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Krawalle in Hamburg: "Ich eskalier gleich"

Foto: A3390 Kay Nietfeld/ dpa

Neue Krawallkultur Protest als Party

Autonome Steineschmeißer, Polizisten in Vollmontur und dann das Wasserwerferballett: Das alternative Stadtteilfest im Hamburger Schanzenviertel mündete in die übliche Krawall-Party. Doch die Randale-Bilder versperren den Blick auf die Renaissance einer längst totgeglaubten Protestkultur.

Die Nachricht ging per Twitter herum. "21.30 Rote Flora: Kissenschlacht", lautete der Aufruf zum Flashmob vor der Roten Flora in Hamburg. Und tatsächlich: Pünktlich um halb zehn holten ein paar hundert Youngster mit schwarzen Hoodies, Wursthaaren und Nasenpiercings ihre alten WG-Kissen heraus und gaben sich eine halbe Stunde lang was auf die Ohren.

"Daunen statt Steine" steht auf einem Schild, das durch die Menge wogt. "Das ist die Message, die wir senden wollten", erklärt Andreas B.*, Sprecher der Schanzenfest-Initiatoren. "Dass das Fest einen ganz anderen Charakter hat, wenn die Polizei sich raushält." Schöne Geste - vor allem nach all den Gewalthysterien, die das Hamburger Schanzenfest in den letzten Jahren ausgelöst hat. Auch wenn es spät in der Nacht doch noch zum Polizeieinsatz kam - die Scharmützel rechtfertigen nicht das Kriegsgeheul im Vorfeld.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft hatte erklärt, das Fest sei eine "Aufforderung zur Anarchie und Chaos", und auch Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) hatte erklärt, man werde Gewalttätern "keinen Millimeter nachgeben". Große Töne - aber tatsächlich und vernünftigerweise war von polizeilicher Seite Deeskalation angesagt. Der Hamburger CDU-Bürgermeister Ole von Beust hatte seinem Innensenator nach der Straßenschlacht vom vergangenen Juli wohl einen Einlauf verpasst. Seinerzeit hatten sich schon am frühen Abend vollverschalte Kampfeinheiten der Polizei durch die Menge gedrängelt und das Viertel schließlich mit massivem Wasserwerfer- und Schlagstockeinsatz geräumt: Bilder, die an die Tage des rechtpopulistischen Innensenators Ronald Barnabas Schill erinnerten.

Dass ausgerechnet eine Regierung unter GAL-Beteiligung wahllos gegen friedliche Straßenfestbesucher vorgeht, hatte im alternativen Milieu der Schanze eine breite Allianz auf den Plan gerufen: "Wir fordern den Bezirk Altona, die Innenbehörde und die Polizei auf, uns unser Stadtteilfest ohne Einmischung feiern zu lassen", hieß es in einer Erklärung, für die sich vom linken Buchladen über "Didar Obst und Gemüse" bis zum HipHop-Store und der Apotheke der lokale Einzelhandel zusammengefunden hatte.

"The only good System is Soundsystem"

Am 12. September, so das Papier, gebe man den politischen Verantwortlichen "eine weitere Chance, zu einer Politik mit Augenmaß zurückzukehren". Diese Chance scheint von Beust ergriffen zu haben: Beim Fest ließen sich nur ein paar bürgernahe Beamte blicken. Die Armada aus 2300 Polizisten, aus mehreren Bundesländern zusammengezogen, stand mit Räumpanzern und Wasserwerfern auf dem Hamburger Heiligengeistfeld und vertrieb sich die Zeit mit Erbsensuppe.

Auch die Festbesucher hatten offensichtlich wenig Lust auf Militanz. Gruppen von Jugendlichen liefen "Liebe!"-schreiend durch die Menschenmengen und trugen Schilder, auf denen "Bidde mehr Yuppies!" oder "Ich eskalier gleich!" stand. Statt Barrikaden hatte man Boxen aufeinandergetürmt: "The only good System is Soundsystem", verkündete ein Spruchband der "hedonistischen Internationale". Ein DJ-Team vor einer Dönerbraterei ließ mit Elektro-Remixen von alten Ton-Steine-Scherben-Songs die Puppen tanzen. Protest als Party - man könnte es als Eventisierung der alternativen Patina abtun, die Stadtteilen wie Kreuzberg oder Schanzenviertel noch immer anhaftet.

