Neues Breloer-Drama Der "Entlastungs-Nazi" in neuer Perspektive
Köln - "Wir alle schauen auf das Dritte Reich, ob wir es wollen oder nicht, durch die Brille Albert Speers", erklärte Heinrich Breloer am Montag in Köln zum Abschluss der Dreharbeiten. Der Regisseur hat gerade sein neues Doku-Drama "Speer und er" für die ARD abgedreht. Ein "realistisches Bild" des Stararchitekten der Nazis werde der Film vermitteln und eine Korrektur am immer noch kursierenden Image Speers vornehmen. Speer habe sich in seinen Büchern als "Entlastungsnazi" die Gestalt einer Kunstfigur gegeben.
Der zwölf Millionen teure Dreiteiler, der im Frühjahr 2005, 60 Jahre nach Kriegsende, anlaufen soll, ist groß besetzt: Tobias Moretti spielt Hitler, Sebastian Koch verkörpert Hitlers Architekten und Rüstungsminister Albert Speer. Damit bricht Breloers Film mit einer langen Tradition im deutschen Film: Hitler zu inszenieren und auf der Leinwand oder dem Bildschirm Gestalt zu geben, wurde bisher vermieden. Wenn überhaupt trat der Diktator nur für Sekunden und meist ohne Text in Erscheinung.
Breloers Kommentar, früher hätte der Film nicht entstehen können, bezeichnet damit zweierlei: Zum einen den Beginn einer neuen Phase in der Beschäftigung mit Hitler und den Nazis, das Abnehmen jener "Bilderangst", die "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher dem deutschen Film im Umgang mit Hitler attestiert. Zum anderen eine neue Form historisch-kritischen Arbeitens im Film. In Breloers Dokumentation sind nicht nur Spielszenen mit Schauspielern zu sehen, sondern auch Interviews mit Zeitzeugen und Originalaufnahmen aus dem Dritten Reich. Speers Kinder hätten erst jetzt, nach Jahrzehnten, genügend Abstand gehabt, um ihm Interviews zu geben, sagte der Regisseur.
Wie in seinem preisgekrönten Fernsehmehrteiler "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" brilliert Breloer auch diesmal mit einem Maximum an Authentizität. Konsequent also, dass die Pressekonferenz zum Ende der Dreharbeiten vor gespenstisch-historischer Kulisse stattfand: Die Journalisten wurden in Hitlers Büro in der Reichskanzlei gebeten. Filmarchitekt Götz Weidner ("Das Boot") hatte das Interieur in den Kölner WDR-Studios akribisch genau nachbilden lassen.
Präzision ist für Breloers Projekt unerlässlich: Die Nachbauten von Nürnberger Gericht und Spandauer Gefängnis, Reichskanzlei und Berghof sind in Spielszenen zu sehen, die direkt auf Originalaufnahmen der Zeit folgen. Originaltreue sei aber kein Selbstweck, sondern verfolge ein künstlerisches Ziel: "Wir haben versucht, Bilder zu machen, die Interesse erwecken", erklärte Gernot Roll, Breloers Kameramann.
Mit "Speer und er" nimmt sich Breloer erneut eines politisch hoch brisanten Themas an. So unterzog er mit "Todesspiel", seinem Film über die Entführung und Ermordung des ehemaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyers den Mythos RAF einer kritischen Revision. Breloers Bemerkung, er werde einen Speer und einen Hitler zeigen, wie man sie noch nie gesehen habe, ist also in jeder Hinsicht ernt zu nehmen.