Neue Rechtsshow mit Andrea Kiewel "Muschepupu, wenig Licht!"

Von der Büßerin zur Anklägerin: Ein Schleichwerbe-Skandal machte sie ein paar Monate zur Unperson, doch jetzt ist Andrea Kiewel zurück und gibt in der RTL-Sendung "Einspruch! Die Show der Rechtsirrtümer" die Volksaufklärerin - erregte Empörungslyrik inklusive.

Es ging um Fleisch. Um sehr viel Fleisch. Ein Zuschauer wollte sich zum Hochzeitstag in einem Restaurant das 400-Gramm-Steak von der Speisekarte gönnen, bekam dann aber ein Stück Rind serviert, das einige Gramm weniger wog - des Grillverlustes wegen. "Darf so was sein?", fragte er pikiert beim Sender RTL an, der neuerdings mit dem Slogan "Wir machen ihren Fall zu unserem" wirbt.

Um die Wiege-Sorgfalt deutscher Restaurants zu testen, sandte man einen RTL-Reporter samt Messgerät aus, mit dem bestellte Fleischeinheiten auf ihr korrektes Gewicht geprüft werden sollten. Die getesteten 250- und 300-Gramm-Steaks wurden dann samt Beilagen vor Ort vom Reporter verputzt: Recherche, bis die Schwarte kracht.

Irgendwie lag es nahe, dass RTL dieses investigative Fressgelage gleich am Anfang von "Einspruch! Die Show der Rechtsirrtümer" präsentierte. Wurde das neue Format doch von Andrea Kiewel moderiert, die einst durch Schleichwerbung für die Weight Watchers sich selbst, ihren Haussender ZDF und ihre Kollegen in Misskredit gebracht hatte. So viel vor der Kamera getürmtes Fleisch aber machte Mittwochabend klar: Die Diät-Truppe konnte diese Sendung nicht gesponsert haben.

Derart kunstvoll zur Aufführung gebrachte Unschuld ist selten. Nachdem Kiewel ultrarasant für ein paar Monate im medialen Aus Buße für ihre Nebeneinkunftssünden getan hatte, präsentierte sie sich bei RTL jetzt als Sprecherin aller Verbraucher, die im Dschungel der Paragrafen und Konsumartikelverordnungen schon mal den Überblick verlieren können.

"Vielleicht geht es ihnen wie mir", sprach Kiewel denn auch gleich zur Begrüßung mit Unschuldsmiene in die Kamera: "Darf ich das oder darf ich das nicht?" Ein bisschen war dieses Gemeinmachen mit dem Fernsehvolk natürlich auch schleichende Werbung in eigener Sache: Denn haben wir alle nicht schon den Überblick bei komplizierten Rechtslagen verloren? Haben wir alle nicht schon mal einen Werbevertrag abgeschlossen, der sich dann irgendwie verselbständigte?

Damit Kiewel dieses oder Ähnliches nicht mehr passiert, sitzt ihr jetzt ein Anwalt zur Seite: Dr. Ralf Höcker sieht blendend aus, hat juristische Buchhits wie "Das Lexikon der Rechtsirrtümer" geschrieben und bleibt ganz ruhig, wenn Kiewel in ihrer RTL-Sendung mal hilflos in die Kamera schaut.

Ach ja, so ein Advokat garantiert dann doch ein Gefühl der Sicherheit. Weshalb die ehemalige Schleichwerberin während ihrer neuen, von einer Rechtsschutzversicherung präsentierten Sendung immer wieder aufgeregt den Juristen anfuhr. "Doktor Höcker", ereiferte sie sich einmal, als es um des Deutschen liebstes Hassobjekt, die Bahn, ging - "Herr Höcker, ist das nicht unverschämt?" Empörung schafft nun mal Zusammenhalt.

Bemerkenswert, wie schnell Andrea Kiewel wieder vor der Kamera stand, nachdem sie noch vor einem Jahr als Persona Non Grata galt. Das ZDF wollte eigentlich nie wieder etwas mit ihr zu tun haben, schickte sie aber vergangenen Monat erneut als Moderatorin ihrer alten Stammsendung, dem "Fernsehgarten", ins Rennen. Die Gründe sind prosaisch: Ohne sie waren die Quoten in den Keller gegangen, jetzt sind sie wieder stabil.

Vor ihrer Absolution musste sie allerdings noch Buße tun: Für eine Spielshow zugunsten der Welthungerhilfe im vergangenen Oktober berichtete Kiewel betroffen über ein Missionskrankenhaus in Kalkutta; es war eine Art medialer Rosenkranz, den die Fernsehfrau da als Außenreporterin für das ZDF runter betete.

Von der Sünderin zur Mutter Theresa: Wahrscheinlich lässt sich an keiner anderen Person so gut studieren, mit welchen einfachen Mitteln sich im deutschen Fernsehen das eigene Image korrigieren lässt. Und für die RTL-Show hat sich Andrea Kiewel nun eben wieder von der Büßerin zur Anklägerin gewandelt, die schon mal volkszornig gegen die Bahn oder unverschämte Restaurantketten wettert.

"Noch mal!" oder "Haben sie gehört!" skandierte sie immer wieder in die Kamera, wenn komplizierte Sachverhalte vom Juristen an ihrer Seite erläutert worden waren. Als jemand, die vergessen hatte, das Kleingedruckte in ihrem Moderatorinnenvertrag zu lesen, weiß sie, dass man es den Leuten so einfach und so anschaulich wie möglich machen muss.

Deshalb wurde sie wohl auch sehr deutlich, als es ums Rückgaberecht von online bestellter Unterwäsche ging. Drei Tage darf man Slip und Tanga nämlich ausprobieren, um sie dann zum Versandhaus zurückzuschicken.

Kiewel brachte die eher schummrigen Lichtverhältnisse in den unteren Körperregionen noch mal für die ganz schlichten Gemüter auf den Punkt. "Muschepupu, wenig Licht!" warf sie auf sächsisch-deutsch erregt ein, um sich dann mit hygienetechnischer Sorge an den jungen Doktor zu wenden: "Wenn ich mir das kaufe, kann das also zuvor schon jemand drei Tage angehabt haben?"

"Service Comedy" nennt RTL sein neues Format. Mit der Mischung aus Rechthaberhumbug à la "Akte 09" und Rechercheklamauk wie dem "Restauranttester" macht die extrem geschmeidige Andrea Kiewel tatsächlich eine weitere wirkungsvolle Imagekorrektur durch. Bitte nicht lachen: Sie ist jetzt Volksaufklärerin.


Korrektur: In einer ersten Version dieses Artikels wurde Andrea Kiewel fälschlicherweise mit dem Ausspruch zitiert: "Muschi, Popo, wenig Licht!" Tatsächlich hat die Moderatorin "Muschepupu, wenig Licht!" gesagt. Der Ausdruck Muschepupu enstammt dem sächsischen Dialekt und beschreibt schummrige Lichtverhältnisse. Leider war unserem norddeutschen Autor der Begriff unbekannt - bisher.