Nachrichtenmagazin "Newsweek" Deadline für einen Mythos

Das Nachrichtenmagazin "Newsweek" prägte Nachkriegsamerika - und fand weltweit Nachahmer. Doch den Übergang ins Internetzeitalter verschliefen seine Macher - nun steht der Titel zum Verkauf. Droht womöglich das Aus?
"Newsweek"-Zentrale in Manhattan: "Kein dauerhafter Weg zur Profitabilität"

"Newsweek"-Zentrale in Manhattan: "Kein dauerhafter Weg zur Profitabilität"

Foto: MARIO TAMA/ AFP

Der Chefredakteur der "Washington Post", Marcus Brauchli, ist ein optimistischer Mensch. Als er den SPIEGEL zum Interview trifft, will er vom Abgesang auf seine Branche partout nichts wissen. Der Journalismus verändere sich nur, er sterbe nicht, sagte der Zeitungsmann. Tolle Recherchen gebe es mehr denn je, sie hätten sich bloß ins Netz verlagert oder fänden neue Darstellungsformen. Das sei gar nichts Schlimmes. Obwohl: "Ein paar Marken werden diese Entwicklung nicht überleben."

Zum Beispiel eine große Marke aus dem eigenen Haus: "Newsweek".

Das Gespräch mit Optimist Brauchli ist gerade vorbei, da gibt die Washington Post Company bekannt, sie werde sich von dem Magazin trennen. Seit 1933 besteht es, seit 1961 gehört es zum Post-Konzern.

"Wir sehen für 'Newsweek' keinen dauerhaften Weg zur Profitabilität", sagt dessen Chef Donald Graham. Geschätzte 20 Millionen Dollar Verlust hat das Magazin voriges Jahr eingefahren, die Auflage stürzte von weit über drei Millionen Exemplaren in Hochzeiten auf deutlich unter zwei.

Abgesang auf eine Branche

Es ist aber auch ein Abgesang auf die Branche insgesamt: "Time" und "Newsweek" prägten den neuen Begriff des news magazine. Eine kurze, knackige Zusammenfassung der Woche wollten sie liefern. Viele Magazine weltweit ahmten das Prinzip nach.

Über Jahrzehnte verfolgte Amerikas Elite am Montag gespannt, wie Nachrichtenmagazine die nationale Debatte vorgaben. Als "Newsweek" etwa George Bush Senior vorwarf, er sei abgehoben und verstehe die Sorgen einfacher Leute nicht, prägte dies sein Image so nachhaltig, dass ihm 1992 die Wiederwahl nicht gelang.

Doch die Titel hatten eine Achillesferse: US-Magazine vertrauten viel stärker als europäische Pendants auf Auflage, um Anzeigenkunden anzulocken. Reichweite war alles, Jahresabos wurden für unter 20 Dollar verscherbelt. Die Anzeigenkrise traf sie daher umso härter, allein im ersten Quartal 2010 brachen die "Newsweek"-Werbeerlöse um 40 Prozent ein.

Nun steht das Verramschen an. Er habe Anrufe von zwei interessierten Milliardären erhalten, die sich eine Übernahme vorstellen könnten, berichtete Chefredakteur Jon Meacham. Das einst so stolze Nachrichtenflagschiff könnte als Spielzeug für reiche Leute enden, die dafür nicht einmal viel hinblättern müssen.

"Business Week" etwa, ebenfalls einst ein renommierter Titel, wurde gerade für weniger als fünf Millionen Dollar an Milliardär Michael Bloomberg weitergereicht. Gut möglich, dass die "Washington Post" das Nachrichtenblatt gar umsonst abgibt - so käme sie um Entschädigungszahlungen herum, die sonst bei Einstellung eines Magazins und der Nichtbelieferung von Abonnenten drohen.

Heute Sozi, morgen neoliberal

Voriges Jahr hatte sich "Newsweek" noch einmal aufgebäumt. Chefredakteur Meacham, ein 40 Jahre alter Geschichtsexperte, wandelte das Magazin zu einer Art Debattenforum um. Man wollte elitärer werden, debattenfreudiger - mehr wie der britische "Economist" - und nicht mehr das breit angelegte Nachrichtenmagazin sein, das auch der Zahnarzt im Mittleren Westen liest.

Ein "kapitalistisches Manifest" war plötzlich auf dem "Newsweek"-Titel als provokanter Kommentar zu den Lehren aus der Finanzkrise zu lesen. Kurz zuvor hatte das Magazin noch verkündet: "Nun sind wir alle Sozialisten." Ob die USA eine christliche Nation sei oder nicht, wurde wild diskutiert, neben den üblichen Politik-Obsessionen aus der Hauptstadt.

Den Lesern waren solche Debatten ziemlich egal, sie wandten sich weiter in Scharen ab, auch weil das Magazin mit dem neuen Medium Internet wenig anfangen konnte. Unvergessen wie die "Newsweek"-Macher die Enthüllungsgeschichte über Bill Clintons Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky 1998 zurückhielten, bis der Blogger Matt Drudge davon Wind bekam - und fast allen Ruhm erntete. Am schwierigen Verhältnis zur Online-Berichterstattung änderte sich über die Jahre wenig: "'Newsweeks' Website ist im Jahr 1999 stecken geblieben", lästert Howard Kurtz, Medienkolumnist der "Washington Post".

Bye, bye, Massenmedien?

Chef Meacham selbst sagt deshalb: "Die Schlagzeilen werde heute im Internet gemacht. Dadurch sind die Zeitungen zu Nachrichtenmagazinen geworden, und die Nachrichtenmagazine müssen jede Woche die Qualität eines Monatsmagazins bieten."

"Newsweek" wird es wohl nun ergehen wie "US News and World Report", einstmals als drittes US-Nachrichtenmagazin etabliert und mittlerweile bloß ein vernachlässigenswerter Monatstitel. Konkurrent "Time" geht es etwas besser, auch weil es den mächtigen Time Warner-Konzern im Rücken hat. Doch Auflage und Einfluss sinken dort ebenfalls.

Stirbt das Nachrichtenmagazin, bricht in der US-Medienlandschaft ein weiterer nationaler Leuchtturm weg. Amerikas Debatten werden damit noch ein bisschen ideologischer werden. "Die Ära der Massenmedien ist vorbei", sagt Charles Whitaker, Medienexperte an der Northwestern University School of Journalism.

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