforderungen, die an Mütter gestellt werden, mit Blumen dekoriert und in Zuckerguss ertränkt, in Komplimente verpackt: Danke, dass ihr die Besten seid (denn das müsst ihr natürlich)! Danke, dass ihr so viel gebt, danke dass ihr bis zur Übermüdung wickelt, tröstet und putzt (und wehe, wenn nicht)!

Der Edeka-Werbespot, in dem es "Danke Mama, dass du nicht Papa bist" hieß, ist nur eine besonders offensichtlich eklige Version dieser vermeintlichen Mütterverehrung. "Wir sagen Danke" steht als Titel über dem Video, in dem faktisch natürlich überhaupt nicht Danke gesagt wird, sondern das Kunststück vollbracht wird, Elternschaft sowohl frauen- als auch männerfeindlich zu thematisieren: Die Idee, dass nur Mütter fürsorglich, liebevoll und aufmerksam sein können, einfach weil sie Frauen sind, ist so alt wie überholt. Nein, Frauen wissen nicht aus genetischen Gründen die Schuhgröße ihrer Kinder, die Geburtstage der Freundinnen und Freunde der Kinder oder wie ein Mixer funktioniert. "Mütter sind nicht geboren worden mit dem Wissen, wie man mit Kindern umgeht. Sie lernen es. So wie die Väter im Spot", schrieb die Autorin Patricia Cammarata  dazu.

An dem Werbevideo ist bereits viel Kritik geübt worden, Edeka erklärte dazu, man wolle "Väter keinesfalls schlecht darstellen, sondern etwas überspitzt und auf humorvolle Art und Weise allen Müttern anlässlich des Muttertags Danke sagen", ich hätte nur gerne noch ein Statement von Edeka darüber, wie katastrophal sie sich bitte das Leben eines Kindes vorstellen, das mit zwei Vätern aufwächst.

Mütter - die Übermenschen

Ein anderer Aufreger der vergangenen Tage war die Frage der Mehrehe. "Männer mit Zweitfrau dürfen Deutsche werden", titelte die "Bild" . Es ist ein bisschen lustig, dass ausgerechnet Innenminister Horst Seehofer, Vater einer außerehelichen Tochter, der Mehrehe den Kampf ansagt. Aber vor allem wird hier die Gelegenheit ausgelassen, Beziehungen zwischen mehr als zwei Personen als Ehen anzuerkennen. Dass es Männer mit mehreren Ehefrauen gibt, ist nur deswegen schlimm, weil es keine Frauen mit mehreren Ehemännern gibt. Die Arbeit, die Frauen als Hausfrauen, Ehefrauen und Mütter erledigen, wär oft auch genug Arbeit für mehrere Personen.

Passenderweise fiel in diesem Jahr der Muttertag mit dem internationalen Tag des chronischen Erschöpfungssyndroms und dem Tag der Krankenpflege zusammen. Es ist absolut berechtigt, Müttern zu danken, dafür dass sie so viel Energie aufbringen, um Kindererziehung, Haushalt und Beruf parallel zu schaffen. Nur wird dabei leider oft so getan, als sei diese Energie einfach von Natur aus nötig, obwohl Mütter wesentlich weniger übermenschliche Kräfte bräuchten, wenn von Vätern mehr Verantwortung gefordert würde. Die Kraft, die Mütter auf vermeintlich magische Art entwickeln, ist häufig einfach nur die, die Männer nicht aufbringen müssen, weil es diese Erwartung an sie nicht als soziale Norm gibt. Einen Mutterkult, der das feiert, braucht niemand, außer das Patriarchat.

Wie stark unser Mutterbild an die Idee von Aufopferung geknüpft ist, schlägt sich auch in der gesetzlichen Regelung zu Schwangerschaftsabbrüchen nieder: Im § 219 StGB  steht in dem Absatz, in dem es um die vorgeschriebene Beratung vor einer Abtreibung geht, dass "nach der Rechtsordnung ein Schwangerschaftsabbruch nur in Ausnahmesituationen in Betracht kommen kann, wenn der Frau durch das Austragen des Kindes eine Belastung erwächst, die so schwer und außergewöhnlich ist, dass sie die zumutbare Opfergrenze übersteigt."

Interessantes Frauenbild . Einerseits will der Staat, und das ist erst mal verständlich, Frauen zum Kinderkriegen "ermutigen", auch wenn sie eine Abtreibung planen: "Die Beratung (...) hat sich von dem Bemühen leiten zu lassen, die Frau zur Fortsetzung der Schwangerschaft zu ermutigen und ihr Perspektiven für ein Leben mit dem Kind zu eröffnen" - andererseits sind diese Perspektiven eben so, dass direkt gesagt wird: Aufopfern müssen Sie sich schon.

Anzeige
Stokowski, Margarete

Untenrum frei

Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Seitenzahl: 256
Für 12,00 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

In der "Zeit" hieß es neulich, Feminismus würde sich in Deutschland zu wenig um Mütter kümmern: "Ist das Attribut 'Mutter' etwa nicht glänzend genug für den modernen Feminismus?" Ich halte das für halb richtig und halb falsch. Einige der öffentlich präsenten deutschen Feministinnen sind Mütter und setzen sich für die Belange von Müttern ein (und nicht nur die), allerdings bringen manche Medien natürlich lieber Geschichten über Sexskandale oder Schönheitsthemen als über Ehegattensplitting, Teilzeitfalle, Altersarmut bei Müttern. Gleichzeitig stimmt an der Diagnose, dass viele Frauen, die die Probleme der Mutterschaft kennen, schlicht keine Zeit haben, daneben auch noch politisch aktiv zu sein.

Überarbeitung und Geldsorgen

Eines der Probleme sprach der "Zeit"-Text dann direkt selbst an: "Auf gut 500.000 Euro verzichtet eine durchschnittliche Mutter im Laufe ihres Lebens, wenn sie die Teilzeitlösung wählt." Wir würden mehr von den Problemen der Mutterschaft hören, wenn Frauen öfter darüber schreiben würden, und zwar nicht nur in Blogs, die von anderen Müttern gelesen werden, sondern in der breiten Öffentlichkeit.

"Eine Frau muss Geld und ein eigenes Zimmer haben, um schreiben zu können", schrieb Virginia Woolf vor 90 Jahren. Die Geldsumme, die eine Frau bräuchte, um als Autorin leben zu können, bezifferte Woolf auf 500 Pfund im Jahr. Das wären heute rund 36.000 Euro im Jahr, also mehr als die meisten Frauen netto zur Verfügung haben, die in Deutschland heute Vollzeit arbeiten. Mütter erhalten in Deutschland, bis sie 45 werden, im Schnitt 40 Prozent weniger Lohn als kinderlose Frauen . Zur Frage, wie viele Mütter heute ein eigenes Zimmer für sich haben, habe ich keine Studie gefunden, würde aber schätzen, dass es da nicht besonders gut aussieht.

Das beste Geschenk, das Mütter bekommen könnten, wären politische und betriebliche Maßnahmen, die dafür sorgten, dass Mutterschaft nicht mehr mit Überarbeitung und Geldsorgen einherginge. Am Muttertag könnte man sich dann feierlich daran erinnern, wie unwürdig es früher war.