"Neon"-Relaunch Bleibt alles anders

Liebe, Freundschaft, Selbstverwirklichung: Lange spiegelte "Neon" die Gefühlslage einer Generation. Angesichts einer sinkenden Auflage muss das Magazin jetzt mehr Haltung zeigen. Klappt das?

Die neue "Neon"
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Die neue "Neon"

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Sie war die Zeitschrift, die eine Zeitlang auf jedem zweiten WG-Klo lag: Die "Neon", das Jugendmagazin des "Stern" für 25- bis 35-Jährige, das sich seit ihrer Gründung im Jahre 2003 vor allem durch Gefühlssbeschreibungen zwischen Selbstoptimierung und -verwirklichung verkaufte. Die "Neon" brachte zwar auch immer wieder in "Stern"-Manier gut recherchierte Reportagen, auf ihrem Cover aber warf sie stets Larifari-Psychotest-Fragen wie "Sind wir gute Freunde?" oder "Was bin ich wirklich wert?" auf. Um diese dann im zugehörigen Artikel - da war die Neon meist genauso verwirrt wie ihre Leser - zwar ausschweifend auszubreiten, aber nicht zu beantworten.

In guten Zeiten verkaufte sich das Heft mehr als 230.000 Mal. Seit einigen Jahren aber, vor allem nach dem Weggang der Chefredaktion um Timm Klotzek und Michael Ebert und denumstrittenen Umzug von München nach Hamburg, ging es bergab: Heute hat sich die Auflage fast halbiert, auf 120.000 Exemplare. Schon im vergangenen Jahr holte der Verlag Gruner + Jahr eine neue Chefredakteurin, um das einstige Erfolgsmagazin aus dem Tief zu holen: Nicole Zepter, die bereits das smarte Gesellschaftsmagazin "The Germans" gründete und das Stadtheft "Prinz" nicht retten konnte, tauschte viel aus - in der Redaktion und beim Layout. Manche gingen auch, weil sie nicht zufrieden waren mit der inhaltlichen Neuorientierung und Zepters Führungsstil. Jetzt erscheint ihre erste "Neon" nach einem umfassenden Relaunch: "Einmischen, mitreden, lauter werden, das will die neue Neon", so Zepter. Klappt das?

Was hat sich verändert?

Beim ersten Blättern: vor allem das Layout. Ziemlich schick ist die neue "Neon" von Art-Direktorin Maja Nieveler. Ein bisschen schnittige Achtzigerjahre-Schrift, aber nicht so schrill und bunt, dass es ironisch wird. Ein bisschen krawalliger mit plakativer Comic-Optik in knalligen Schwarz-, Weiß- und Rot-Kontrasten, aber nicht so sehr, dass es nervt. Dann liest man das Editorial von Zepter - und das klingt so floskelig, wie man es von einem Emotionsmagazin eben erwartet: "Wir leben einer politisch und gesellschaftlich aufregenden Zeit: Wir sind Teil der digitalen Revolution. Wir erleben, wie Deutschland eine neue Identität als Einwanderungsland sucht. Es scheint, als sei alles in Bewegung."

Scheint eher, als sei alles beim Alten, oder?

Vor allem das erste Ressort mit dem vielversprechenden Titel "Wilde Welt" bleibt ganz der alten gefühligen "Neon"-Blase verhaftet: Die Rubrik "Du bist Neon" soll vermutlich die Leser-Blatt-Bindung stärken, bleibt aber leider beliebig: In der ersten Ausgabe wird ein Student aus Berlin vorgestellt, der die Designszene im Berlin mag und laut eigenem Bekunden "endlich mal ankommen" will. Soviel Prototyp kann und will man sich gar nicht ausdenken. Schriftsteller Benjamin Lebert, im "Neon"-Sinne offenbar seit Jahrzehnten berufsjugendlich, erzählt, dass als Kind keiner an ihn glaubte. Ein Pro-und-Contra entzündet sich an der Frage, ob man in Liebesdingen auf seine Eltern hören soll (Antwort, im gewohnten "Neon"-Stil: Hängt offenbar von einem selbst und den Eltern ab). Wer sich eine wilde Welt so vorstellt, muss schon ein erschreckend zahmer Charakter sein.

Wirklich durchgängig so schlimm?

