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Navid Kermani im Irak: Nadschaf, der Vatikan der Schiiten

Foto: Ali Arkady/ VII/ DER SPIEGEL

Navid Kermani über seine Irak-Reise "Was hier passiert, ist vergleichbar mit dem Ersten Weltkrieg"

Der Schriftsteller Navid Kermani ist durch den Irak gereist: In Flüchtlingslagern sah er katastrophale Zustände, internationale Hilfe komme nicht an. Und der Herbst naht. Für die Zukunft des multikulturellen Staates hat er kaum Hoffnung.
Zur Person
Foto: Thomas Frey/ picture alliance / dpa

Navid Kermani, 46, ist Schriftsteller und lebt in Köln. "Zwischen Koran und Kafka. West-östliche Erkundungen" heißt sein neuestes Buch über die kulturellen Grenzen zwischen Orient und Okzident. Kermani ist Orientalist, in zahlreichen Reisereportagen hat er die Kriegsgebiete der Region beschrieben. Im Mai hielt er im Bundestag die Festrede zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes. Er ist Sohn iranischer Eltern. Für den SPIEGEL reiste er mit dem Fotografen Ali Arkady durch den Irak, mit Stationen in Nadschaf, Bagdad und Kurdistan.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kermani, Sie waren vor wenigen Tagen im Irak unterwegs - haben dort mit Flüchtlingen gesprochen, die dem IS-Terror entkommen sind, aber auch mit religiösen Führern wie Großajatollah Ali al-Sistani. Welche Erlebnisse haben Sie besonders beeindruckt?

Kermani: Sicher der Besuch der Flüchtlingslager: das Elend, das ich dort gesehen habe. Unerwarteterweise, denn ich dachte, es gäbe mittlerweile eine Art von Grundversorgung. Die Flüchtlingsströme sind ja für die Weltgemeinschaft nichts Unerwartetes mehr. Aber ich habe Menschen getroffen, die seit 30 Tagen auf dem nackten Boden schlafen, noch keinen Arzt gesehen haben und immer noch von der lokalen Bevölkerung versorgt werden. Und dabei sind sie nur zwei, drei Flugstunden von der Europäischen Union entfernt. Die Kurden kümmern sich um die Flüchtlinge, sind aber völlig überfordert. In einem 1,2-Millionen-Einwohner-Distrikt wie Dahuk leben 700.000 Flüchtlinge. Da fehlt es an allem.

SPIEGEL ONLINE: Eine Reise in den Irak ist ja nicht ohne Risiko. Warum haben Sie sich dazu entschieden?

Kermani: Es gab so viele Berichte, und es spielen sich solch dramatische Ereignisse ab. Ich wollte wissen, wie es dort wirklich aussieht - wie es sich anfühlt. Wie es ist, wenn man durch Bagdad geht. Was die Iraker im Süden zu den Geschehnissen sagen. Ich wollte den Menschen dort eine Stimme geben. Es wird im Moment so viel über den Irak gesprochen, aber die Iraker selbst kommen ja selten zu Wort.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland sind es vor allem die Videos von den Hinrichtungen westlicher Journalisten und Entwicklungshelfer, die für die Gräueltaten des IS stehen. Welche Bilder bleiben uns verborgen?

Kermani: Es fehlt das Bild der Iraker selbst. Wenn man mit den Flüchtlingen redet, berichten sie von systematischen Vergewaltigungen, von Hinrichtungen. Wer Schiit oder Jeside ist, wird sofort vom IS umgebracht. Es gibt Tausende, Zehntausende, die schon gestorben sind. Davon berichten die Menschen - und schauen weniger auf einen, zwei oder drei Journalisten, die enthauptet worden sind. Es geht den Menschen im Irak zunächst einmal um ihre eigenen - sehr zahlreichen - Opfer. Dabei sieht jede Bevölkerungsgruppe vor allem das eigene Leid: die Christen ihre eigene Vertreibung. Die Schiiten sagen, gegen uns richtet sich der Kampf in erster Linie. Die Kurden sagen, wir kämpfen hier für die freie Welt. Und so finden all diese verschiedenen Flüchtlings- und Widerstandsgeschichten nicht so recht zusammen. Eine der Aufgaben eines Berichterstatters ist es, all diese verschiedenen, sich teilweise widersprechenden Geschichten zu erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, der IS werde von einigen Irakern als westliches Produkt gesehen. Wodurch entsteht dieser Eindruck?

