Neue Serien auf RTL 2 Unzucht in allen Varianten

Stunde der Antihelden auf RTL 2: In "Californication" spielt David Duchovny einen Schriftsteller in der Midlife-Crisis - eine Art "Sex and the City" für Männer, für US-Verhältnisse erstaunlich unprüde. Auch in der Killerfarce "Dexter" lebt ein Sozialphobiker auf amüsante Weise seinen Weltekel aus.

Der Schriftsteller Hank Moody liegt gerade kiffend auf dem Bett, als ihn die Dame, mit der er sich den Joint teilt, um seine ehrliche Meinung bittet – und unvermittelt alle Hüllen fallenlässt. "Ich bin etwas über 40, ich hab' keine Zeit für Spielchen. Und ich muss die Wahrheit wissen", erklärt sie, ihren nackten Körper präsentierend. "Na ja, deine Brüste sind offensichtlich echt, du hast Schamhaare in Hülle und Fülle, das ist wirklich schön", antwortet der Autor mit Kennerblick. "Und es gibt keinen Hinweis auf vaginale Verjüngung."

Derart bestärkt, legt die Frau nach: "Würdest du mich ficken?", fragt sie ihr nur leicht verblüfftes Gegenüber, "mein Mann hat mich gerade für einen Mann namens Ted verlassen. Und jetzt will ich mich nur von einem Kerl, der auf Frauen steht, dumm und dämlich bumsen lassen – wenn es okay für dich ist."

Auf das Grundthema Sex in allen Varianten und Dialoge dieses Direktheitsgrads muss sich einstellen, wer die von Montagabend an auf RTL 2 laufende US-Serie "Californication" einschaltet: Denn Schauplatz des Geschehens ist die Westküstenfilmstadt Los Angeles, bekanntlich eine Hochburg der Eitelkeiten, Neurosen und des pervertierten Körperkults. Die titelgebende Wortschöpfung, die vor Jahren bereits einem Album der Red Hot Chilli Peppers das Motto gab, spielt darauf an: "Fornication" bedeutet Unzucht.

Und der Antiheld Hank Moody ist ein Mann in der Midlife-Crisis, der seinen Selbst- und Weltekel erfolglos mit Whiskey, Zigaretten und One Night Stands zu bekämpfen versucht. Zwar kommt es in obiger Szene aus der zweiten Folge nicht zum angebahnten Geschlechtsverkehr – aber nur, weil sich die Wirkung des Joints bei beiden Beteiligten in Form eines Brechanfalls bemerkbar macht.

Gespielt wird Hank Moody, Autor mit Schreibblockade, dessen einziger Bestseller "God hates us all" schon Jahre zurückliegt und zur Pein seines Schöpfers unter dem Titel "That Crazy Little Thing Called Love" als Hollywood-Schnulze verfilmt wurde, von David Duchovny. Der ehemalige "Akte X"-Star, für seine Rolle mit dem Golden Globe ausgezeichnet, gewinnt der klassischen Figur des gebeutelten Dandys eine charmante neue Variante ab.

Entscheidend für Hanks Restqualifikation als Sympathieträger ist dabei, dass der Fahrer eines alten Porsche, der in Traumsequenzen eine Nonne beim Blowjob imaginiert, doch nicht komplett verdorben ist: Eigentlich wünscht sich der Womanizer, der mit einer Sonnenbrille die Spuren der Faustschläge verdeckt, die er beim Sex mit einer Minderjährigen kassierte, nichts sehnlicher als die Wiedervereinigung mit seiner Ex-Lebensgefährtin Karen (zauberhaft: Natascha McElhone), mit der er eine zwölfjährige Tochter hat und die ihn wegen seiner Eskapaden verließ.

