Neue TV-Show mit Sarah Kuttner "Lacher gekriegt, du Arsch?"

Sarah Kuttner, Viva-Moderatorin mit Hang zum Kraftausdruck, debütierte jetzt als Live-Talkerin. Viermal pro Woche soll das neue Format zu sehen sein. Ob Publikum und Gastgeberin dieses Pensum jedoch verkraften, ist fraglich: Schon die erste Sendung war so unterhaltsam wie ein Kreislaufkollaps.

Von Daniel Haas


 Live-Talkerin Kuttner: Hektik als Stilprinzip
Alfred Jansen

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Wer am Puls der Zeit agiert, muss selber einen haben. Sarah Kuttner, neu ernannte Night-Talkerin auf Viva, legt die Diode an und misst: 152! Wahnsinn! Rasendes Herz, galoppierender Frohsinn - so läuft's, wenn Deutschlands Popsender Viva eine "Personality Show" lanciert.

Die Personality, das ist vor allem Kuttner, für Viva-Fans längst ein vertrautes Gesicht, dem breiten Publikum jedoch erst seit der Moderation des Eurovision-Vorentscheids bekannt. "Ach, du Scheiße!", rief sie aus, als die Techno-Knallchargen von Scooter ins Finale kamen. Das deftige Schimpfwort, stilprägend für die 25-jährige Ost-Berlinerin, war auch gestern Abend tonangebend. "Hast du gerade den ersten Lacher gekriegt, du Arsch?", feixt Kuttner ihren Assistenten Sven Schuhmacher an und verspricht kurz darauf, "mal etwas Sinnvolles anzumoderieren". Eine Werbepause zum Beispiel.

Bis dahin ist man bereits bestens informiert: wie die Redaktion ausgewählt wurde (nach Aussehen und Intelligenz), wann der Assistent zum ersten Mal Sex hatte (mit 16), wie hoch der Abi-Schnitt des Teams im Durchschnitt ist (2,6). Die Redaktion ist im Mittel 26 Jahre alt, zur Ausbildung gehören Abi und ein abgebrochenes Hochschulstudium. Und alle haben Angst vorm Zahnarzt.

Und dann der Puls: Der ist bei Schumacher, einer Art Brit-Pop-Ausgabe von Harald-Schmidt-Faktotum Andrack, gefährlich niedrig, quasi in autogene Tiefen abgerutscht, was gut so ist, denn die Showeinlagen, die er mit Kollegin Kuttner absvolvieren muss, sind Exerzitien der Sinnlosigkeit. "Sachen, die wir zum ersten Mal machen" heißt die erste Showeinlage: Kuttner raucht Pfeife, Schumacher umrundet auf Rollerskates den Moderatorenschreibtisch. "Ich habe mich verfahren", sagt er noch, bevor die Moderatorin mit dem Drall eines Extremsportlers zum ersten Showgast weiterfedert.

Satiriker Feuerstein: Buchverriss mit bloßen Händen
DPA

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Komik-Veteran Hebert Feuerstein wird überschwänglich begrüßt. Kuttner fällt vor ihm auf die Knie, was irgendwie selbstironisch sein soll, vielleicht ist's aber auch einfach der Adrenalin-Überschuss, der die redegewandte Schöne in die Knie zwingt. Es folgen Herzfrequenzmessung und ein Gespräch, das keines ist, gewitzelt wird über alles und nichts, also auch über Feuersteins Frau, die, wie man erfährt, Angst vor Spinnen hat.

"Vielleicht schaut sie jetzt ja zu?" - "Nein, die schaut MTV" - die einzige Pointe an diesem pulsvermessenen Abend, auch wenn der Scherz nicht greift. Der US-Konzern Viacom, zu dem MTV gehört, hat unlängst auch die Kölner Poptelevisionäre geschluckt. Wo ein-, wo abgeschaltet wird, ist letztlich egal.

Nach der zweiten Werbepause, bevölkert von Bausparreklame, R&B-Sternchen und hedonistischen Party-Apellen aus Berlin ("Schmeiß die Fuffis durch den Club!"), dann die nächsten Gäste: Wir sind Helden, der deutschen Jugend liebste Popheroen mit ihrem Hit "Denkmal". Zitat: "Sie haben uns ein Denkmal gebaut, und jeder Vollidiot weiß, dass das die Liebe versaut."

Erhöhter Puls, versautes Liebesglück - ganz klar: Das Leben und Moderieren in der Pop-Enklave ist gefährlich. Körperlicher Ruin und mediale Monumentalisierung lauern hinter jeder Studiokulisse. Vielleicht zerreißt Feuerstein deshalb sein Buch und verteilt es an die Band; vielleicht wird Kuttner deshalb nicht müde, mit selbstreflexiven Späßchen die ohnehin hysterische Stimmung anzuheizen. "Jetzt sitzen natürlich die Feuilletonisten von Bravo und Yam! mit ihren "Hello, Kitty"-Stiften vor dem Fernseher und schreiben Sachen wie endgeil oder superwack", liefert die Moderatorin den Meta-Kommentar zur eigenen popkulturellen Rundumverwurstung.

Popband "Wir sind Helden": Selbstdemontage zum Mitsingen

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Am Ende dann noch einmal die Helden mit "Die Zeit heilt alle Wunder". Kuttner, weiterhin pulsgepeitscht am orangefarbenen Leibchen nestelnd (das gestische Pendant zu Engelkes Lippenkräuseln), singt mit, was aber untergeht, weil das Publikum die Helden-Ballade lauthals mitintoniert.

"Auch das größte Wunder geht vorbei", schmachtet Sängerin Judith Holofernes unterdessen ins Mikro, und dann ist auch fast schon Schluss mit dem Anfang von Kuttner. Schluss auch mit der Hoffnung, dass neue Talk-Projekte nicht unweigerlich in Quotengerangel und Peinlichkeitsklamauk versanden müssen. Oder geht da noch was? Mehr Puls jedenfalls kaum. Ab 180 ist für die meisten Schluss mit lustig.


"Sarah Kuttner - Die Show"
Montags bis donnerstags, 21 Uhr bei Viva





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