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14. Februar 2013, 12:42 Uhr

Leonardo da Vinci

Neue Tests ohne Wert für Altersbestimmung der angeblich "ersten Mona Lisa"

Hat Leonardo da Vinci die Mona Lisa zweimal porträtiert? Eine Schweizer Stiftung hat nun vermeintliche Belege vorgelegt, die die Echtheit der mutmaßlichen Zwillingsschwester nahelegen sollen. Tatsächlich beweisen sie nichts.

Genf - Neue Testergebnisse, kein Beweis: Eine Schweizer Kunst-Stiftung ist dennoch überzeugter denn je, dass die "Isleworth Mona Lisa" eine frühere Version des berühmtesten Gemäldes der Welt ist, auch sie gemalt von Leonardo da Vinci. Die Diskussion über die Echtheit der "ersten Mona Lisa" war im letzten Herbst aufgeflammt, als das Bild in Genf vorgestellt wurde.

Über drei Jahrhunderte hatte nur das im Pariser Louvre ausgestellte Porträt der geheimnisvoll lächelnden Frau als von Leonardo da Vinci gemalte Version gegolten. Im Herbst vergangenen Jahres präsentierte die Schweizer Mona-Lisa-Stiftung in Genf ein seit Jahrzehnten bekanntes Gemälde, die "Isleworth Mona Lisa", als frühere Version aus der Hand des Meisters. Dieselbe Frau habe hier Modell gesessen - nur rund ein Jahrzehnt früher.

Nun berichtet die Stiftung, es lägen neue Testergebnisse nach der Radiokarbonmethode aus der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) vor, die nahelegten, dass das umstrittene Gemälde nicht wie von Kritikern angenommen eine spätere Nachahmung aus dem 17. Jahrhundert sei. Tatsächlich hat die ETHZ ein Stück der Leinwand untersucht und ist zu dem Ergebnis gekommen, diese stamme mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Zeitraum zwischen 1410 und 1455. Die bisher als einzigartig geltende Mona Lisa entstand um 1503.

Letztlich sagt dieses Ergebnis jedoch nichts darüber aus, wer die "Isleworth Mona Lisa" gemalt hat und wann das geschah. Leonardo da Vinci wurde 1452 geboren - zum spätesten jetzt datierten Zeitpunkt der Entstehung der Leinwand war er also drei Jahre alt. Ob nun Leonardo selbst als Erwachsener eine alte Leinwand für eine angenommen erste Version der Mona Lisa verwendet hat oder irgendjemand sonst noch viel später dieses dann schon sehr alte Stück Leinwand verwendete, das ist völlig unklar.

Die ETHZ scheint nicht sehr glücklich über den von der "Mona Lisa Foundation" ausgelösten Wirbel und die von dieser gezogenen Schlüsse aus ihrer Untersuchung. Sie habe den zu prüfenden Stoff als anonyme Probe zugeschickt bekommen. Für die unter der Nummer ETH-48352 katalogisierte Probe sei ein Radiokarbonalter von 466±25 Jahre BP (also "before presence", vor dem Startjahr1950 der Radiocarbonalter-Methode) bestimmt worden. Damit stamme dieses Stück Stoff mit einer Wahrscheinlichkeit von 95,4 Prozent aus der Zeit zwischen 1410 und 1455. Mit dieser Analyse sei einzig das Alter der dem Labor zugesandten Probe bestimmt worden: "Eine Schlussfolgerung über die Urheberschaft oder die Echtheit eines Gemäldes, von dem diese Probe stammt, kann aus der Altersbestimmung allein nicht gezogen werden. Die ETH hat sich denn auch in keiner Weise dazu geäussert."

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Artikels haben wir die von Nachrichtenagenturen verbreitete Interpretation des Testergebnisses durch die "Mona Lisa Foundation" übernommen. Auch ist uns der Widerspruch mit dem Geburtsdatum Leonardo da Vincis nicht aufgefallen. Wir danken unseren Lesern für ihre Hinweise und bitten, den Fehler zu entschuldigen.

kuz/Reuters

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