Nation in der Krise Das ist nicht Amerika

Gebt uns unser Land zurück: Wie die Welt des Glamour zum Widerstand gegen George W. Bush rüstet.

Daß die Demokratie ein Theater ist, das kann man so oder so deuten. Die einen werden Dir sagen, daß die Demokratie aus dem Theater kommt, und sie werden von Athen reden und von Aischylos; die anderen werden Dir sagen, daß die Demokratie zum Theater verkommen ist, und sie werden von Parlamenten reden, von Kommissionen und der Bundesversammlung; und schließlich wird es ein paar geben, die werden Dir sagen, daß die Demokratie ein Schauspiel ist wie das Leben, manchmal häßlich, manchmal schön, und das einzige, was wir sicher haben, sind die demokratischen Formen und Mechanismen. Demokratie, werden sie Dir sagen, ist ein Verfahren und ein Prozeß.

Und wie bei jedem Prozeß, so ist auch bei diesem der Ausgang offen. Da saßen sie also mal wieder alle, auf den Bänken hinter den Tischen, die aus schwerem braunen Holz gemacht waren, die Generäle Abizaid und Sanchez etwa oder der stolze Myers mit seinem hoch aufragenden Kopf oder Wolfowitz, der stets ein wenig über dem Mikrophon kauert, oder der Schaurige selbst, Donald Rumsfeld, der immer mal wieder die Finger seiner rechten Hand hebt und mit Daumen und Zeigefinger eine Zangenbewegung macht, als wolle er ein Insekt zerquetschen, dabei will er ja nur mit seinen Argumenten ein Stück jener Wahrheit aus der Welt herausschneiden, die seine ist, das heißt die amerikanische, das heißt die gültige.

"Sir, please, Sir", platzte es aus einem der Senatoren heraus, die den Männern aus der Regierung und aus dem Militär gegenüber saßen, die sie nach den Folterfotos befragten; das war einer der wenigen emotionalen Momente, in denen man merkte, wie hoch der Preis dafür ist, daß man die Wahrheit nur Stück für Stück bekommt in diesem beeindruckenden Schauspiel, bei dem die Welt, die über CNN zugeschaltet war, Amerika dabei zusehen konnte, wie es mit sich selbst ringt.

Es war einer jener Schauprozesse der anderen Art, wie sie die Amerikaner so lieben, ein klassischer Moment der amerikanischen Demokratie, die letztlich im Einzelfall immer auch das Grundsätzliche mitverhandelt - und über das Verbotene, Kriminelle, Unmoralische zu ihrem wahren Wesen zurückfinden will. Es ist ein wiederkehrendes Muster, das das amerikanische Denken durchzieht, dieser Kampf um das Wesen Amerikas, da macht es letztlich keinen großen Unterschied, ob sich die Senatorin Hillary Clinton an die Versammelten wendet und fragt, mit welchem Auftrag General Miller von Guantánamo nach Abu Ghraib gekommen sei; oder ob Tom Cruise sich als Rechtsanwalt vor Jack Nicholson aufbaut und den Alten, der dort kauert wie ein Frosch in Angriffslaune, so lange zwickt, bis es aus dem schließlich herausbricht: Javerdammtnochmal, er habe angeordnet, daß der Soldat mit dem Code Red behandelt werden sollte, sein Pech, daß der daran gestorben sei, "aber wissen Sie eigentlich, Sie Wurm, wie es dort draußen ist, den Kommunisten Auge in Auge gegenüber, jemand wie Sie kann doch Amerikas Freiheit gar nicht verteidigen". Der Film heißt "Eine Frage der Ehre", und Jack Nicholson, der zufällig den Kommandanten des US-Stützpunktes von Guantánamo spielt, muß am Ende ins Gefängnis.