Tatsächlich aber feiert derzeit gerade in Hamburg eine längst totgeglaubte Protestkultur eine erstaunliche Wiedergeburt. Vor drei Wochen besetzten Künstler die letzten Hauser des Gängeviertels in der Hamburger Innenstadt, um die historischen Gebäude vor dem Abriss zugunsten schnittiger Investorenarchitektur zu bewahren. In der vergangenen Woche hielten Tausende von St. Paulianern im Schatten der ehedem besetzten Hafenstraßenhäuser eine öffentliche "Bezirksversammlung" ab - gegen die Luxusmodernisierung von Altbauten zum "Bernard-Nocht-Quartier". Und die Anti-Gentrifizierungs-Dokumentation "St. Pauli Empire" ist an der Waterkant in diesem Sommer zu einer Art Kultveranstaltung geworden - mit Dutzenden von Open-Air-Vorführungen, die bisweilen sogar in spontanen Demonstrationen münden.

"Regiere dich selbst!"

In diesem Lichte bekam auch das Schanzenfest - eigentlich ein riesiger, unangemeldeter Anwohnerflohmarkt - wieder politische Dimensionen. Transparente wie "Kein zweiter Schanzen-Ballermann", "Das Leben ist kein Möbelhaus" oder "Subkultur statt Haute Couture" kündeten von einem kollektiv empfundenen Überdruss dagegen, dass sich alternative Viertel immer mehr in exklusive Wohngegenden mit angeschlossenem Party- und Shopping-Kiez verwandeln.

Sogar eine im Schanzenviertel beliebte biotische Limonadenmarke spielte mit: "Regiere dich selbst!", prangte auf dem riesigen Werbeplakat an der Brandmauer einer frischen Baulücke. Demnächst sollen hier "hippe Maisonette-Wohnungen" und "coole Penthouses" ab 300.000 Euro stehen. Tarife, die sogar die Bierpreise des Schanzenfestes politisch werden lassen: Die Knolle Astra kostete an den meisten Ständen ein Euro, die Caipi drei Euro und das Rollmopsbrötchen 1,50 - verkauft von türkischen Anwohnerinnen mit Kopftuch.

Auch Tim Mälzer - seit diesem Sommer Betreiber des Fresslokals "Bullerei" im Viertel - wollte sich nicht lumpen lassen und offerierte ein Festgericht für 7,50 Euro. Der Fernsehkoch bemüht sich um Akzeptanz - und kassiert trotzdem Sprüche: "Fick dich McMälzer", stand am Eingang des Edelrestaurant am Sternschanzenbahnhof.

Dass es spät in der Nacht doch zum traditionellen Wasserwerferballett kam, war überflüssig. Die Steinwürfe von ungefähr 150 Vermummten auf die Revierwache, die folgende Räumung des Festes inklusive martialisch über dem Viertel kreisenden Hubschraubern - all das folgt einem reichlich unoriginellen Drehbuch.

Die Law-und-Order-Phantasien von Innenpolitikern und der militante Aktionismus autonomer Jungmacker haben sich ja schon immer gegenseitig gebraucht. Neu ist nur, dass im Schanzenviertel mehr und mehr Amüsier-Volk mit besoffenem Kopf und gezückter Handy-Kamera Spalier steht. Die diversen Feuerchen, an denen gestern im Umfeld des Hamburger Schulterblatts gezündelt wurde, kamen jedenfalls nicht von den Autonomen, sondern von jener Partyhorde, die sowieso jedes Wochenende die Schanze übernimmt.

Der Volksmund der Viertelbewohner, zu dieser Uhrzeit mehrheitlich in den Kneipen oder im Bett, hat auch bereits ein Wort dafür: "Schanzenfestspiele".


*Der Name wurde auf Wunsch des Betroffenen anonymisiert.