Nervenleiden Maler Jörg Immendorff gestorben

Der Maler und Kunstprofessor Jörg Immendorff ist heute im Alter von 61 Jahren in seinem Haus in Düsseldorf gestorben. Er litt seit Jahren an einer unheilbaren Nervenkrankheit. In den Morgenstunden trat ein plötzlicher Herzstillstand ein.


Düsseldorf - Seine Ehefrau Oda Jaune-Immendorff und sein betreuender Neurologe Thomas Meyer gaben gemeinsam den Tod des Künstlers in Düsseldorf bekannt. Bis zuletzt war Immendorff von Ärzten der Charité in Berlin behandelt und betreut worden. Gegen 2 Uhr früh sei ein plötzlicher Herzstillstand eingetreten, sagte Meyer. Immendorff litt seit Jahren an der unheilbaren Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS).

Immendorff hatte noch kurz vor seinem Tod betont, dass er nicht wiederbelebt werden möchte, wie sein Arzt sagte. Die Intensivschwester habe danach auch gehandelt. Wegen der fortgeschrittenen Krankheit konnte der Künstler bereits in den vergangenen Monaten seine Arme und Beine nicht mehr bewegen, aber normal sprechen.

Nach Worten des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder bedeutet der Tod des Malers Jörg Immendorff einen großen Verlust für die Kunstwelt. "Mit Jörg Immendorff verlieren wir einen der größten Maler Deutschlands, der international hoch geachtet war", erklärte Schröder. "Er hat mich oft auf meinen Auslandsreisen als Bundeskanzler begleitet und mit seinen Ausstellungen dazu beigetragen, den Ruf Deutschlands als Kulturnation zu mehren. Ich werde Jörg Immendorff, der mir zum Freund wurde, sehr vermissen."

Immendorff ironisierte in vielen seiner Bilder die eigene Zunft

Immendorff, am 14. Juni 1945 im niedersächsischen Bleckede geboren, zählte zu den bekanntesten Malern in Nachkriegsdeutschland. Insbesondere mit dem Bilderzyklus "Café Deutschland" aus den späten siebziger Jahren, in dem er die deutsche Teilung in expressiver Malweise anprangerte, eroberte sich der ehemalige Maoist einen Platz in der jüngeren Kunstgeschichte. Seine letzten, oft kleinfigurigen Arbeiten, tendierten zum Surrealismus. Mit dem häufigen Motiv des "Maleraffen", der einen Pinsel hält, ironisierte er in vielen Bildern die eigene Zunft.

Auf der Rangliste der 100 bedeutendsten Künstler der Welt im "Kunstkompass" des Wirtschaftsmagazins "Capital" konnte sich der Düsseldorfer Kunstprofessor mit Hang zu "erotischen Inszenierungen" um zehn Plätze ins Mittelfeld vorschieben. Die Zahl kleinerer und größerer Ausstellungen im Lande, auf denen oft lediglich seine Grafiken präsentiert wurden, stieg merklich an.

Noch im März hatte Immendorff, der zuletzt künstlich beatmet wurde, Altkanzler Gerhard Schröder ein goldenes Porträt übergeben. Zuletzt war im Winter 2005 eine international beachtete Ausstellung des Künstlers in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gezeigt worden. Immendorff konnte jedoch nur noch vom Rollstuhl aus seine große Retrospektive in Augenschein nehmen.

Den hoch renommierten Kaiserring von Goslar musste Anfang Oktober 2006 die Ehefrau des Künstlers, Oda Jaune-Immendorff, entgegennehmen, weil Immendorff an einer schweren Lungenentzündung litt.

Was er suchte, war "Magie"

Zentrales Thema des Künstlers war die deutsche Teilung und deren Folgen; in grellen Farben und großen Figuren erscheinen persönliche Visionen der Wiedervereinigung. Seit den siebziger Jahren arbeitete Immendorff, dessen Bilder die Welt als Bühne darstellen, eng mit dem Dresdener Dissidenten und Maler A.R. Penck zusammen. Immendorff wurde Mitbegründer der Malerbewegung der "Jungen Wilden" und gehörte weiter zum Beuys-Umkreis. In Hamburg und Düsseldorf eröffnete er Szene-Kneipen.

Immendorff schuf Bühnenbilder für die Salzburger Festspiele und porträtierte den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder, der ihn auf Auslandsreisen mitnahm. Mit seinen letzten Arbeiten tendierte der Künstler zum Surrealismus. Immendorff lehnte es zuletzt ab, in seinen Bildern Geschichten darzustellen, denn "was ich suche, ist Magie".

Aufsehen erregte 1999 auch eine riesige Eisen-Plastik in Baumgestalt für die sächsische Stadt Riesa aus dem Atelier des "bildhauernden Malers" (Immendorff über Immendorff). Seine erste große Retrospektive hatte er erst 1996 im Kunstmuseum Wolfsburg; in den achtziger Jahren nahm er Teil an der Documenta in Kassel. Immendorff war Träger des mit 250.000 US-Dollar weltweit höchst dotierten Kunstpreises, des Marco-Preises aus Mexiko.

Das Nationalmuseum in Warschau richtete ihm 1998 als erstem deutschen Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg eine Retrospektive aus.

Mit Schlingensief brachte er ALS auf die Bühne

Gemeinsam mit seiner 30 Jahre jüngeren Ehefrau zeigte er sich Jahre lang gerne auf den Partys der Society im Lande. Bundesweit Schlagzeilen machte der Maler, als er im Jahr 2003 in einem Düsseldorfer Luxushotel bei einer Party mit Prostituierten und mit 6,5 Gramm Kokain fstgenommen wurde. In seinem Rauschgift-Prozess räumte er ein, jahrelang Kokain genommen zu haben, um mit der Angst vor dem sicheren Tod durch Ersticken leben zu können. Damals sprach er auch von seiner "Lebensgier", die ihn auch künstlerisch am Leben halte. Das Gericht verurteilte ihn zu einer Bewährungs- und hoher Geldstrafe.

Doch auch vor den "erotischen Inszenierungen", wie sein Verteidiger die Orgien mit Prostituierten und Rauschgift beschrieb, beschäftigte der Künstler die Öffentlichkeit. Dem braven Bürger diente er durchaus gern als Abziehbild jeglichen Künstler-Klischees, als exaltierter Bohemien zwischen vermuteter Genialität und wahrer Triebhaftigkeit, zwischen "Spaßgesellschaft" und absehbar tragischem Ende.

Mit seiner Krankheit, die vor dem Erstickungstod zunächst Arme und Beine lähmt, ging Immendorff in den letzten Jahren ganz offen um.

Auch zur Hilfe weniger prominenter ALS-Patienten wolle er "alle Bataillone in die Schlacht werfen", sagte Immendorff. Er stiftete Geld für ein Forschungsstipendium an der Berliner Charité zum Kampf gegen ALS und bekannte sich öffentlich zu seinen "Angstschüben" angesichts eines von den Ärzten lang vorhergesagten qualvollen Endes. Die ALS ist eine degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems, die im Verlauf weniger Jahre zu einer fortschreitenden Lähmung des gesamten Körpers führt.

Gemeinsam mit dem Theaterprovokateur Christoph Schlingensief brachte der schwer gezeichnete Maler, der lange nur noch mit Hilfe von Assistenten arbeiten konnte, das schleichende Nervenleiden sogar öffentlich auf die Bühne.

jjc/dpa/AP



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