SS-Führer Odilo Globocnik Ein gewöhnlicher Massenmörder

Ein Germanisierungs- und Umvolkungsfetischist aus Österreich war im "Dritten Reich" wichtigster Mann bei der Vernichtung der polnischen Juden. Das Buch "Hitlers Manager des Todes" beleuchtet Leben und Wirken des Nazi-Verbrechers.

Narodowy Archiwum Cyfrowy, Warschau

Von Thomas Andre


Odilo Globocnik ist als Leiter der "Aktion Reinhardt" in die blutige und düstere Geschichte des 20. Jahrhunderts eingegangen: Die Vernichtung der Juden im sogenannten Generalgouvernement, das die Gebiete des besetzten Polen umfasste, trieb der 1904 in Triest geborene SS- und Polizeiführer entscheidend voran. In der großen Erzählung des Nazi-Wahns gehört er zu den fanatischsten der todbringenden Figuren, die ihre Arbeitskraft total in den Dienst abscheulicher Verbrechen stellten - und dabei eine teuflische Macht über Leben und Tod erlangten.

In dem an monströsen Gestalten nicht armen NS-Organigramm war Odilo Globocnik eine Art Ideal-Nazi. Von keinerlei moralischen und humanen Überlegungen angekränkelt, gierig, skrupellos, zupackend, autoritär und autoritätsgläubig. Andererseits soff er und lebte promisk: Die Nazis trieben es halt in jederlei Hinsicht doll - wer berufsmäßig Menschen umbrachte, konnte kein sympathischer Mensch sein. Globocnik glaubte unbedingt an die Weltanschauung der germanischen Möchtegern-Weltenherrscher. Fast so sehr, wie er daran glaubte, mit der Fixierung auf deutsches Blut und arische Stammlinien seinem großen Förderer, SS-Chef Heinrich Himmler, zu gefallen. Und so wurde aus Globocnik, den die Kameraden "Globus" nannten, der "Zar von Polen" ("König von Polen" konnte er nicht sein, das war schon Generalgouverneur Hans Frank), der Kolonialist mit den Gaskammern. Man nannte ihn einen "Germanisierungs- und Umvolkungsfetischisten". Gegner beschrieben Globocnik als aktionistisch, seine Fans in Berlin aber bewunderten die gewaltige Tatkraft, die in die Errichtung der Vernichtungslager Treblinka, Belzec und Sobibór mündete.

Ein "Mörder aus Profession"

Schon bevor auf der Wannsee-Konferenz die Auslöschung des europäischen Judentums beschlossen wurde, machte sich Globocnik an den Völkermord. Dem Führer eifrig zugearbeitet hatte er von Anfang an. Als einer der ersten Nazis in Österreich bereitete er jenseits der Alpen der "Bewegung" den Weg, als diese noch illegal war.

In seinem flüssig geschriebenen Buch "Zwei Millionen ham' ma erledigt" erzählt der Historiker Johannes Sachslehner vom Werden und Vergehen Odilo Globocniks zunächst aus dieser österreichischen Perspektive. Der Mann, den Joachim Fest einen "Mörder aus Profession" nannte, lernte in Österreich schnell, dass ein erfolgreicher Nazi vor allem eines tun musste. Sich mit den obersten Herren der Herrenmenschen gut stellen nämlich; da konnte man mit den Kollegen auf derselben Hierarchieebene auch mal weniger harmonieselig sein. Die Zahl von Globocniks Gegnern war groß.

Was kein Wunder ist, denn die Nazi-Eliten schlossen in Zeiten des Weltkriegs durchaus nicht immer fest die Reihen, sie konkurrierten und intrigierten - und diese Geschichten lassen sich im Bereich der populären NS-Untersuchungen wohl auf ewig so süffig erzählen, wie Sachslehner das in seiner mit alllerdings keinerlei neuen Erkenntnissen aufwartenden Zusammenschau tut. Derlei braucht es allerdings auch nicht, um sich als Leser dem Grusel des deutschen Zerstörungswerks hinzugeben: Globocniks Nazi-Habitat im polnischen Distrikt Lublin hat hohen Wiedererkennungswert und scheint ganz der Normalexistenz von Hitlers Potentaten zu entsprechen, wie man sie etwa aus Guido Knopps Dokumentationen kennt. Eine konfiszierte bürgerliche Villa mit Führer-Bildnis an der Wand, aus Frankreich auf eigene Rechnung angekarrte Weinvorräte für die Gelage nach strapaziösen Arbeitstagen, Affären mit den Sekretärinnen - die Beschreibungen des Holocaust-Alltags aufseiten der Täter sind längst zum Klischee geronnen.

Sachslehner, der zuletzt eine Monografie über KZ-Kommandant Amon Göth verfasste, erhebt mit seiner Globocnik-Studie allerdings den Anspruch, eine Lücke schließen und gleichsam den Privatmann hinter dem Barbaren zu finden, der in Gerichtsverfahren nach dem 1945 immer als Zentralfigur des Judenmords genannt wurde. Der auf Globocnik verengte Blick fördert allerdings am Ende kaum wirklich interessante Einsichten zutage. Anders gesagt: Man liest von nichts weiter als der bösartigen, von Rasse-Ideen und persönlichem Ehrgeiz vergifteten Gewöhnlichkeit einer NS-Spitzenkraft, wie man sie von den Legenden um Göth, Frank oder anderen zu kennen glaubt. Samt der geradezu grotesken und aberwitzigen Vermengung des Privaten mit dem Beruflichen - so nehmen etwa Führerbüro und Himmler regen Anteil an Globocniks Liebesleben, weil der strebsame Judenmörder bei der Familiengründung nicht ganz so strebsam ist wie erwünscht.

Sie verscharrten ihn auf einer saftigen Wiese

Wir lernen auch, dass das Kommunikationsverhalten von Ariern durchaus neurotische Züge trug: Wenn Globocnik mit Juden zusammen in einem Raum war, so berichten Zeugen, habe er ihnen nicht ins Gesicht gesehen. Sie durften angeblich nur mit "Ja" oder "Nein" antworten. Im persönlichen Umgang mit Nichtjuden soll der Chef andererseits "angenehm" gewesen sein, außerdem kultiviert und an den Künsten interessiert. Er kümmerte sich um seine Mutter und Schwestern, holte sie in seinen Haushalt nach Polen. Seine Entourage ließ es sich vor den Toren von Ghetto und Arbeitslager gut gehen und sah mal lieber nicht so genau hin ("Den Juden geht es gut").

Als Erinnerung daran, wie zynisch der Nationalsozialismus war und wie niederträchtig seine Repräsentanten, kann "Zwei Millionen ham' ma erledigt" durchaus dienen. Das Raubrittertum Globocniks, der den Juden erst alle Wertgegenstände, dann ihr Haar (zur Weiterverarbeitung für das Schuhwerk von U-Boot-Besatzungen) und als letztes ihr Leben nahm, beschreibt Sachslehner genauso ausführlich wie seinen jämmerlichen Suizid, nachdem er den Engländern in die Hände fiel.

Sie haben ihn dann, diesen banalen Bösen, der dennoch als Schreckgestalt gerade in deutschsprachigen Lehrbüchern taugt, auf einer saftigen österreichischen Wiese verscharrt. Früher trieben die Dorfbewohner hier ihre Schweine hin.

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