Das Gute hat wieder gesiegt, Hollywood sei Dank - Hollywood, das auch in diesen Tagen seine Macht als demokratischer Kontrollfaktor demonstrieren und dafür sorgen will, daß es am 2. November bei der Präsidentenwahl ein Happy-End geben wird. Da ist zuerst und vor allem Roland Emmerichs Kyoto-Schocker "The Day After Tomorrow", der in den Vereinigten Staaten schon vor der Premiere zum Politikum geworden ist; da ist Cameron Diaz, die im Elektrowagen durch Los Angeles fährt, und da ist Ben Affleck, der sich hochglanzrelevant mit John Kerry befreundet und auch mit dessen Tochter; da sind die Anzeigen, auf denen die Schauspieler Al Pacino, Martin Sheen, Kristin Davis, Samuel L. Jackson oder Richard Dreyfuss stolz in die Kamera blicken und sagen: "I am not an American". Immer mit dem Zusatz, daß man kein Amerikaner ist, der "Politik mit Patriotismus verwechselt" oder der es hinnimmt, wenn die Regierung weiß, welche Bücher er liest, wie neben dem Porträt des Schriftstellers Kurt Vonnegut zu lesen ist. Kleiner steht dann darunter, daß Vonnegut ein Amerikaner ist, der daran glaubt, jeden Gedanken ohne Angst formulieren zu dürfen. Und die Countrysängerin Natalie Maines von den Dixie Chicks schreibt, sie sei eine Amerikanerin, die ihr Land liebe, weil sie frei sei, die Entscheidungen der Regierung zu kritisieren. Die Reaktion des Justizministeriums auf die Anzeigenkampagne kam prompt: "Absolut empörend!"

Das ist das Klima in diesem Land, das sich nicht seit dem 11. September 2001 so sehr verändert hat, sondern seit dem 20. Januar 2001; seit jenem Tag, als der kleine Bush das Amt seines Vaters übernahm, mit den Leuten seines Vaters, um den Job seines Vaters zu Ende zu bringen: Saddam zu verjagen, viel Geld mit Öl zu verdienen, eine gute Zeit zu haben? Nein, Amerika so zu verändern, daß es den neokonservativen Wertvorstellungen entspricht, und die Welt so zu verändern, daß sie dem entspricht, was sich die Neokonservativen unter Amerika vorstellen. Amerika war der Einsatz, und Amerika ist die Beute.

Die Sache, um die es geht, ist fundamental für das Selbstverständnis des Landes, das machen die Anzeigen mit den Schauspielerporträts klar, die von der American Civil Liberties Union geschaltet werden, das macht auch die Auseinandersetzung um die Folterfotos aus dem Irak klar. Es geht im Kern darum: Was ist Amerika? Das Wort ist zu einem Kampfbegriff geworden, nicht nur nach außen im Konflikt mit der muslimischen Welt, sondern auch nach innen in der über 200 Jahre alten Auseinandersetzung darüber, was Freiheit bedeutet und was der Preis dafür ist. Wenn Susan Sontag im "New York Times Magazine" feststellt, "the photographs are us", dann bedeutet das nichts anderes - Amerika hat sich verloren, und langsam wacht die liberale Elite auf.

Die Opposition trägt natürlich das Datum des Kriegsbeginns im Irak; aber die Dringlichkeit und auch der Optimismus nehmen zu, je näher das Wahldatum des 2. November rückt. Jetzt sprechen nicht mehr nur ein paar europäische Intellektuelle von einem Staatsstreich, mit dem sich der kleine Bush erst die Wahl und dann das Land genommen hat, sondern auch Kolumnisten wie Paul Krugman von der "New York Times"; jetzt wird nicht nur in abgezirkelten Zeitschriften wie der "New York Review of Books" diskutiert, daß die Wahrheit, die die Folter ans Licht bringt, vor allem eine Wahrheit ist, die etwas über den Folterer aussagt und wenig mit den erpreßten Geständnissen zu tun hat; jetzt schreibt Seymour M. Hersh nicht nur Woche für Woche über die Folterverstrickungen bis in die höchsten Ränge, jetzt sitzt dieser Aufdecker vom "New Yorker" bei Wolf Blitzer in dessen CNN-Studio, während die Schuld in immer neuen Wellen kommt und oben drauf immer Hersh, eine Art Schuldboje seit mehr als 30 Jahren, seit My Lai und Vietnam, seit schon einmal die Bilder nicht weggehen wollten und das Land nicht mehr wußte, was es war und was es sein sollte.