Zwar verweigert sie sich beharrlich seinen Rückeroberungsversuchen und spielt sogar mit dem Gedanken, einen veritablen Langweiler zu ehelichen (dessen 16-jährige Tochter sich als die schlagfertige Göre mit den Fausthieben entpuppt), kann sich ein Lächeln über ihren Ex-Lover aber bisweilen nicht verkneifen. Und auch der Zuschauer fühlt durchaus mit dem zerknitterten Schreiberling.

Gelegentlich wirkt Hank in seiner romantischen Sehnsucht nach der großen Liebe gar wie ein männliches Pendant zu Carrie Bradshaw aus "Sex and the City" – nur dass Wort und Bild in "Californication" doch um einiges expliziter sind: Für amerikanische Verhältnisse erstaunlich unprüde sind die Aufnahmen, lustvoll werden nackte Brüste abgefilmt – lediglich der Unterleib ist noch tabu. Zwar wird das Pro und Contra enthaarter Vaginas leidenschaftlich diskutiert ("du musst da unten inzwischen echt wie Art Garfunkel aussehen, du warst seit Monaten nicht mehr beim Wachsen", ätzt eine Freundin einmal über Karens mangelnde Körperpflegedisziplin) – ins Bild gesetzt aber werden sie nicht. Vielmehr hatten die Macher offenkundig Spaß daran, die entscheidenden Stellen auf kreative Weise zu verdecken – zur Not durch einen entsprechend ins Bild gehaltenen Joint.

Blutrünstig und gut gelaunt

Ein ganz anderes Kaliber ist da auf den ersten Blick der Protagonist des zweiten Serienneustarts auf RTL 2: "Dexter" erzählt von Dexter Morgan (Michael C. Hall, "Six Feet Under"), einem Forensiker beim Miami Police Department mit Spezialgebiet Blutspritzeranalysen – einem Forensiker freilich, wie er in der "CSI"-Familie nicht vorkommt. Der Mann führt ein Doppelleben: Nach Dienstschluss macht er eigenmächtig Jagd auf Vergewaltiger und Kinderschänder, die er in reinster Serienkiller-Manier zur Strecke bringt. Er folgt dabei einem diffusen, aus früher Kindheit datierenden Tötungsdrang, den sein verstorbener Pflegevater so zu kanalisieren wusste, dass er ihn nur an Verbrechern auslebt, die Strafe verdienen. Die reaktionären "Auge um Auge"-Anteile an dieser Story-Prämisse sind nicht zu leugnen, bilden aber nicht ihren Kern.

Die Stärken des blutrünstigen, ebenfalls preisgekrönten Formats liegen woanders: in der furchteinflößenden Gutgelauntheit, mit der Dexter dem Zuschauer von seinem psychischen Defekt erzählt und seine Arbeitsweise beschreibt ("ich bin ein sehr reinliches Monster"). Wenn er von "dem Hohlraum" berichtet, den er in sich spüre; wenn er auf dem Revier Donuts verteilt, um die Fassade freundlicher Wohlanständigkeit aufrechtzuerhalten; wenn er sich wundert, dass nur ein einziger Kollege die kaum verhohlene Bewunderung unheimlich findet, die er dem Treiben eines Kühllaster-Killers entgegenbringt, der seine Opfer fein säuberlich häutet und zerteilt.

In diesen Momenten entfaltet dann auch "Dexter" – wie "Californication" eine Produktion des Pay-TV-Senders Showtime, der seit einigen Jahren mit kontroversen Tabubrecherstoffen von sich reden macht ("Weeds", "The L Word") – Qualitäten als bitterböse Sozialsatire, wird zum Sittengemälde amerikanischer Abgründe. Dann wirkt der Serienkiller in seiner innerlichen Zerrissenheit dem sexsüchtigen Hank Moody gar nicht so unähnlich. Schwer zu sagen, welches Format das perfidere, entlarvendere ist – für Freunde zynisch-schwarzen Humors dürften beide Antihelden eine Institution am späteren Montagabend werden.


"Californication", ab 29.September, 22.15 Uhr, RTL 2. "Dexter", ab 29.September, 22.55 Uhr, RTL 2

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