"Nazi-Hamlet" Schlingensiefs Aktionismus provoziert Zürich

Nazis dürfen am Zürcher Schauspielhaus "Hamlet" spielen: Christoph Schlingensiefs neues Provokations-Theater piesackt die Schweizer Gesellschaft und bringt rechte Politiker zum Protestieren.

Im vergangenen Sommer löste der deutsche Theater-Aktionist Christoph Schlingensief mit seinem Abschiebeprojekt "Bitte liebt Österreich" vor der Wiener Staatsoper einen veritablen Skandal aus, jetzt macht der Meister der Provokation in der Schweiz Station. Wieder sind Rechtsextremismus, Nationalismus und konservative Kulturpolitik sein Thema. Und wieder sind irritierende Ironie und gezielte Missverständnisse seine Lieblingsinstrumente.

Eigentlich probt Schlingensief gerade das Shakespeare-Stück "Hamlet". Die Inszenierung am Schauspielhaus Zürich, die ungesehen zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen wurde, verknüpft er mit seiner Initiative "naziline.com". Die nimmt für sich in Anspruch, das Aussteigerprogramm der deutschen Bundesregierung zu unterstützen. Schlingensief setzt in seinem "Hamlet" aussteigewillige Rechtsextreme als Statisten ein, um ihnen einen Einblick in kreative Theaterarbeit zu ermöglichen. Doch bereits lange vor der für den 10. Mai angekündigten Premiere rief das Projekt konservative Kulturpolitiker auf den Plan. Die rechtsnationale Schweizerische Volkspartei (SVP) reichte eine Interpellation gegen das Engagement des Deutschen an der renommierten Bühne ein. Das nahm Schlingensief nun zum Anlass für eine Art Vorspiel auf der Straße.

Populismus und Volksverhetzung

In der Innenstadt rief er zu einem Verbot der SVP auf, deren Zürcher Kantonsvorsitzender Christoph Blocher als populistischer Europa-Gegner bekannt geworden ist. In einem Flugblatt verbreitete Schlingensief, die traditionell an der Berner Allparteien-Regierung beteiligte SVP sei "volksverhetzend". Sie liefere mit ihrer Ausländer- und Asylpolitik "genau den Nährboden, auf dem Rechtsextremisten gedeihen können". Den Eishockey-Meister ZSC attackierte er wegen seiner "unentschlossenen Haltung gegenüber Hooligans".

Für alle, die Schlingensiefs Provokationsmechanismus kennen, ist klar: Die Empörung der Angegriffenen ist Teil der Spielregeln. Ebenso sein Prinzip, das Programm seiner erklärten Gegner zu übernehmen. So rief er die Stadtväter dazu auf, dem Zürcher Schauspielhaus die Subventionen zu streichen, eine Forderung der von ihm attackierten SVP, die dem renommierten Haus den geplanten städtischen Kredit für die unerwartet hohen Kosten beim Umbau der neuen Spielstätte verweigern wollte. Schlingensiefs Argument, dann werde man erst sehen, was die SVP mit ihrer Kulturpolitik in der Stadt anrichte, ging in der folgenden Verwirrung unter.

Aufgewühlte Atmosphäre

Doch die Aufregung, die er in Zürich zu stiften suchte, erreichte längst nicht Wiener Ausmaße, denn anders als in seiner Container-Aktion vor der Staatsoper traf die Zürcher Aktion nicht auf eine aufgewühlte gesellschaftliche Atmosphäre, angeheizt durch die umstrittene Regierungsbeteiligung der rechtspopulistischen FPÖ wenige Monate zuvor. Und anders als die rechtspopulistische und offen ausländerfeindlich agierende Freiheitliche Partei Österreichs bieten die Schweizer Rechtsbürgerlichen mit Ausnahme Blochers keine direkte Angriffsfläche für Schlingensiefs Attacken.

Auch Schlingensiefs Absicht, jene Forderungen, die er als unterschwellige Haltung der FPÖ ausmacht, beim Wort zu nehmen, ist nach Meinung der Kommentatoren nur zum Teil aufgegangen. Die bewusste Grenzüberschreitung von Interpretation zur Unterstellung lockte lediglich den Verwaltungsrat des Theaters auf den Plan. Der konnte in der Aktion "keinen ernsthaften künstlerischen und politischen Anspruch" erkennen und distanzierte sich von der Aktion. Parolen von einem Politclown Schauspielhaus-Direktor Christoph Marthaler dagegen stellte sich hinter seinen Regisseur. Schlingensief sei Künstler, meinte er. Man müsse sich über seinen ironischen Zugang im Klaren sein. "Die Zürcher können nur noch nicht unterscheiden zwischen der wirklichen Ernsthaftigkeit seiner Parolen und dem Politclown", sagte der Direktor. Auch wenn die Aktion keinen "aufklärerischen Wert" habe, löse sie doch eine "ganz wesentliche Diskussion" aus.

Von Irmgard Schmidmaier, dpa

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