Nahost-Magazin "Zenith" wird 20 "Überleben ist alles"

1999 gründeten sechs Studenten der Islamwissenschaft "Zenith" - 20 Jahre später gibt es das Nahost-Magazin immer noch. Hier erzählt Mitgründer Daniel Gerlach, wie man sich journalistische Nischen sichert.

"Zenith"-Cover: Den Orient lieben und den Überblick behalten

"Zenith"-Cover: Den Orient lieben und den Überblick behalten

Ein Interview von Swantje Kubillus


Zur Person
  • A.Emami/ Zenith
    Daniel Gerlach, Jahrgang 1977, ist Chefredakteur des Nahost-Fachmagazins "Zenith", das er 1999 mitgründete, und Direktor des Thinktanks Candid Foundation in Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Herr Gerlach, wie haben Sie es geschafft, mit einem kleinen Magazin wie "Zenith" 20 Jahre lang durchzuhalten?

Gerlach: Indem wir uns immer wieder neu erfanden, und irgendwann festgestellt haben, dass wir es auch ohne den großen kommerziellen Durchbruch schaffen können. Da ist es mit "Zenith" und dem Medienmarkt ein bisschen wie im Nahen Osten: Überleben ist alles.

SPIEGEL ONLINE: Worin sehen Sie aktuell die Bedeutung von "Zenith"?

Gerlach: Aufgrund der Informationsflut über den Nahen Osten und die arabische Welt wird es immer schwieriger, zu deuten und zu interpretieren, was dort geschieht. Wir hoffen, dass wir zu einer gewissen Einordnung beitragen können.

SPIEGEL ONLINE: Wie grenzen Sie sich da ab von den vielen anderen Medien, die aus der Region berichten?

Gerlach: Da wir kein Nachrichtenmedium sind, das täglich meldet, können wir in der Debatte Orientierung geben und vorausschauender berichten. So können wir zum Beispiel Konfliktlinien aufzeigen, bevor sie die Schlagzeilen erreichen. Viele Medien sind da, wenn's knallt, und auch schnell wieder weg, wenn sich der Pulverdampf verflüchtigt. Wir sehen auch keinen Widerspruch zwischen einer kritischen Distanz zu einem Thema und einer empathischen Berichterstattung, bei der wir ein Stück weit versuchen, uns in die Kulturen hineinzuversetzen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Momente waren für Sie und für "Zenith" in den vergangenen 20 Jahren besonders bedeutsam?

Gerlach: Bezogen auf politische Ereignisse waren das sicherlich der Irakkrieg 2003 und der Beginn des Arabischen Frühlings. Auch wir konnten nicht voraussagen, was passieren wird, aber wir kannten viele der Akteure schon vorher, seien es Blogger oder Menschenrechtsaktivisten - sowohl auf der guten als auch auf der bösen Seite. Über viele dieser Leute hatten wir schon berichtet, weil sich unser Blick auf die Gesellschaften richtet und nicht nur auf die politische Makroperspektive.

SPIEGEL ONLINE: Gab es auch schwierige Situationen?

Gerlach: Wenn wir uns mit der Macht angelegt haben. Zum Beispiel unsere Kurdistan-Ausgabe von 2013, als wir ein paar Tausend Hackerangriffe auf unserer Seite hatten. Das war nicht ohne. Doch letztendlich haben wir keine große Niederlage erlebt. Wir mussten nie etwas zurücknehmen. Es gibt bestimmte Geschichten, die ich heute sicher anders machen würde, aber wir sind weitgehend skandalfrei geblieben.

SPIEGEL ONLINE: Ein gängiges Vorurteil besagt, nur Musliminnen und Muslime würden Islamwissenschaft studieren. Bei Ihnen war das anders. Worin bestand für Sie der Reiz?

Gerlach: Das Spannende an dieser Fachrichtung ist, dass man sich nicht nur mit Sprache und Literatur, oder nur mit Politik auseinandersetzt, sondern ganzheitlich an das Thema herangeht. Und ich denke, die kulturelle und gesellschaftliche Durchdringung der Region ist wichtig. Aus rein politikwissenschaftlicher Perspektive lässt sich nicht verstehen, was dort geschieht. Hinzu kommt noch die historische Perspektive: Wo kommt etwas her? Und welche tieferliegenden Ursachen und Muster sind zu erkennen?

SPIEGEL ONLINE: Wohin geht die Reise für "Zenith"?

Gerlach: Natürlich wollen wir weiterhin bestehen. Dann gibt es die Nachwuchsfrage. Wollen junge Menschen das Risiko eingehen, sich in diesem Bereich zu behaupten? Aber ich denke, "Zenith" ist ein ewiges Medien-Startup, und hat sich in dieser Welt, der immer schnelleren, undurchsichtigeren und immer schwieriger zu beurteilenden Nachrichten seinen Platz erkämpft. Ich hoffe, dass wir es schaffen, unsere Nische abzudecken.

SPIEGEL ONLINE: Und wie kann die Finanzierung gelingen?

Gerlach: Was wir machen, ist eigentlich kein kommerzielles Produkt; wir können das nicht als Handelsware betrachten, sondern müssen uns eine Community aufbauen und versuchen, auch gemeinnützige Finanzierungsmodelle zu finden. Beispielsweise über unsere Candid Foundation, die wir 2014 gegründet haben. Das sehe ich auch für andere als Zukunftsmodell.

SPIEGEL ONLINE: Vor allem für kleine Medien?

Gerlach: Nein, nicht ausschließlich. Die Frage, wie Medien und hochwertige Informationen finanziert werden, wird uns noch lange beschäftigen. Und da fände ich es gut, wenn sich auch große Medienhäuser eventuell öffnen und engagieren würden, sich auch an solchen Modellen zu beteiligen.

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