Neue ZDF-Krimireihe Bier, Blut und Bohnerwachs

Ein Luftgitarrist und ein Faktenfetischist: In der brillanten ZDF-Reihe "Kommissar Süden" steigt ein neues Ermittlerduo hinab ins hässliche Unterbewusstsein Münchens. Die inzwischen allzu putzige Konkurrenz vom Bayern-"Tatort" muss sich warm anziehen.

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Wenn eine Person schon seit zehn Jahren vermisst wird, kann man sich mit ihrem Auffinden ruhig auch noch auf zwei oder drei Bierlängen Zeit lassen. Deshalb stemmen Kommissar Süden und sein Kollege Heuer bei der Vernehmung eines Zeugen in dessen favorisierter Münchner Gaststube erstmal ein Helles. Süden trinkt konzentriert, Heuer stürzt den halben Liter runter und ordert nach. "Ihr zwoa seids Polizisten?", fragt der Verhörte verdutzt und rutscht nervös auf dem Holzstuhl herum.

Einen ganz eigentümlichen Erzählrhythmus besitzt diese neue Krimireihe im ZDF, gleich zur Eröffnung laufen alle Cop-Klischees ins Leere. In der ersten Folge wird ein Mann verhungert in seiner Wohnung gefunden, und daraus ergibt sich schließlich der Vermisstenfall einer Ex-Kneipenqueen, die seit einer Dekade wie vom Erdboden verschluckt ist. Da die Recherche durch etliche Schankstuben führt, lassen sich stets ein paar Halbe mitnehmen. Und Regisseur Martin Enlen ist schlau genug, keine künstliche Großstadthektik herbeizuzitieren. München ist halt Provinz - und doch liegt eine unheimliche Angespanntheit in der Luft.

Das hat vor allem mit dem Ermittlerduo vom Dezernat 11 der Münchner Polizei zu tun, das zuständig ist für die, wie es im bayerischen Amtsstubensprech heißt, "Vermissungen". Zwei auf unterschiedliche Weise hochgradig dysfunktionale Gestalten sind das. Trotzdem: Der Tabor Süden und der Martin Heuer, das passt schon. Die beiden ergänzen sich: Hier der Reflektierte, dort der Exaltierte. Hier der immer Nüchterne, dort der ewige Säufer. Hier der Faktenfetischist, dort der Luftgitarrist.

Luftgitarrist? Ja, in der zweiten Episode dieser Reihe, die auf wunderbare Weise bierernst ist, sieht man den einen bei der Ausscheidung zur Weltmeisterschaft dieses ziemlich komplexen Kneipensports. Alkoholiker Heuer ist ein Virtuose der Imagination, der mit schweißnasser Mähne schwierigste Hardrock-Soli mit jener Wahrhaftigkeit auf der Luftgitarre simuliert, die einst der Originalgitarrist bei den Aufnahmen an den Tag gelegt haben muss.

Sein Kollege Süden besitzt da weniger Vorstellungskraft, er kann nicht mal eine echte Rechtfertigung für seinen Job herbeisinnen. Gerne stellt er sich die Frage: "Will überhaupt gefunden werden, wer als vermisst gilt?"

Die Reihe mag nach der bekannten Ermittlerfigur des Krimiautors Friedrich Ani "Kommissar Süden" heißen, doch Kollege Heuer taugt alle Mal zum fiktiven Co-Star. Die Schauspieler Ulrich Noethen und Martin Feifel haben das Zeug dazu, es den "Tatort"-Kollegen Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl, den beiden anderen Münchner Kommissardarstellern, gleichzutun und sich dauerhaft als kriminalistische Stadtführer zu etablieren.

Dabei müssen Batic und Wachtveitl tatsächlich achtgeben, dass ihnen nicht der Rang abgelaufen wird. Über die letzten 15 Jahre sind sie tief in die unterschiedlichen Quartiere der Stadt samt deren spezifischen soziokulturellen Strukturen abgetaucht, die letzten Folgen über aber bekam ihr Bayern-Krimi eine riskante Tendenz ins Folkloristische.

