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12. Juli 2010, 11:31 Uhr

Nachwehen der WM

Spürt die Kraft des Jogi-Kaschmirs!

Guten Morgen und herzlich willkommen zurück! Die WM ist vorüber. Droht jetzt der massenhafte Fußballkater? So ganz ohne das tägliche Spiel? Stefan Kuzmany verrät Ihnen, wie Sie mit dem Loch umgehen. Erster Schritt: Die Autospiegelüberzieher einmotten.

Hallo und herzlich willkommen zurück in der Realität. Sie sind hoffentlich ausgeschlafen und pünktlich zur Arbeit erschienen, denn Entschuldigungen gibt es ab heute keine mehr. Die WM ist vorbei. Und dass Sie bis zum Morgengrauen das silberne Lorbeerblatt gefeiert haben wollen, die höchste deutsche Sportauszeichnung für unsere Fußballnationalmannschaft, das glaubt Ihnen doch kein Mensch. Ihr Chef schon gar nicht. Oder wollen Sie etwa behaupten, Sie hätten in überschäumender Freude einen über den Durst getrunken, weil Christian Wulff angekündigt hat, Joachim Löw das Bundesverdienstkreuz zu verleihen? Nicht Ihr Ernst.

Jetzt ist wieder Alltag. Finden Sie sich damit ab. Und gewöhnen Sie sich besser auch daran, Herrn Wulff künftig immer öfter bei jeder sich auch nur entfernt bietenden Gelegenheit mit dabei sitzen oder stehen zu sehen. Der ist nämlich, falls Ihnen das wegen der WM entgangen sein sollte, unser neuer Bundespräsident. Und nicht Joachim Gauck.

Wir sind ja auch nicht Weltmeister geworden. Darum tröstet uns jetzt Christian Wulff, das ist gut und wichtig für die Stimmung in unserem Land. Wulff bei der DFB-Abschluss-Pressekonferenz in der Mitte zwischen Trainer und Spielern: der eine dritter Wahlgang, die anderen dritter Platz. Das hatte Symbolkraft, die über den Tag hinaus strahlen wird.

Dass der vom Präsidenten vollkommen zu Recht gelobte und geradezu vorbildhafte Teamgeist der deutschen Fußballnationalmannschaft bereits auf unsere Staatsspitze niedergefahren ist, zeigt sich an den jüngsten, nach überraschend wenig Zank ergangenen Beschlüssen unserer schwarz-gelben Bundesregierung. Auch wenn Sie vielleicht anderslautende Gerüchte gehört haben sollten: Die ist noch im Amt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP) regieren ihre Parteien und das ganze Land, sind handlungsfähig wie selten zuvor. Und die kommenden Veränderungen werden Sie ganz bestimmt erfreuen. Vor allem, falls Sie Apotheker oder Elitestudent aus begütertem Hause sein sollten. Und wären wir das nicht alle gern?

Spüren Sie die Kraft des Baby-Kaschmir!

Sehen Sie? So müssen wir denken! Nicht das betrauern, was wir sind. Sondern stets das vor Augen haben, was aus uns werden kann, wenn wir nur hart arbeiten und dabei auch noch einfallsreich sind. Die Koalition hat sich diese erfolgreiche Jogi-Taktik bereits zu Herzen genommen, hat sich am Riemen gerissen und zusammengerauft.

Nehmen Sie sich ein Beispiel. Holen jetzt auch Sie das Beste aus sich heraus. Auch wenn es am Ende nicht optimal laufen sollte, haben Sie doch viel geleistet. Bestellen Sie noch heute den blauen Pullover von Joachim Löw, spüren Sie die Kraft des Baby-Kaschmir, tragen Sie ihn mit Stolz, tragen Sie ihn unter einem Sakko, und tragen Sie den Geist unserer Mannschaft an Ihren Arbeitsplatz und in Ihre Familien hinein. Dabei, ganz wichtig, sehen Sie immer verdammt gut aus. Auch das hat die Kanzlerin selbstverständlich längst verstanden und lässt ihre Botschaften ab demnächst vom schönen ZDF-Gesicht Steffen Seibert verkünden.

So ist es gut. Denn jetzt heißt es: Nach vorne schauen! Nehmen Sie die deutsche Flagge aus dem Fenster, die Wimpel vom Auto, und vergessen Sie bitte nicht die Außenspiegelüberzieher. Das kommt alles wieder in einen Schuhkarton und auf den Schrank, aber vorher noch in die Waschmaschine (Etikett mit Waschanweisungen prüfen!). Das können Sie alles noch mal verwenden, in zwei, in vier Jahren und darüber hinaus.

Bis es soweit ist, bereiten Sie sich weltmeisterlich vor, was in ihrem Fall bedeutet: Konzentrieren Sie sich ab jetzt wieder voll auf Ihre Arbeit, auf Ihre Aufgabe im großen Team. Denn der Bundespräsident hat gesagt, wie wichtig das ist mit dem Team. Und das können, das müssen wir alle mitnehmen von dieser Fußballweltmeisterschaft in Südafrika.

Und seien Sie nicht traurig: Schland ist nicht tot. Schland schläft nur.

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