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Pop in der Geschichtswissenschaft: Von hier an retro?

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Neuer Trend in der Geschichtswissenschaft Verschwindet Pop in den Archiven?

Hilfe! Jetzt haben auch die Historiker die Pop-Kultur entdeckt - und werten Rock-Platten plötzlich als geschichtsträchtige Quellen aus. Aber was heißt das für den Pop? Sagt er gar nichts mehr über die Gegenwart aus?
Von Bodo Mrozek

Pop ist Gegenwartskultur. Punkt. Diesen Satz konnte man in den vergangenen Jahren geradezu als Mantra hören, gemurmelt von Feuilletonisten und Kulturwissenschaftlern. Wer die Gegenwart verstehen wolle, müsse die Popkultur analysieren, in deren grellbunten Landschaften sich der wahre Charakter einer Epoche zeige. So in etwa lautet das Credo der anglo-amerikanischen Cultural Studies, die beflissen die Alltagskultur analysieren.

Aber was heißt es für den Pop, wenn sich die Geschichtswissenschaft nun auch damit beschäftigt? Wenn Rock'n'Roll-Platten als historische Quellen plötzlich gleichberechtigt neben Wappen und Urkunden treten? Wird Pop nun gänzlich historisiert und damit zu den Akten gelegt?

Die Geschichtswissenschaft ist im Vergleich zu anderen Disziplinen wie der Literaturwissenschaft oder den Cultural Studies spät dran. Dennoch kann gerade sie der Beschäftigung mit dem Populären wichtige Impulse geben. Viele Aussagen über Popkultur, die heute allgemein anerkannt sind, entpuppen sich aus historischer Perspektive nämlich als unhaltbar.

So wird der Pop oftmals als gleichbedeutend mit Jugendkultur oder generationellem Konflikt verstanden. Mal wird er mit der Kultur des westlich-kapitalistischen Systems, mal mit Rebellion und Protest gleichgesetzt. All dies ist sicher nicht ganz falsch, trifft aber eben immer nur zu einer ganz bestimmten Zeit in einer ganz bestimmten Epoche zu.

Plattensammlung oder Klavierstunde? Egal!

Die meisten Vorstellungen, die das heutige Bild von Pop prägen, wurden maßgeblich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt. Dass Pop bis heute als Kultur der Jugend gilt, hat etwa seinen Ursprung in den demografischen Faktoren des Babybooms und dem so genannten Wirtschaftswunder der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Jugendliche waren so zahlreich, dass sie eine relevante Zahl von Konsumenten stellten und erstmalig auch so viel Taschengeld und Freizeit hatten, dass es sich für die Industrie lohnte, jungen Konsumenten spezifische Angebote zu machen. Das hartnäckige Vorurteil, Pop sei eine reine Jugendangelegenheit, widerlegen längst die Statistiken über die Käufer der Popmusik, die seit einigen Jahren schon mehrheitlich Über-40-Jährige sind. In der Zeit demografischen Wandels ist es zunehmend die ältere Generation, die sich für Pop interessiert.

Auch verwandelte sich Pop spätestens in den sechziger Jahren in eine "ernste", zumindest aber eine ernst genommene Kunst, wie man am Siegeszug der Pop-Art in Museen und aufwendigen Künstlerschallplatten und Konzeptalben sehen kann. Seit den Achtzigern wird Pop schließlich von den gebildeten Schichten mit derselben Beflissenheit konsumiert wie zuvor Jazz oder Klassik. Dazu haben maßgeblich Magazine wie "Spex" oder "Sounds" beigetragen, bis allmählich auch die lange Jahrzehnte Pop-ignoranten Feuilletons der Zeitungen Pop-Kritiken zu ihrem festen Repertoire zählten.

Die alten Gegensätze zwischen elitärer Hochkultur und Massenunterhaltung für die unteren Schichten weichen somit seit Jahrzehnten auf. Großen Anteil daran hatten außeruniversitäre Denker, allen voran intellektuelle Musikkritiker wie Greil Marcus, Jon Savage oder Diedrich Diederichsen. Durch ihre ernsthafte Beschäftigung mit der Popkultur wurde diese auch für Menschen mit Abitur und Hochschulabschluss akzeptabel. Das Sammeln von Schallplatten und Anhäufen von Pop-Wissen, so argumentiert etwa die Kulturwissenschaftlerin Nadja Geer, entwickelt sich so zu einem ähnlichen Statusmerkmal wie zuvor Klavierstunde oder Museumsbesuch. Auch dies zeigt, dass man am Pop den kulturellen Wandel ablesen kann - etwa die Liberalisierung und Nivellierung traditioneller Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Schichten. Die Gegenwart von Pop ist nur zu verstehen, wenn man ihn in seinem historischen Wandel analysiert. Leider fehlt es dafür aber noch immer an Studien.

Dass sich Intellektuelle der Pop-Kultur erst so spät annahmen, ist ebenfalls historisch bedingt: Zum einen galt die Massenkultur nach dem Populismus der Nationalsozialisten vielen Theoretikern wie Wilhelm Reich pauschal als politisch verdächtig. Zum anderen begegneten viele wider Willen ins amerikanische Exil gezwungene deutsche Intellektuelle der kapitalistischen Kultur mit unverhohlener Verachtung. "Fun ist ein Stahlbad", ätzten etwa die Begründer der kritischen Theorie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gegen die US-Unterhaltungsmaschinerie.

Wie klingt das 20. Jahrhundert?

