Neuer Kunstraub Erst St. Petersburg, jetzt Moskau

Kaum ist der Kunstraub in der St. Petersburger Eremitage halbwegs aufgeklärt, meldet das Moskauer Staatsarchiv den Verlust von Werken des Künstlers Jakow Tschernikow. Die zuständige Behörde beklagt die eklatanten Sicherheitsmängel in den staatlichen Museen.


Moskau - Die genaue Zahl der abhanden gekommenen Werke stehe noch nicht fest, die Prüfung werde derzeit noch fortgesetzt. Nach ersten Schätzungen belaufe sich der Wert der entwendeten Kunstwerke auf mehrere Millionen Euro. Zwei Tage nach Aufklärung des spektakulären Kunstraubs in der St. Petersburger Eremitage hat das Moskauer Staatsarchiv bemerkt, dass Zeichnungen des Avantgarde-Malers und -Architekten Jakow Tschernikow aus dem staatlichen Archiv für Literatur und Kunst in der Hauptstadt verschwunden sind. Das teilte die russische Behörde zum Schutz des Kulturerbes, Rosochrankultura, heute mit. Laut AFP berichtete die russische Nachrichtenagentur Itar-Tass von bis zu 2000 gestohlenen Bildern.

Von den verschwundenen Gemälden seien 274 inzwischen bei verschiedenen russischen Antiquitätenhändlern wiederentdeckt worden, hieß es bei Rosochrankultura. Weitere neun Tschernikow-Werke seien für eine Auktion bei Christie's in London vorgesehen gewesen. Die Versteigerung sei jedoch gestoppt worden, nachdem die Nachfahren des Künstlers nachweisen konnten, dass die Bilder aus dem Moskauer Staatsarchiv stammten..

Vergangene Woche hatte die Petersburger Eremitage den Diebstahl von 221 Kunstobjekten im Wert von umgerechnet rund 3,9 Millionen Euro aus ihren Beständen festgestellt. Allem Anschein nach steckte die Familie einer mittlerweile verstorbenen Museumskonservatorin hinter dem Raub. Ihr Ehemann, der gemeinsame Sohn sowie ein weiterer Verdächtiger wurden von der Polizei festgenommen. Rosochrankultura-Chef Boris Bojarskow beklagte erst gestern die schlechten Sicherheitsbedingungen in den russischen Museen sowie eine Unterfinanzierung der russischen Kultur.

Als Konsequenz aus dem Kunstraub in der Eremitage hat die Behörde eine schärfere Kontrolle der Museen angekündigt. Schlamperei in der Eremitage habe den Seriendiebstahl erst ermöglicht, sagte der Vizechef der Behörde zum Schutz russischer Kulturgüter, Anatoli Wilkow, der Tageszeitung "Kommersant".

Im Fall Eremitage kommentierte die Zeitung, der Diebstahl von letztlich "zweit- oder drittrangigen Kunstobjekten" werde zum Vorwand genommen, um die Selbstständigkeit der Museen zu beschneiden. Wegen ihrer knappen staatlichen Budgets finanzieren sich die großen russischen Museen in erster Linie durch Ausstellungen im Westen. Diese finanzielle Unabhängigkeit versuchten die russischen Kulturbehörden schon seit längerem gegen den Widerstand der Museumsdirektoren einzuschränken.

Ein ranghoher Beamter des russischen Rechnungshofes warf der Regierung in Moskau vor, in der Eremitage ein System zu dulden, in dem die dortigen Schätze "ohne jede Kontrolle und straffrei" gestohlen werden könnten. Bei Kontrollen in dem berühmten Kunstmuseum sei der Rechnungshof bereits 1999 auf gröbste Verstöße gegen das System zum ordnungsgemäßen Verzeichnen der Kunstschätze gestoßen, sagte Juri Boldirew am Dienstag im Radiosender "Moskauer Echo". Nach Ansicht der Rechnungsprüfer seien damals polizeiliche Ermittlungen zwingend notwendig gewesen. Von oben sei den Ermittlern jedoch die Anweisung erteilt worden, sich nicht in die Affäre einzumischen. Dies lasse den Schluss zu, "dass die Regierung ein System fördert, in dem die Schätze der Eremitage gestohlen und die Originale durch Fälschungen ersetzt werden".

Auch wenn die russische Polizei den Eremitage-Raub als aufgeklärt bezeichnet, sind bislang laut Medienberichten nur wenige Kunstwerke wieder aufgetaucht und an das berühmte Museum zurückgegeben worden. Nahe dem Sitz des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB in St. Petersburg wurden heute zwei weitere Objekte gefunden. Ein Unbekannter habe ein Päckchen mit einem Silberring in Form eines Kreuzes und ein liturgisches Gefäß aus Silber und Emaille abgelegt, erklärte der Pressedienst des FSB. Damit sind inzwischen elf von 221 gestohlenen Werken wieder aufgetaucht.

bor/AFP/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.