Kermani: Der IS ist offenbar lange durch Geldgeber aus Saudi-Arabien unterstützt worden. Die gesamte Ideologie des Dschihadismus beruht ja auf einer fundamentalistischen saudischen Ideologie - auch wenn sie in Saudi-Arabien selbst nicht unbedingt in Gewalt umschlägt. Und viele Iraker sehen Saudi-Arabien als westlichen Bündnispartner, als den engsten Verbündeten des Westens im Nahen Osten. Was Saudi-Arabien tut, ist daher aus Sicht vieler Iraker westliche Politik.

SPIEGEL ONLINE: Sie beklagen den Verlust kultureller Pluralität im Irak. Führt der Vormarsch des IS zu einem Zerfall des Irak in verschiedene ethnische und religiöse Gruppen?

Kermani: Die Schiiten fliehen in den Süden, die Christen und Jesiden vor allem in den Norden, zu den Kurden, wo sie aber auch nicht dauerhaft bleiben möchten, weil sie dort in provisorischen Lagern untergebracht sind. Das bedeutet, der Irak teilt sich entlang ethnischer, konfessioneller Linien neu auf. Im Zentralirak und im Westen gibt es fast nur noch Sunniten, im Süden fast nur noch Schiiten, im Norden die Kurden. Und wer natürlich rausfällt, sind die vielen Minderheiten: die Christen, die Jesiden, aber auch die Mandäer oder Turkmenen. Es gibt so viele Sprachen, Minderheiten, Religionen in diesem Land, die wir kaum kennen, nicht einmal vom Namen her. Speziell die Christen sind ein prägender Teil des Landes. Die irakische Moderne wäre nicht möglich gewesen ohne die Christen. Ohne die Juden übrigens auch nicht, die bis zu den Fünfzigerjahren ein Bestandteil dieser Kultur waren. Die größte und gerade auch kulturell prägende Bevölkerungsgruppe Bagdads bis Ende der Vierzigerjahre waren die Juden - nicht die Schiiten, nicht die Sunniten.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Irak aus Ihrer Sicht als multiethnischer und multikultureller Staat denn eine Zukunft?

Kermani: Den multikulturellen Irak, mit den vielen verschiedenen Sprachen - natürlich auch mit Konflikten, die es gab - den wird es wahrscheinlich in absehbarer Zeit nie wieder so geben. Das ist nicht nur ein Verlust für die Iraker selbst, es geht ein Menschheitserbe zugrunde. Im Nahen Osten kommt es gerade zu einer Umwälzung, die vergleichbar ist mit den Umbrüchen im Ersten Weltkrieg. Und die Völkerwanderung, die gerade ausgelöst wird, wird auch uns betreffen: Die Flüchtlinge werden nach Europa kommen. Die Radikalisierung des Islams wird uns betreffen, weil viele Muslime in Deutschland, in Europa leben.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie - angesichts Ihrer Irak-Erlebnisse - von der internationalen Staatengemeinschaft und Deutschland?

Kermani: Ich glaube, dass man militärisch gegen IS vorgehen muss. Wie dies im Einzelnen auszusehen hat, da maße ich mir kein schnelles Urteil an. Aber natürlich muss man IS stoppen. Hätten die Schiiten, die Amerikaner nicht eingegriffen, hätten die Kurden nicht gekämpft - und zwar mit sehr alten Waffen - dann wäre Arbil überrannt worden - mit etlichen Massakern an den Minderheiten. Und es wäre wahrscheinlich auch Bagdad überrannt worden. Aber was mir vollkommen fehlt - nachdem ich das Flüchtlingselend gesehen habe im Norden: die humanitäre Komponente. Es wird immer gesagt, wir müssen humanitäre Hilfe leisten. Aber: Sie kommt nicht an. In vier Wochen bricht spätestens der Herbst in Kurdistan an. Dann beginnt es zu regnen, es wird nachts bitter kalt. Die Leute schlafen noch immer auf nacktem Boden in der Wüste, in den Bergen. Wenn man nicht innerhalb kürzester Zeit Unterkünfte bereitstellt, werden weitere Menschen sterben. Es werden Epidemien ausbrechen. Und das wäre dann ein Elend, das wir verantworten müssen.

Das Interview führte Leila Knüppel

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