"Nachtasyl"-Premiere Bucklige Schönheit trifft auf Buster Keaton

Mit "Nachtasyl" von Maxim Gorki startete Ulrich Khuon den Auftakt seiner Intendanz am Hamburger Thalia-Theater. Andreas Kriegenburg inszenierte ein Stück zwischen Stagnation und fixen Ideen.
Von Matthias Heine

Wenn einer wie Andreas Kriegenburg, der einst als Sitzenbleiber aus der Castorf-Schule des ostdeutschen Bühnendekonstruktivismus verschrien war, im gutbürgerlichen Hamburger Thalia-Theater inszeniert, dann muss sich entweder dieses Haus verändert haben - oder Kriegenburg. Beides stimmt: Am Thalia gibt es einen neuen Intendanten namens Ulrich Khuon und der hat seine Amtszeit programmatisch mit Kriegenburgs Inszenierung von "Nachtasyl" eröffnet. Und ein paar der legendär treuen Abonnenten, die die erfolgreiche ästhetische Windstille unter Khuons Vorgänger Flimm als warm und gemütlich empfanden, ließen sich tatsächlich schrecken.

Vielleicht haben sie sich aber auch bloß gelangweilt: Denn Kriegenburg, der vier Jahre lang mit Khuon am Schauspiel in Hannover zusammengearbeitet hat, ist fast ein bisschen zu Thalia-kompatibel geworden. Der Enddreißiger führt beinahe altmeisterlich reif, selbstzufrieden und behäbig vor, wie vollendet er mittlerweile seine Mittel beherrscht.

Die nichtpsychologischen Spielweisen, die auf Traditionen von Commedia dell'arte, Stummfilmslapstick oder Surrealismus zurückgreifen, kann er heutzutage auch einem biederen Ensemble so plausibel machen, dass diese sich darin zu ebensolcher Könnerschaft aufschwingen wie beim gewohnten Seelenrealismus einer Tschechow- oder Ibsen-Inszenierung von Jürgen Flimm. Altvertraute Haudegen wie Wolf-Dietrich Sprenger als heruntergekommener Baron harmonieren in "Nachtasyl" perfekt mit Jungstars wie Fritzi Haberlandt als Schwester der Pennerpensionswirtin und bucklige Schönheit für den zweiten Blick.

Aber das Stück mit seinem Typenreichtum und seinem dramaturgischen Still-Stand verführte den Regisseur dazu, sich selbst etwas arg frühzeitig ein Museum zu errichten. Das Bühnenbild von Robert Ebeling meint man schon hundertmal gesehen zu haben. Und sogar Buster Keaton, dieser Heilige der Kriegenburg-Kunst, darf auch diesmal nicht fehlen: Auf den eingespielten Filmen ist er ständig anwesend.

Interessant ist die Aufführung dennoch, weil sie einen konsequenten Schluss zieht: In einer satten Rentnergesellschaft, wo echte altmodische Armut nur noch als Randphänomen irgendwo am Horizont einer endlos sich dahinstreckenden Mittelstandslandschaft vorkommt, kann man Gorkis Verlierer nicht mehr naturalistisch zeichnen. Ihre Tragikomödien erzählen hier nicht mehr von der Grausamkeit der Klassengesellschaft - stattdessen sind die Menschen hier Gefangene ihrer Neurosen, ihre Leiden sind psychisch, nicht sozial. Schmutz, Alkoholismus und Prostitution sind Ticks, nicht mehr die Konsequenz gesellschaftlichen Abstiegs.

Termine: 25. und 28.9.2000, 20 Uhr.

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