Das dann wiederum auch nicht. Insgesamt gelesen ist das Heft ein Widerspruch in sich. Weil es sich von Vergangenem lösen will, sich genau das dann aber doch nicht traut. Das zeigt sich nicht zuletzt am neuen Politikressort: Die Denkrichtung ist auch hier häufig eine, die vom Ich aus erzählt. Gleichzeitig kann eine Ego-Perspektive, die sich am Weltgeschehen reibt, durchaus den Horizont für Andere öffnen: Sehr differenziert etwa beschreibt ein Autor, wie er damit umgeht, dass sein Vater mit der AfD sympathisiert und fächert über die individuelle Ich-Geschichte das größere Ringen um die Auseinandersetzung mit der neuen Rechten auf. Haltung und konkrete Handlungsanweisungen gibt es auch in Michel Abdollahis Kolumne über Rassismus im Alltag.

Wer sollte also die neue "Neon" lesen?

Vielleicht jeder, der sich so zerrissen fühlt, wie die erste Ausgabe daherkommt? Den also einerseits eine Überschrift wie "Wir nutzen die freie Zeit für einen Wandteppich" nicht aggressiv macht und sich für einen Text darüber interessiert, warum Gucci-Slipper für 495 Euro eine Berechtigung haben (weil die Autorin mal eine nette Frau mit solchen Schuhen kannte). Der aber irgendwie auch ahnt, dass es neben dem Wandteppich noch Relevanteres gibt, um das man sich Gedanken machen sollte. Die AfD zum Beispiel. Soll ich so bleiben, wie ich bin? Oder jenseits des Mainstreams untergehen, aber zumindest mit Haltung? Die neue "Neon" entzieht sich einer klaren Antwort. Ist ja auch eine Aussage.

Neon, Gruner + Jahr, 3,70 Euro



insgesamt 6 Beiträge
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naklar261 11.04.2016
1. kein mensch braucht das. abschaffen
ausser den 10 leuten die hier schreiben werden 'ja super magazin, interesante ....blabla' braucht es niemand. wirklich. es reiccht wenn genau zehn hefte gedruckt werden. der rest ist altpapier.
Lagenorhynchus 11.04.2016
2. treffer.
Die Neon war mal spannend. anno 2003. Da waren im Neon-online Forum die wildesten Typen aus aller Herren Länder unterwegs, Studis, Künstler, Politaktivisten, Unternehmensberater, Leute aus der Musikindustrie, auch eine Diplomatin war dabei, dazwischen natürlich auch etliche emotionale Plüschies und Quietscheentchen. Eine riesig spannende Community, zum Teil quer durch die Zeitzonen. Nach dem genialen Duo Klotzek & Ebert war da wohl nur noch Weichspülen & Studentenbravo angesagt. Naja. Schade. Vielleicht gibts ja jetzt wieder Aufwind. Viel Erfolg, Frau Zepter. Aber an die Zeiten von Ebert & Klotzek kommt ihr wohl nicht mehr ran...
seb.mazur@googlemail.com 11.04.2016
3. neo bento.
das frage ich mich bei eurer bento auch jedesmal, wer soll das ernst nehmen. wäre bento print, würde es dasselbe schicksal erleiden wie die neo. ....
Toncontin 11.04.2016
4. Ich war bis Januar Abonnent ...
... und hätte eigentlich noch viel früher gekündigt, wenn ich nicht so träge gewesen wäre. Am Anfang war NEON cool, innovativ, hatte tolle Artikel. Zuletzt waren immer mehr Artikel über die Krisen der Welt drin, gepaart mit der moralischen Keule des Redakteurs. Eine Fülle an Artikeln mit klassischen Sozi-Themen, mit wirren Forderungen an Politik und Gesellschaft, deren Inhalt gut und gerne bei einem Joint oder einer launigen Bierrunde entstanden sein könnte. Nachdem mein Kopf vom vielen schütteln schon am seidenen Faden hing, hatte ich dann doch das Abo gekündigt.
der_geraet 11.04.2016
5.
Das Blatt will ja auch keiner Lesen. Neon war schon immer ein Magazin für mittelmäßig gebildete, trendaffine und möchtegern-coole junge Akademiker ohne eigene Attitüde. Aber selbst denen wurde das Blatt zu hohl, die lesen mittlerweile Smartphone.
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