Neuer Schwaben-"Tatort" Mit dem Luxus-Schlitten durchs Ländle

Crashchaos statt Kehrwoche: Nach 15 Jahren Bienzle hat das Ländle ein neues Ermittler-Team, Richy Müller tritt seinen Dienst als Stuttgarter "Tatort"-Kommissar an. Statt eines authentischen Großstadtkrimis werden zu quietschenden Reifen nur die üblichen Cop-Klischees aufgefahren.

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Ein bisschen ist es so, als ob James Bond vor dem nächsten Geheimauftrag sein neues Hightech-Spielzeug in Empfang nimmt: Während der nach Stuttgart versetzte Kommissar Lannert (Richy Müller) seinen neuen roten Sportflitzer begutachtet, hallt im Hintergrund eine Tremolo-Gitarre wie in einem Sechziger-Jahre-Spionage-Film. Später fegt der Ermittler bei einer Verfolgungsjagd mit seinem neuen Kollegen Bootz (Felix Klare) durch Fußgängerpassagen und Einbahnstraßen. Am Ende kann das Auto verschrottet werden.

Neue "Tatort"-Ermittler Bootz (Felix Klare) und Lannert (Richy Müller): Folge dem Mercedes-Stern!
DPA

Neue "Tatort"-Ermittler Bootz (Felix Klare) und Lannert (Richy Müller): Folge dem Mercedes-Stern!

Crashchaos statt Kehrwoche: Das Ländle hat ein neues "Tatort"-Team, und die Macher haben alles daran gesetzt, es so munter und so mobil wie möglich in Szene zu setzen. Nichts sollte übrig bleiben von der schwäbischen Beschaulichkeit, die bis vor kurzem noch Dietz Werner Steck als Kommissar Bienzle in zum Teil recht zermürbenden 26 Folgen verbreitete. Wie der Alte immer die Treppen in die Wohnung zu seinem geliebten Rotwein hochschlappte, während der Nachbar ihm unaufgefordert die Hausordnung vorlas – das war vielleicht ein bisschen viel der Spätzle-Seligkeit.

Doch ach, man muss Bienzle nicht geschätzt haben, um nun ganz melancholisch zu werden. Sind doch fast alle lokalen Bezüge aus Handlung und Personal herausgewaschen worden. Nur der neue Pathologe darf ein bisschen schwäbeln, die beiden Chefermittler indes sind Zugezogene und sprechen vorbildliches Hochdeutsch. Dass wir uns in Stuttgart befinden, wird eigentlich nur dadurch deutlich, weil bei der Verfolgungsjagd ein ausgiebig ins Bild gesetzter Mercedes zu Bruch gefahren wird – ein Auto jener Marke also, die an Stuttgarts Wohlstand nicht unschuldig ist.

Langbeinige Staatsanwältin

Ein urbaner, authentischer und ästhetisch topaktueller Thriller mag den Verantwortlichen vom SWR beim "Tatort"-Relaunch vorgeschwebt haben. Der Hessische Rundfunk hatte ja 2002 mit Frankfurt vorgemacht, wie man einem jahrelang vor sich hin dösendem "Tatort"-Revier ein aufregend modernes Antlitz verleiht – und wie man von den Kellerlöchern im Bahnhofsviertel bis zu den obersten Etagen der Bankentürme die Stadt als komplexes, pulsierendes Nervensystem in Szene setzt

Aber was soll man machen: Im schönen Sonnenschein Stuttgarts mutet irgendwie selbst der Obdachlose unter der Neckar-Brücke wie ein Individualtourist an. Kann ja sein, dass das Leben als Clochard hier wirklich ein wenig komfortabler ist als im Rest Deutschlands – trotzdem erscheint es weltfremd, wie in der ersten Episode des generalüberholten SWR-"Tatorts" nun aktuelle soziale Themen in die Handlung geholt werden. Dass zum Beispiel die langbeinige argentinischstämmige Staatsanwältin Emilia Álvarez (Carolina Vera) nach Willen der Macher für die neue schwäbische Multikultigesellschaft steht, wirkt arg vereinfachend.

Klar, Stuttgart ist nicht Frankfurt. Das Problem ist, dass man nicht versucht hat, einen eigenen Rhythmus und einen Tonfall zu finden, der die Stadt repräsentiert. Stattdessen hat Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt ("In Sachen Kaminski"), der federführend die drei ersten Folgen betreut, wohlbekannte Versatzstücke zeitgenössischer Fernsehkrimis zusammengetragen.

Schnelle Schnitte und Split-Screens

Schon den Antagonismus der beiden neuen Kommissare hat man so schon tausendmal gesehen: Der alte Lannert gibt den Bauchmenschen, der in Hamburg einst vier Jahre undercover auf der Straße ermittelt hat; der junge Bootz den strebsamen Techniker, der auch psychologische Fortbildungskurse absolviert. So serviert er uns im Profiler-Idiom Erkenntnisse – zu denen man mit ein bisschen gemeinem Menschenverstand allerdings auch von ganz alleine kommt.

Und auch die schnellen Schnitte und die Split-Screens, mit der Regisseur Elmar Fischer in der ersten Episode flott und flüssig die Geschichte vorantreibt, täuschen nicht darüber hinweg, dass man in Sachen Charakterzeichnung ziemlich auf der Stelle tritt.

Fischer hat zuvor mit dem Kinofilm "Fremder Freund" über die schleichende Radikalisierung eines Deutsch-Arabers das beste hiesige Post-9/11-Drama überhaupt gedreht. Im Tatort "Hart an der Grenze" kratzt er leider nur an der Oberfläche des behandelten gesellschaftspolitischen Sujets: Eine im Neckar gefundene Kinderleiche führt die Kommissare zu einer zwielichtigen Adoptionsagentur. Doch weder schafft es der Film, den Zuschauer für die verzweifelten kinderlosen Paare zu interessieren, noch für den kommerziellen Hintergrund der Adoptions-Industrie. Auch die Figuren bleiben bloße Behauptung – vom aalglatten Kinderhändler bis zum unrasierten Pädophilen, der hier von den Cops in gerechter Empörung mal so richtig hart rangenommen wird.

Wo bleiben die Ideen? Wo verbindliche Charaktere? Und wo das echte Stuttgart? Es ist ja nicht so, dass einem das "Schduarget" des Bienzles wirklich ans Herz gewachsen wäre, aber bei dem wusste man wenigsten jederzeit, in welcher Stadt er gerade ermittelt. Das aufgerüstete und aufgehellte Stuttgart im neuen "Tatort" wirkt indes nur wie ein unverbindlicher Querschnitt sämtlicher TV-Reviere dieses Landes – und fungiert zudem eben auch noch als Hintergrund für die Präsentation neuer Modelle eines im Ländle ansässigen Automobilherstellers.

Für Zuschauer, die aufgrund mangelnden Lokalkolorits die Orientierung verlieren, gilt deshalb beim neuen "Tatort": Folge einfach dem Mercedes-Stern!


Tatort: "Hart an der Grenze", So 20.15 Uhr, ARD



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