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Tod von Cornelius Gurlitt: Der stille Sammler

Foto: ? Michael Dalder / Reuters/ REUTERS

Kunsterbe Cornelius Gurlitt Tod eines Phantoms

Der Fall des Kunsterben Cornelius Gurlitt steht für den schwierigen Umgang mit Nazi-Raubkunst. Was wird nun nach seinem Tod aus den Bildern? Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen sollen sie an eine Kunstinstitution ins Ausland gehen.

München/Berlin - Cornelius Gurlitt war ein Mann, der aus der Zeit gefallen schien. Er mied das Telefon, er sah nicht fern, das Internet war für ihn ein Medium aus einer fremden Galaxie. Jahrzehntelang lebte der Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt in völliger Zurückgezogenheit, in einer eigenen Welt, in der seine Gemälde die Menschen ersetzten. "Mehr als meine Bilder", sagte er in seinem einzigen Interview mit dem SPIEGEL, "habe ich nichts geliebt in meinem Leben."

Nun ist Cornelius Gurlitt gestorben, ohne seine Sammlung wiedergesehen zu haben. Vor zwei Jahren hatte die Staatsanwaltschaft Augsburg mehr als tausend Kunstwerke bei ihm beschlagnahmt, darunter Arbeiten von Marc Chagall, Max Beckmann und Picasso. "Die hätten doch warten können mit den Bildern, bis ich tot bin", hatte Gurlitt Ende vergangen Jahres der SPIEGEL-Reporterin Özlem Gezer gesagt.

Aus der Zurückgezogenheit ins Zentrum der Debatte

Doch die Staatsgewalt hatte nicht warten wollen. Nachdem die spektakuläre Beschlagnahme-Aktion publik geworden war, fand sich Gurlitt, der bis dahin ein Leben in Zurückgezogenheit geführt hatte, im Zentrum einer öffentlich ausgetragenen Debatte über Raubkunst und Restitution wieder.

Am 28. Februar 2012 waren unter Führung der Augsburger Staatsanwaltschaft Dutzende Ermittler und Experten in Gurlitts Wohnung in München gekommen und hatten 1280 Bilder beschlagnahmt. Zusammengetragen hatte die imposante Privatsammlung Gurlitts Vater, der Kunsthändler und Profiteur des Nazi-Regimes , Hildebrand Gurlitt.

Hintergrund der Durchsuchung war eine Kontrolle im Zug gewesen. Zollbeamte hatten bei Gurlitt 9000 Euro gefunden, als er aus der Schweiz nach München zurückkehrte. Doch die Vorwürfe gegen ihn, er habe beim Verkauf von Bildern im Ausland Steuern hinterzogen, konnte die Staatsanwaltschaft trotz großem Aufwand inklusive Telefonüberwachung und Observation nicht wirklich erhärten. Anfang April hoben die Ermittler die Beschlagnahme der Kunstsammlung dann schließlich wieder auf. Der fast zweijährige Entzug der Bilder war nach Expertenmeinung womöglich unverhältnismäßig und damit rechtswidrig gewesen.

Zurückbekommen aber hat Gurlitt seine Bilder dennoch nicht mehr. In seiner Wohnung in München-Schwabing konnte er die wertvollen Kunstwerke aus Gründen der Sicherheit ohnehin nicht mehr lagern.

Späte Gerechtigkeit für die NS-Opfer

Denn längst hatte die Affäre Gurlitt eine neue politische Debatte über den Umgang mit Raubkunst entfacht. Waren die Bemühungen vieler deutscher Museen um die Rückgabe einst von den Nazis geraubter Kunst an die rechtmäßigen Eigentümer bislang eher zögerlich, so konnte die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) bei der Privatsammlung Gurlitt nun demonstrieren, dass sie sich tatsächlich bemüht, den Erben von NS-Opfern späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Der Betreuer Gurlitts und seine Anwälte schlossen mit der Bundesrepublik und dem Freistaat Bayern eine Vereinbarung, bei der die Aufhebung der Beschlagnahme ein entscheidender Teil des Deals war. Mit dieser Vereinbarung wirkten zunächst alle Beteiligten wie Gewinner in dem verworrenen Fall: Zwar sollte Gurlitt seine Bilder zurückbekommen, aber die von der Bundesregierung eingesetzte Taskforce durfte weiter deren Provenienzen untersuchen. Zudem verpflichtete Cornelius Gurlitt sich, mögliche Raubkunst aus seiner Sammlung an die Erben der einstigen Besitzer zurückzugeben. Allerdings erhärtete sich bislang offenbar nur bei einem Bruchteil der 1280 beschlagnahmten Bilder der Verdacht, dass Cornelius Gurlitt sie zu Unrecht besessen haben könnte.

War er am Ende ein Unschuldiger, der durch einen dummen Zufall in den falschen Verdacht geriet, ein Steuerhinterzieher zu sein? Diese Frage wird wohl nie mehr juristisch geklärt werden können: Mit dem Tod des Kunsterben stellte die Staatsanwaltschaft Augsburg ihre Ermittlungen ein.

Immerhin, die Bundesregierung, so scheint es, profitierte von der Affäre. Sie konnte den Fall Gurlitt dazu nutzen, die teils skandalösen Versäumnisse Deutschlands bei der Identifizierung und Rückgabe von Raubkunst aufzuarbeiten. Wenn Kulturministerin Grütters nun Gurlitt attestiert, er habe mit seinem "Bekenntnis zur moralischen Verantwortung ein beispielhaftes Zeichen für die Suche nach fairen und gerechten Lösungen gesetzt", hat das einen schalen Beigeschmack. Gurlitt war seit der Hausdurchsuchung ein gebrochener, hilfloser Mann.

Angeblich erbt eine "Institution in der Schweiz"

Die Staatsanwaltschaft Augsburg hatte bei der Aufhebung der Beschlagnahme betont: "Das Ermittlungsverfahren selbst ist noch nicht beendet." Jetzt aber sind die Ermittlungen eingestellt. Ebenso erloschen dürfte das Mandat von Christoph Edel sein, der als Gurlitts Betreuer bestellt war und wiederum drei Anwälte und einen PR-Experten angeheuert hatte. Die Vereinbarung zwischen Gurlitt, dem Freistaat Bayern und der Bundesregierung allerdings könnte weiter gültig bleiben, sie dürfte auf die Erben Gurlitts übergehen.

Doch wer sind diese Erben? Ob Gurlitt, der nach dem Tod seiner Schwester keine direkten Angehörigen mehr hatte, seine entferntere Verwandtschaft bedacht hat, blieb zunächst offen. Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, heißt es im Umfeld Gurlitts, dass der Kunstsammler ein notariell beglaubigtes Testament hinterlassen habe - in dem vor allem eine "Institution in der Schweiz" begünstigt würde.

Wenn dem so sein sollte, beginnt jetzt in dem komplizierten Fall ein ganz neues Kapitel. Und es ist noch viel zu tun. Bislang wurde noch kein einziges der Bilder, bei dem sich ein Raubkunst-Verdacht bestätigt hat, zurückgegeben. Die Suche nach Gerechtigkeit hat gerade erst angefangen.

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