Viele Studenten, die sich um 1968 an ihrer "Frankfurter Schule" orientierten, teilten dabei nicht nur einen revolutionären Impetus, sondern auch die kulturkonservativen und antiamerikanischen Einstellungen ihrer elitären Vordenker. Die Studentenbewegung war nur wenig Pop-orientiert und gab stets der Theorie den Vorrang vor der hedonistischen Praxis, Lieder waren allenfalls als Protestsongs geduldet. "Stellt die Gitarren in die Ecke und diskutiert", war ein Slogan der Plakate schwenkenden Studenten.

Heute jedoch schreibt Pop selbst an der Geschichte mit. Kaum ein jüngeres Werk zur Zeitgeschichte nach 1945 oder zur neueren Kulturgeschichte kann auf die Kategorie des Populären verzichten. Der Heidelberger Zeithistoriker Edgar Wolfrum etwa bezeichnet in seinem Handbuch zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland die mit Graffiti verzierte Berliner Mauer als die "größte Leinwand der westlichen Popkultur". Und auch in zahlreichen anerkannten historischen Forschungsfeldern spielt Pop zunehmend eine wichtige Rolle. Die Politikgeschichte etwa untersucht die Rolle von Musik bei der Mobilisierung von Protesten. Die Konsumgeschichte hat - anders als in der traditionellen Wirtschaftsgeschichte - die Konsumenten kultureller Produkte als eigensinnige Akteure der Geschichte entdeckt, die mit ihrem produktiven Konsum Meinungen und Mentalitäten ausdrücken und damit das gesellschaftliche Klima einer Epoche prägen.

So war etwa der Besitz amerikanischer Schallplatten oder Jeans in den Nachkriegsjahren ein Statement, dass gegen die ältere Generation durchgesetzt werden musste und für die "Amerikanisierung" der Deutschen mindestens so wichtig war wie die offizielle Kulturpolitik oder die Amerikahäuser. In neueren Geschichtsbüchern wie der "Deutschen Kulturgeschichte" von Axel Schild und Detlef Siegfried werden solche Entwicklungen mindestens so prominent wie die traditionelle Hochkultur behandelt.

Der Historikertag tanzt

Offene Ohren für den Pop haben auch die noch jungen historischen Sound Studies, die an einer Geschichte der Klänge arbeiten und Geräusche als ebenso wichtige historische Hinterlassenschaften verstehen wie schriftliche Zeugnisse. Was als laut oder schrill gilt, unterliegt auch einem Prozess der historischen Aushandlung und hat sich über die Jahrzehnte radikal gewandelt. Auch die noch junge Emotionsgeschichte analysiert Pop-Phänomene wie die Punk-Bewegung als Ausdruck von Wut und generationaler Frustration. Gerade im 20. Jahrhundert, dem "Zeitalter der Extreme" (Eric Hobsbawm), entfalteten Pop-Phänomene ein erhebliches Konfliktpotential - vom Jazz im Nationalsozialismus bis zu HipHop oder Skaten in der DDR. Niemand würde heute ernsthaft bestreiten wollen, dass diese Phänomene ebenso wichtige historische Faktoren sind wie Anti-Atom-, Arbeiter- oder Frauenbewegung.

Doch noch sind solche Ansätze seltene Ausnahmen in der Geschichtsschreibung. Und wenn Pop behandelt wird, dann geschieht das selten bewusst oder systematisch. An anerkannten Definitionen für das Populäre in der Geschichte herrscht noch immer ein eklatanter Mangel. Dreißig Positionen hat der Pop-Forscher Thomas Hecken in einem Band gesammelt. Darunter so unterschiedliche Definitionen wie die von Friedrich Schiller, der leicht verständliche Kunst als populär im Sinne der Aufklärung bezeichnete. Oder die des Soziologen Helmut Schelsky, der von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft sprach, als deren Kultur man den Pop auch begreifen kann.

An gültigen Einordnungen von Pop in die Geschichte fehlt es jedoch noch immer. Das betrifft so grundlegende Fragen wie die nach der Periodisierung: War Pop ein Zeitalter? Und wenn ja, wann hat es begonnen? Mit dem Rock'n'Roll nach dem Krieg? Mit dem Jazz vor dem Krieg? Oder war bereits das Jahr 1900 die "Scheidegrenze", die ein Jahrhundert des Populären einleitete - wie Patrick Merziger und andere in einem Band zur "Macht des Populären" behaupten?

Diese Auseinandersetzungen finden zunehmend statt, befördert auch durch einen Generationswechsel innerhalb der Zunft. Dies bewies beispielhaft der letzte Historikertag in Berlin. Als zum Abschluss des mehrtätigen Kongresses des Deutschen Historikerverbandes eine kleine Initiative zu einer Tanzparty mit historischer Musik lud, da erreichte die Organisatoren die hinter vorgehaltener Hand geraunte Kritik: Popmusik sei mit dem seriösen Charakter eines Historikertages nicht vereinbar. Als dann aber ein DJ historische Tondokumente der Achtzigerjahre auflegte, da rockte mit einem Mal eine fröhliche Schar jüngerer Professoren auf der Tanzfläche vor dem DJ-Pult. Es gibt Trendwenden in der Geschichtswissenschaft, über die man besser mit den Füßen abstimmt.

Bodo Mrozek forscht am Arbeitsbereich Neuere Geschichte der Freien Universität Berlin über Jugendkulturen und Pop. Er ist Mitorganisator einer Tagung des Zentrums für Zeithistorische Forschung "PopHistory - Perspektiven einer Zeitgeschichte des Populären", die vom 3. bis 5. November in der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz stattfinden wird.

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