In "Kommissar Süden" wird zwar noch stärker als bei den Nachbarn vom "Tatort" das Mundartliche gepflegt, doch werbetaugliche Biergartenimpressionen sucht man vergeblich. Der Dreck der Stadt lässt sich eben nicht so leicht abschrubben. Es wird geputzt und gewischt, richtig sauber aber wird es nicht. Überall finden sich unappetitliche Ablagerungen und Verkrustungen. Und wenn doch mal alle Verletzungen verheilt scheinen, kommen der Süden und der Heuer und reißen sie noch einmal auf. So hat man die Stadt selten gesehen: München, eine klaffende Wunde.

Kein Wunder, dass die Reihe auch einem der wichtigsten auteurs unter den deutschen Krimiregisseuren attraktiv erschien. Gerade hat Dominik Graf ("Eine Stadt wird erpresst") für das ansonsten ziemlich erbärmliche Episodenwerk "Deutschland 09" ein Doku-Essay über die Abriss- und Auslöschlust der deutschen Stadtplaner gedreht: Nun übernahm er die Regie für die zweite Folge der neuen ZDF-Reihe, in der subversiv das gewollt repräsentative München unterwandert wird.

Auch bei Graf führt die kriminalistische Ortsbegehung durch Schankstuben und Mietskasernen, wo der Geruch nach Pisse und Bohnerwachs in der Luft liegt. Auch er führt über verschlungene Wege in schlummernde Konflikte. Dabei handelt die von Graf gedrehte Episode "Kommissar Süden und der Luftgitarrist", die in zwei Wochen gesendet wird, von einem großen Thema: Es geht um Fehler bei der Leichenkatalogisierung, die das Münchner Dezernat einst bei seinem Einsatz nach dem Tsunami in Südostasien 2004 gemacht hat. Auf einmal taucht eine Frau auf, die nach ihren Untersuchungen seit fünf Jahren tot sein sollte.

So arbeitet sich diese Serie immer wieder zum Verdrängten, zum Unverarbeiteten, zum Unterbewussten hinab. Denn oft ist das, was man nicht sieht, schlimmer als das, was man sieht.

Dazu gibt es in der ersten Folge einen kurzen Dialog, der nicht nur den Antrieb des Kommissars Süden, sondern auch die ganze spröde Kunst des Krimiautoren Friedrich Ani auf den Punkt bringt. Der Angehörige eines Vermissten sagt: "Ich wollte nicht den Anblick eines zerstückelten Leichnams." Der Ermittler entgegnet: "Unterschätzen sie niemals den Anblick eines leeren Zimmers."


