Nan Goldin LSD statt Theorie

Einfühlsame Familienporträts, entlarvende Beziehungsbilder - Eine Retrospektive in London würdigt die amerikanische Fotografin Nan Goldin als sensible Beobachterin des alltäglichen Elends. Sie selbst sieht sich allerdings eher als professionelle Dilettantin, deren Voyeurismus oft genug auf den Exhibitionismus anderer traf.

Von Gunnar Luetzow


Nan Goldin, Selbstporträt 1992 in Deutschland: First we take Manhattan, und dann ab nach Berlin
Nan Goldin

Nan Goldin, Selbstporträt 1992 in Deutschland: First we take Manhattan, und dann ab nach Berlin

Der 11. September hat zahllose Opfer - jenseits der Toten und Verletzten sind da auch diejenigen, die das hatten, was fälschlicherweise als "Glück im Unglück" bezeichnet wird. Weit genug weg, um es zu überleben, zu nah dran, um die Bilder des Schreckens jemals wieder vergessen zu können. Ähnliches erleben viele der Helfer, die in einen Einsatz geschickt wurden, auf den sie niemand vorbereiten konnte. Viele werden das, was sie durchlitten haben, mit niemandem, der es nicht erlebt hat, teilen können, da das Ausmaß des Erlebten kaum kommunizierbar und "Apokalypse" eben auch nur ein Wort ist, das wenige Wochen später von den bisweilen zynischen New Yorkern wieder in eine neue Stadtteilbezeichnung eingebaut wurde: "Noa" heißt jetzt die Gegend "North of Apocalypse".

Doch die "Heroes at Ground Zero" genießen als amerikanische Nationalhelden zumindest einen besonderen Schutz. Schlechter geht es da jenen, deren Welt angesichts einer privaten Tragödie zerbricht und die nun nicht nur mit dem Leid, sondern auch mit der Ächtung durch ihre Mitmenschen leben müssen, die sich durch sie in ihrer Illusion einer kleinen, heilen Welt bedroht fühlen. Nan Goldin beispielsweise: Die inzwischen im Pariser Exil lebende amerikanische Fotografin, der jetzt in der Londoner "Whitechapel Gallery" die Retrospektive "Devil's Playground" gewidmet ist, war elf, als sich im April 1964 ihre 18-jährige Schwester vor der Union Station in Washington auf die Bahngleise warf und von einem Zug überrollen ließ.

Goldin-Fotografie: Das akute Elend der anderen wird zum Bild der eigenen elenden Befindlichkeit
Nan Goldin

Goldin-Fotografie: Das akute Elend der anderen wird zum Bild der eigenen elenden Befindlichkeit

Andere Kinder, berichtete sie gegenüber "Newsweek", hätten mit Steinen nach ihr geworfen und "Wann bringst du dich um, wie es deine Schwester getan hat?" geschrien, in der "Washington Post" wurde von den Reaktionen verärgerter Fahrgästen berichtet, und ein Psychiater weissagte ihr, dass auch sie bald Selbstmord begehen würde. Bis sie vierzehn war, ertrug sie ihr spießbürgerliches Elternhaus noch, dann war Schluss mit der verlogenen Idylle, die es um jeden Preis weiter aufrechtzuerhalten galt. Sie zog in eine Wohngemeinschaft, ging auf eine Hippie-Schule, und dann drückte ihr irgendjemand eine Polaroid-Kamera in die Hand. 1978 fand sie sich auf der Lower East Side wieder - der Rest ist eine Geschichte, von der einige behaupten, sie hätte das Werk einer der "einflussreichsten Dokumentarfotografinnen des späten 20. Jahrhunderts" hervorgebracht.

First we take Manhattan, und dann ab nach Berlin

Ebenfalls hervorgebracht hat sie allerdings einige Bände, die auf den Tee- und Kaffeetischen der "Chattering Classes" ein absolutes "Must" sind - ganz wie die Anwesenheit bei der mehrfach überbuchten VIP-Preview ihrer Ausstellung in London. Dabei handelt es sich um eine dieser Veranstaltungen, in denen sich erfreulicherweise niemand groß um die anderen Promis schert, weil man schließlich selber einer ist. Höchstens nimmt man irritiert zur Kenntnis, dass David Bowie und Björk nicht aufgetaucht sind - manche Leute glauben eben, sie könnten sich alles erlauben. Draußen vor der Tür, wo es heute so heruntergekommen bis verwüstet aussieht wie früher in Berlin, als das Leben dort noch eine Baustelle war, warten dann die Chauffeure und Paparazzi. Drinnen hält Stella McCartney - gerade frisch aus Paris zurück, wo sie eine Ausstellung bei Thaddeus Ropac eröffnet hat - eine kurze, nicht sonderliche inspirierte Ansprache.

