Nackte Kunst in London Sex, please! We're British!

Prüde Briten? Von wegen! Mit einer prächtigen Ausstellung zur Kulturgeschichte der Sexualität will ein Londoner Museum seine Besucher dazu animieren, drei Monate lang an nichts anderes zu denken als das Eine.


London - Die Polizei schaute vorbei, man weiß ja nie. Aber die Gesetzeshüter ließen sich selbst von zehn wild miteinander kopulierenden Arabern nicht irritieren. Beruhigt zog man von dannen und Graham Sheffield konnte aufatmen. "Wir sind koscher", verkündigte der künstlerische Direktor der Londoner Barbican Art Gallery erleichtert in der britischen Zeitung "The Guardian". Was nichts anderes bedeutet als: Ab heute können Interessierte in 2000 Jahre Kulturgeschichte des Sex abtauchen - zu der auch ein Manuskript aus dem 18. Jahrhundert gehört, auf dem sich besagte Araber verlustieren.

"Seduced: Art and Sex from Antiquity to Now" ist Großbritanniens erste kulturhistorische Ausstellung über Sex, die sich an ein breites Publikum richtet. Die Macher wollen die Schau als einen "seriösen kunsthistorischen Essay" verstanden wissen. Die Kuratoren haben in über fünfjähriger Arbeit rund 300 Exponate ausgewählt, von kunsthandwerklichen Kuriositäten bis hin zu Arbeiten von mehr als 70 Künstlern, viele davon von Weltruf: Pablo Picasso, Jeff Koons, Francis Bacon, Tracey Emin und Robert Mapplethorpe.

Zu den Highlights der Schau zählt die britische Presse die privaten Notizbücher Auguste Rodins, Materialien aus der über 500.000 Stücke umfassenden, wissenschaftlichen Sammlung des Pioniers der modernen Sexologie, Alfred Kinsey, und Andy Warhols Kurzfilm "Blowjob" (1963), der genau das zeigt, was sein schlichter Titel verspricht.

Ein Feigenblatt von Queen Victoria

Auch die britische Monarchie hat ihren Beitrag geleistet, wenn auch indirekt: Die Kuratoren präsentieren "David's Fig Leaf". Das rund 50 Zentimeter große, steinerne Feigenblatt hatte Queen Victoria im 19. Jahrhundert herstellen lassen, um die Augen ihrer züchtigen Zeitgenossen vor den Genitalien einer Kopie von Michelangelos David zu schützen, die ihr als Geschenk vermacht worden war.

Marina Wallace, eine der Kuratorinnen der Ausstellung, zeigte sich gegenüber dem "Guardian" besonders erfreut über zwei spirituelle Artefakte: einen lebensgroßen Penis aus Bernstein und ein römisches Windspiel mit einem Phalluselement. "Wundervolle Objekte" schwärmte Wallace, und führte aus, dass diese früher als Talismane angesehen worden seien, da "der Penis der einzige Körperteil ist, der sich hoch und runter bewegt, ohne dass man ihn kontrollieren kann. Das verbindet ihn mit dem Schicksal, das sich ja auch auf und ab bewegt, ohne dass man es willentlich beeinflussen könnte."

Ein bisschen bigott ist man ja doch

Die britischen Feuilletons zeigen sich angetan von der Ausstellung, unterstellen dem Barbican aber nicht nur hehre Motive. Das Kunstzentrum, das in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert, brauche dringend Geld - besonders, da sich die City of London als Sponsor zurückziehe. Nun drohe das ambitionierte Barbican Arts Centre im hart umkämpften Londoner Kulturmarkt der Abstieg. Um dem zu entgehen, habe man sich auf eine alte Geschäftsdevise besonnen: Sex sells.

Auf das Taschengeld fiebriger Pubertierender werden die Ausstellungsmacher allerdings verzichten müssen: Nur wer über 18 Jahre alt ist, darf rein. Das Boulevardblatt "Daily Mail" missverstand diese wohlmeinende Schutzmaßnahme willentlich und titelte maliziös: "Barbican puts on porn show for over 18s". Ein bisschen britisch bigott ist man ja doch.

tdo



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