"Kommissar Süden und das Geheimnis der Königin", Samstag, ZDF, 20.15 Uhr



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kirschberg 04.04.2009
1. Nase voll von der Betroffenheit des deutschen Fernsehkrimis
Prügelt nicht Batic und Leitmeyer, denn sie sind eine der wenigen kleinen Inseln im Tränenmeer der deutschen Betroffenheit, das mit kräftiger Brandung jeden Sonntagabend durch die Wohnzimmer derjenigen schwappt, die so unvorsichtig sind, sich durch Tatortkrimis unterhalten lassen zu wollen. Ob Köln,(10 Punkte), Bremen, Hannover, Bodensee - die Träne tropft, das Herz ist schwer, der Schritt langsam, und es wird uns speiübel angesichts der Heuchelei, daß ein ernstes Thema zwar unterhaltsam aufgearbeitet werden darf, dafür aber die Protagonisten kummervollen Gesichtes durch die Szenen tranen, gern weinend, einsam - schließlich ist die Ehe kaputtgegangen, weil ja kein Partner-Mensch diesen Job aushalten kann - und schlaflos wegen der Tragik der Situation. Wo ist die professionelle Distanz des Ermittlers, die wir uns alle wünschen? Liebe, nein, nicht liebe, Produzenten und Drehbuchautoren, seht euch englische, dänische, schwedische Krimis an, oft weit weniger zimperlich in Themenauswahl und -bearbeitung, vielschichtig, schnell, spannend mit erfreulich wenig Klischees - und die Ermittler weinen nur beim Zwiebelschneiden. Themen - ein Jammertal. Muß es immer Gewalt gegen Frauen und Kinder sein? Was ist mit Wirtschaft und Politik? Oder habt ihr nicht genug Ahnung davon? Eine Freude wäre, wenn der SPIEGEL recht hätte und die ermittelnden Neumünchner die Reihe verlängern würden, die einige der Polizeiruf-110-Krimis angefangen haben und die durch beispielsweise Leipzig so nett weitergeführt wird.
Pablo alto, 04.04.2009
2. Je suis impressionné
---Zitat von Artikel--- Kein Wunder, dass die Reihe auch einem der wichtigsten *auteurs* unter den deutschen Krimiregisseuren attraktiv erschien: [...] Dominik Graf. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,617419,00.html ---Zitatende--- Alors, die schon lange totgeglaubte politique des auteurs (Autorentheorie) aus dem Paris der 1950er feiert bei Spiegel-Online ihre Renaissance. Aber Graf hin, Graf her, ein deutlich überschätzter Regiehandwerker, der immer nur so gut ist wie seine Vorlage. Der wahre auteur ist immer noch der Autor, und der heißt Friedrich Ani.
mbberlin, 04.04.2009
3. Dünne Suppe
Clausthaler, Kunstblut und Treppenhäuser. Am Anfang fand ich es Scheisse, zwischendurch beim Treppendialog mit den Kollegen hervorragend und zum Schluss wieder Scheisse. Zu viel Absurdität. Übrigens: Wenn Iris Berben das spielen soll, was sie ist, nämlich eine gealterte Frau, braucht man sie nicht auf alt schminken, sondern kann sie auch einfach komplett ungeschminkt lassen. Mehr als eine 3- gibt's von mir nicht. Fade Hausmannskost. Und Konkurrenz für nichts.
TOPCTEH, 04.04.2009
4. Geben wir ihnen noch eine Chance
Zitat von sysopEin Luftgitarrist und ein Faktenfetischist: In der brillanten ZDF-Reihe "Kommissar Süden" steigt ein neues Ermittlerduo hinab ins hässliche Unterbewusstsein Münchens. Die inzwischen allzu putzige Konkurrenz vom Bayern-"Tatort" muss sich warm anziehen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,617419,00.html
Oh, ist schon aus? Ich muss wohl eingeschlafen sein... Ich kann ja nicht beurteilen, welchen Film die Kulturredaktion gesehen hat, aber es war wohl ein anderer als ich. Nun ja, geben wir dem "Süden" noch eine Chance, vielleicht ändert sich ja in der nächsten Folge etwas. Noch ein schnarchiges Hörspiel mit bedeutungsschweren Dialogen, viel Rauchen und viel Bier-auf-ex muss nicht noch einmal sein. Vielleicht will man ja die Ü60-Zielgruppe zur Primetime nicht allzu verschrecken. Die mittlerweile extrem öden Tatorte, Polizeiruf-110er und auch die ZDF-Freitags- und Samstagskrimis ("mit-dem-Auto-Rumfahren und Leute-Verhören") sollten sich lieber mal ein Beispiel an einem anderen öffentlich-rechtlichen Sender nehmen: "Torchwood" von der BBC ist zwar wg. Aliengedöns sicherlich auch nicht jedermanns Sache, aber doch einmal etwas experimentell anderes. Es muss ja nicht gleich "Kobra 11" sein, aber ein wenig mehr Schwung könnten wir für unsere Gebühren schon verlangen. meint Torsten
NaturalBornKieler 04.04.2009
5. Zäh und pathetisch
Das gepriesene "eigene Erzähltempo" ist zäh und eine Zumutung. Von Logik keine Spur. Pathos, bedeutungsschwere Blicke und Mystizismus sind die Stilelemente dieses Machwerks. Dabei hätte es Krimi, der ohne Mord auskommt, ja durchaus mal interessant werden können. Aber die Premiere erinnert höchstens an "Stolberg" und ähnliche Schlaftabletten.
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