Goldin-Fotografie "Rebecca on bed": Professioneller Dilettantismus?
Nan Goldin

Goldin-Fotografie "Rebecca on bed": Professioneller Dilettantismus?

Danach plaudert schließlich Nan Goldin aus ihrem Leben, das ziemlich genau so verlaufen ist, wie die Biografien der meisten unfreiwilligen Bohemiens: First we take Manhattan, und dann ab nach Berlin, wo die Leute aus Heimweh hinziehen. Immer mittenmang: Legale und illegale Weilchenbeschleuniger, Frauen wie Männer und dazu eine überaus problematische Beziehung mit einem Mann namens David, der sie einmal derartig brutal verprügelte, dass sie beinahe erblindet wäre.

Doch jenseits aller Glaubwürdigkeit des dokumentierten Leidens aus todbringenden Krankheiten, Süchten und Verhältnissen und den kurzen Momenten des Glücks gilt es auch, einen Moment lang innezuhalten und nachzufragen: Augenblick mal - nachdem der vierzigste Freund an Aids gestorben war, hat Nan Goldin aufgehört, Kreuze hinter den Namen im Telefonbuch zu machen. Doch wie in aller Welt hat man mehr als vierzig verbindliche, innige Freundschaften? Vier sind doch schon eine ganze Menge! Nahe liegt da eine andere Überlegung: Dass das akute Elend der anderen zum Bild der eigenen elenden Befindlichkeit geworden ist. Eine nachvollziehbare Operation - die allerdings, in halbwegs vernünftigem Licht betrachtet, keine zulässige ist.

"Nehmt LSD, dann braucht ihr keine Theorie mehr"

Goldin-Bild "Truro, MA": Banale Schnappschüsse aus dem Urlaub
Nan Goldin

Goldin-Bild "Truro, MA": Banale Schnappschüsse aus dem Urlaub

Doch Nan Goldin zählt sich selbst ohnehin zur "postrationalistischen Schule": "Man macht etwas und lässt sich hinterher von den Kritikern erklären, was man da eigentlich gemacht hat." Bisweilen überkommen die manische Knipserin aber auch Momente der Einsicht: "Jemand, der so viele Fotos geschossen hat wie ich, muss einfach eine Ausstellung in der Whitechapel Gallery bekommen." Anderes hinterlässt das Publikum, das wohl einen gewissen Grad an Reflexion und Spitzzüngigkeit gewohnt ist, ratlos: "Ich sage meinen Studenten immer, nehmt LSD, dann braucht ihr keine Theorie mehr." Das klingt entwaffnend, ebenso wie ihr Bekenntnis zum professionellen Dilettantismus, aber nicht entwaffnend genug für die schwankende Qualität ihrer Arbeit. Dass in vielen Fällen Goldins Voyeurismus auf den Exhibitionismus anderer trifft, macht viele schwache Momente nicht besser.

Ihre größte Leistung besteht daher wohl darin, aus den falschen Gründen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen zu sein und draufgehalten zu haben - so sind einige nahezu klassische Aufnahmen entstanden, die in der Zerrissenheit ihrer Protagonisten zwischen Glamour und Gosse jene interessanten achtziger Jahre verkörpern, in denen nach oben wie unten sozial alle Schranken fielen und Verhältnisse, wie sie jetzt erst langsam wieder lautstark beklagt werden, geschaffen wurden. Dass sie inzwischen genau wie Kollege Richard Billingham auch mal ganz banale Schnappschüsse aus dem Urlaub liefert, sei ihr durchaus verziehen - schließlich ist das, was sie und all die anderen Künstler, deren Biografien kaum eine andere Wahl gelassen haben, wohl oft vermisst haben, ein klitzekleines Stück Normalität: Auch mal mit der Freundin am Strand liegen, auch mal ein Ferienhaus mit Freunden mieten.

Eine Aufnahme, die noch einmal ein Zeitalter auf den Punkt bringt, ist ihr dann übrigens doch noch im letzten Jahr gelungen: Sie zeigt, leuchtend in nahender Dämmerung, die New Yorker Zwillingstürme, deren Zerstörung unzählige Leben und das Selbstbild einer Weltmacht für immer zum Einsturz brachte. Willkommen zuhause.

Nan Goldin: "Devil's Playground". London, Whitechapel Gallery; 80 Whitechapel High Street, London E1 7QX; noch bis zum 1. April 2002



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