Jetzt endlich findet die Opposition ihren Weg in den Mainstream, und mehr und mehr führt sie dieser Weg in jene Welt des Glanzes und des Glamours, die die Extremform und das Widersprüchlichste sind, was Amerika hervorgebracht hat: Wenn man will, die höchste Feier der Freiheit des Individuums. Das, wofür Amerika in der Welt geliebt wird und verachtet.

Was wir in diesen Tagen in den USA erleben, ist die Geburt des Widerstandes aus dem Geist des Glamours - sinnfällig und merkwürdig zugleich, wenn man bedenkt, daß die Bilder, die den Folterskandal vorantreiben, Produkt dieses Denkens in Ikonen und Posen sind und selbst in den Kreislauf der großen Bilderverarbeitungsmaschine des globalen Unbewußten eingespeist werden. Ein Beispiel dieses politisierten Glamours ist die Zeitschrift "Vanity Fair", die sonst gern eine Homestory über Brad Pitt und eine Genozid-Reportage aus Ruanda kombiniert; in der Mai-Ausgabe nun haben sie in vier dicken Zeilen über dem Titel die längste Geschichte angekündigt, die sie hier je gedruckt haben: "Der Weg in den Krieg", der "ultimative Insiderbericht" darüber, wie Bush und seine Camorra manipulierten, logen und einschüchterten, um den Krieg zu bekommen, den sie wollten. Und Chefredakteur Graydon Carter schließt sein Editorial mit der Aufforderung, gegen Bush zu stimmen.

Überraschen mag dieser Glamourama-Aktivismus vor allem jene, die nicht realisieren, daß diese Mischung aus Oberflächlichkeit und Relevanz nur eine Kultur herzustellen vermag, die die Relevanz der Oberflächlichkeit kennt. F. Scott Fitzgerald, Truman Capote, Andy Warhol, das sind nur ein paar Veteranen dieses anderen Amerikas; MCA, Ad-Rock und Mike D sind zu dritt die Beastie Boys und ein paar von denen, die dieses Erbe weitertreiben. Im Juni erscheint die lang erwartete neue CD des Glam-Rap-Trios, "To the 5 Burroughs", eine New-York-Hommage und Ehrenrettung vor den falschen Profiteuren von 9/11, die sie extra ein paar Monate vorgezogen haben, damit sie noch während des US-Wahlkampfes zum Einsatz kommen kann. Und schon jetzt kursiert ihr Song "In a World Gone Mad" im Internet. "You build more bombs as you get more bold", heißt es da, "as your mid-life crisis war unfolds" - sie sind damit Teil einer Künstlerkoalition gegen Bush.

Da gibt es den Schriftsteller Jeffrey Eugenides, der sich schämt für sein Land, da gibt es den Dramatiker Tony Kushner, der Barbara Bush mit drei toten irakischen Kindern plaudern läßt, da gibt es die CDs "Rock Against Bush" und "More Rock Against Bush" mit den Foo Fighters und No Doubt, da gibt es aufwändige Abendessen, auf denen die üblichen Verdächtigen viele tausend Dollar für John Kerry spenden, Steven Spielberg etwa, Barbra Streisand und Oliver Stone, aber auch Leonardo DiCaprio, Lucy Liu, Ben Stiller, Tom Ford und Brad Pitt. Da gibt es natürlich Michael Moore und seinen Film "Fahrenheit 9/11", über den Godard gerade gesagt hat, Moore sei "halbintelligent" und helfe Bush auf seine Weise. Und da gibt es den komischen Schriftsteller Dave Eggers, der für die Internetzeitschrift "salon.com" einen Fortsetzungsroman schreibt, der nur von der Politik handelt und von den Wahlkämpfern in der kalifornischen Provinz bis zum Präsidenten alle in Spott badet. Die amerikanische Kunst wird politischer, und sie wird das in dem Maß, wie der Rest der Welt vom Glauben abfällt.

"This is not America", das war einmal ein Song von David Bowie, und es war eine Anklage gegen das, was aus dem amerikanischen Traum geworden ist. Auf der Welt mag im Moment eine Mehrheit der Meinung sein, daß es sich dabei eher um einen Albtraum handelt; die Opposition gegen Bush will dafür sorgen, daß sie wenigstens im Land wieder stolz sagen können: I am an American.