Nahtod-Erfahrungen Das erleben Menschen kurz vorm Ende

Wie sieht das Paradies aus? Und die Hölle? Der Neurologe Eben Alexander hat seine eigene Nahtod-Erfahrung beschrieben. Sein Buch ist in den USA ein Bestseller, erscheint nun in Deutschland - und ist Teil einer neuen Welle von christlichen Reiseberichten ins Jenseits.
Nahtod-Schilderung: Schreiten ins Licht

Nahtod-Schilderung: Schreiten ins Licht

Foto: Corbis

Der Vampir wird jetzt zur ewigen Ruhe gebettet, jedenfalls in den USA. Denn dort haben die blutleeren Me-Too-Bücher im Stil der "Twilight"-Saga Konkurrenz durch Untote anderer Art bekommen: Menschen schreiben über ihr Leben nach dem Tod. Und landen damit ganz oben in den Bestsellerlisten. Dabei scheint die Regel zu gelten: Je glaubwürdiger der Jenseits-Reisende, desto beliebter sein Reisebericht.

Und was ist schon glaubwürdiger als ein unschuldiges Kind? Entsprechend begann der aktuelle Buch-Boom mit Colton Burpo, der im Jahr 2003 erst vier Jahre alt war, als er während einer Notoperation starb - und wiederbelebt wurde. Bis zu seiner Rückkehr ins irdische Leben will Klein-Colton aber immerhin die Jungfrau Maria getroffen, auf Jesus Knien gesessen und dessen Regenbogenpferd bestaunt haben. Aufgeschrieben hat das alles sein Vater, der evangelikaler Pfarrer ist, und zur Hand ging der Burpo-Familie eine Frau namens Lynn Vincent, Ghostwriterin von Sarah Palin.

Ihr Gemeinschaftswerk "Den Himmel gibt's echt: Die erstaunlichen Erlebnisse eines Jungen zwischen Leben und Tod" wurde in den USA zu einem der größten Sachbuch-Bestseller der letzten Jahre:

  • 118 Wochen in den Top 100,
  • Neun Wochen auf Platz eins der US-Verkaufscharts,
  • 22. Auflage, derzeit Platz sieben der "New York Times" Sachbuch-Charts ,
  • 7,5 Millionen verkaufte Exemplare in zweieinhalb Jahren.

"Halleluja!", rufen da Verlagsmanager und Buchverkäufer in seliger Verzückung. Auf Burpo folgte nämlich eine Flut von Nahtod-Sachbüchern, die seit zwei Jahren nicht abreißt und den Beteiligten gutes Geld in die Kasse spült.

Erst Jenseits, dann Oprah Winfrey

Kürzlich veröffentlichte Eben Alexander "Der Beweis für den Himmel: Die Reise eines Neurochirurgen ins Leben nach dem Tod". Als Facharzt wäre er prädestiniert, eine Nahtod-Erfahrung als Trick des komatösen Gehirns zu erklären. Doch auch er deutet sie als Beweis für die Existenz Gottes und des Paradieses; religiöse Erweckungsliteratur also, das Zeugnis eines Wiedergeborenen. Alexander will das Jenseits besucht haben, Engeln begegnet sein und den Odem Gottes gespürt haben. Was sich in mehrfacher Hinsicht als lohnendes Erlebnis herausstellt.

Auf der Bestsellerliste der "New York Times" tauchte sein Buch am 11. November 2012 auf - und zwar gleich auf Platz eins. Seit rund zwanzig Wochen ist es nun auf einem der ersten drei Ränge zu finden. Ein Auftritt in der als sehr verkaufsfördernd geltenden Talkshow von Oprah Winfrey scheint das Werk in den Bestsellerlisten festgenagelt zu haben.

Aber er hat ja auch etwas zu bieten. Alexander schildert seinen Eintritt ins "Leben danach" nicht einfach als das übliche Schreiten und Gleiten ins Licht. Er behauptet, sich zunächst in einer weit weniger einladenden Finsternis wiedergefunden zu haben:

"Groteske Tiergesichter kamen blubbernd aus dem Schlamm hervor, stöhnten und krächzten und verschwanden wieder. Ab und zu hörte ich ein dumpfes Brüllen. (...) Das rhythmische Hämmern in der Ferne spitzte sich zu und wurde gleichzeitig intensiver. Es war der Arbeitstakt für eine Armee von koboldartigen Untertagearbeitern, die irgendeine nie endende, brutal monotone Aufgabe erfüllten."

Alexander will also nicht nur das Paradies geschaut haben, sondern auch das Fegefeuer - der niederländische Renaissance-Maler Hieronymus Bosch mit seinen Höllenwelten lässt grüßen. Warum Alexander diesen Umweg nahm, scheint auch klar: Vor seinem Nahtod-Erlebnis war er "strikt ein Mann der Wissenschaft" - was als Irrweg gemeint ist. Erst sein Nahtod ließ ihn zu Gott finden.

Geschehen sei ihm das Ganze, als er sieben Tage in einem tiefen Koma lag. Er behauptet, sein Gehirn habe keine messbare Aktivität mehr gezeigt. Deshalb könnten seine Erinnerungen auch nicht auf Fehlfunktionen seines träumenden Unterbewusstseins beruhen. Vielmehr sei sein Geist von einem freundlichen Engel auf eine Art Sightseeingtour durchs Jenseits mitgenommen worden. "Ultra-real" sei das gewesen, und der Himmel kein Hirngespinst, sondern Wirklichkeit: "Ich bin der lebende Beweis".

Für viele Nahtod-Erlebnisse gibt es Erklärungen, für manche - noch - nicht. Man findet sie in medizinischer Fachliteratur, auch in theologischer. Im Juni werden Raimund Lachner und Denis Schmelter mit "Nahtoderfahrungen - Eine Herausforderung für Theologie und Naturwissenschaft" versuchen, sich dem Thema ernsthaft zu nähern.

Ernst ist es auch Eben Alexander. Er will jedoch bekehren, nicht informieren: In den USA gilt sein Werk als christliche Literatur, ein höchst populäres Genre.

Deutsche Leser haben sich bisher als eher resistent gegen das Jenseitsfieber erwiesen. Was in den USA zur normalen Lektüre zählt, ist hier noch Nische. Wohl auch deswegen erscheint Alexanders Reisebericht in der Esoterik-Edition Ansata, neben Werken über Chakraheilung und Schamanismus. Nach dem Riesenerfolg in den USA hat der deutsche Verlag aber immerhin den Publikationstermin auf Anfang März vorgezogen: Es eilt offenbar mit der Ewigkeit.

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