Klassiker-Stürmung in Weimar G8? G9? G-Punkt!

Mit brachialen Methoden formen der Autor Kai-Ivo Baulitz und der Regisseur Enrico Stolzenburg am Deutschen Nationaltheater die 200 Jahre alte Tragikomödie "Hofmeister" um - und machen einen langen gespielten Schul-Witz daraus.

Luca Abbiento

Am Anfang ist die Keule. Sie ist aus Plastik, und ein kleiner Schüler haut sie dem neuen Herrn Lehrer erstmal über den Kopf, damit der weiß, wo hier der Lehrplan hängt.

Nein, der Traumjob kann das nicht sein: Rebellisches und absolut bildungsresistentes Jungvolk in Schulen zu ordentlichen Bürgern des Staates zu erziehen, das entpuppt sich eher als Alptraum für Läuffer, den jungen und noch heftig idealistischen Pädagogen. Die Majorin wird es später genau wissen: Nur Drogensüchtige oder Muselmanen, die Lehrerinnen vergewaltigen, treiben sich an den öffentlichen Schulen herum, und überhaupt dazu noch angebliche Pädagogen, die sich allein mit Hilfe von Psychopharmaka durchs Curriculum wursteln.

Deshalb hat sie auch beschlossen, ihre Tochter Gustchen von einem Hauslehrer erziehen zu lassen, damit sie nicht "absäuft" im kapitalistischen Wettbewerb. Da kommt Läuffer, der auf dem freien Bildungsmarkt schlecht vermittelbar ist, gerade recht dahergelaufen, auch wenn er "ganz verbeult" ausschaut.

Kai-Ivo Baulitz' Bearbeitung von Jakob Michael Reinhold Lenz' Tragikomödie "Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung", die am Nationaltheater in Weimar uraufgeführt wurde, streift das Original, man ahnt es, nur noch am Rande. Baulitz greift sich ein paar Personen aus dem Drama des 18. Jahrhunderts und beamt sie alles andere als behutsam in die Gegenwart - und damit in eine Wirklichkeit, die nur noch unterscheidet zwischen angepassten Emporkömmlingen und dreisten Sozialschmarotzern, wo man entweder "den Bachelor in Halle machen" kann oder auf ewig bei Lidl an der Kasse steht. Somit heißt es zum Stück auch korrekt "nach Lenz", wenngleich sich immer noch manch alte Dramensätze keck unter den flapsig-modernen Umgangston mischen. "Oh mörderische Konvention", stöhnt da einer, was zweifellos zeitlos ist.

Es wird geschwafelt und gekalauert, was das Zeug hält

Regisseur Enrico Stolzenburg (Jahrgang 1973) folgt dem nachdichtenden Autor (Jahrgang 1971) und dessen ungenierter Klassiker-Stürmung mit Lust und Laune, und das Ensemble macht gekonnt komisch mit. Von Lenz übernimmt er immerhin noch die an Filmschnitte erinnernde rasche Szenenfolge, in den Blackouts jammert oder knarzt ein Spinett, mal romantisch wehmütig, mal kratzig atonal. Auf der schrägen Bühne aber geht es vom ersten Moment an zu wie in der großen Pause ohne Aufsicht.

Es wird geraunzt und gerempelt, begriffelt und geblödelt, geschwafelt und gekalauert, was das Zeug hält, und mit der Zeit so radikal am Original vorbei, dass es auch irgendwie gar nicht mehr schön ist. Baulitz und Stolzenburg verlieren ihren Lenz völlig aus den Augen und leider auch die Lust daran, den alten Text ernsthaft zu befragen nach möglicher Wirkungskraft in unserer Zeit. War das bürgerliche Bildungsideal tatsächlich so muffig und mies im Vergleich zur häppchenhaften Vermittlung von Halbwissen heute? Was hat sich da groß geändert hinsichtlich der Chancengleichheit für Kinder aus oberen und unteren Gesellschaftsschichten?

Stattdessen steht in Weimar gnadenlos Spaß auf dem Stundenplan, Klamauk mit ein paar kabarettistischen Untertönen fürs gute Niveau-Gewissen. Die Figuren, zeitlos gekleidet und in unbestimmter Atmosphäre hampelnd, haben alle einen an der Klatsche und erscheinen als Karikaturen ihrer Lenz'schen Rollen. Die Majorin (Nadja Robiné) interessiert sich weniger für G8 oder G9 als für ihren eigenen G-Punkt und lässt den Herrn Hofmeister (Fridolin Sandmeyer) neckisch an der Gaultier-Busenspitze nuckeln.

"Dumme Nuss mit wenig Potenzial"

Der trägt Hochwasserhosen und prostituiert sich als ein Domestik auf dem Privatbildungssektor, der "für Einsfünf" im Monat alles machen würde. Sogar Gustchen erziehen, die - so die Majorin - zwar "eine dumme Nuss mit wenig Potenzial" ist, aber trotzdem nicht Friseuse werden soll. Das saubere Töchterlein (Nora Quest) in groben Netzstrümpfen aber dilettiert hemmungslos und verführt ebenso den leicht pädophilen Pädagogen (einmal sagt diese Lolita sogar "Humbert Humbert" zu ihm), hängt ihm einen Balg an - und Sense ist es für alle Beteiligten mit dem einwandfreien Aufstieg in einer Gesellschaft, die sich mit Standesdünkel und Prüderie selbstgerecht und wohlig "im Tal der Lügen" eingemummelt hat.

Bei Lenz entmannt sich Läuffer im hochdramatischen Fortgang der Handlung, stigmatisiert sich als Ausgestoßener und weil er nicht mehr unterscheiden kann, was bei ihm Trieb und was Liebe ist. In Weimar tut das sein jammervoller Wiedergänger zwar auch (mit der Gartenschere), aber man weiß beim besten Willen nicht, warum. Und so wirkt es hier auch zusammenhanglos nur als derber blöder Witz.

Am Ende ist Läuffer dann aber doch noch in der Bildungswirklichkeit angekommen. Er hat einen Job als angestellter Lehrer beim Staat, und er hat jetzt auch eine klare Vorstellung davon, wie Wissen und Werte überhaupt noch (oder endlich wieder?) vermittelbar sind: Die Plastikkeule kommt nochmals zum Einsatz. Jetzt aber zieht der Pauker dem Schüler eins drüber und stellt sich drohend als neuer Klassenlehrer vor: "Na, kleiner Scheißer, wie geht's?"


Kai-Ivo Baulitz nach J.M.R. Lenz: "Hofmeister". Inszenierung von Enrico Stolzenburg am Nationaltheater Weimar, Großes Haus. Nächste Vorstellungen 16. und 23. Oktober, sowie am 7. und 29. November. Karten unter Telefon 03643 / 755 334.



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