Neues "FAZ"-Layout Alles, alles geht vorbei

Frisch, fromm, frei: Seit heute erscheint die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" im neuen, farbenfrohen Layout. Eine Kulturrevolution! Weg mit der Fraktur! Auf den ersten Blick scheint die Operation gelungen. Aber werden sich die dringend benötigten neuen Leser locken lassen?

Von Reinhard Mohr


Da liegt sie nun auf dem Frühstückstisch, die gute alte "FAZ" mit dem brandneuen Layout. Und was sehen die müden Augen auf der Titelseite? Den vielgeliebten Führer Nordkoreas, Kim Jong Il und sein südkoreanisches Pendant, Präsident Roh Moo Hyun, beide offensichtlich mit der Verkostung von Rotwein beschäftigt. Acht Flaschen schmücken den blumengedeckten Tisch, dahinter rauschen Meereswogen über eine Wandtapete. Und darunter eine nüchterne Schlagzeile, ab sofort linksbündig.

Auf den ersten Blick: Operation gelungen. Nicht nur weil das Bild hübsch ist und den ersten Schmunzler des Tages hervorruft. Das neue Erscheinungsbild der vielleicht immer noch besten Tageszeitung Deutschlands wirkt tatsächlich heller, lichter, frischer. Da hat die ausführliche Eigenwerbung der "FAZ" recht.

Die größte Revolution: Die altehrwürdige Frakturüberschriften der berüchtigten Kommentare auf der ersten und letzten Seite des politischen Hauptteils, des "ersten Buches", sind weg. Jetzt wird Fraktur nur noch in der "TimesNewRomanCondensed Bold" geredet, pardon: geschrieben. Allein der Markenname "Frankfurter Allgemeine" prangt noch in eherner Fraktur. Ansonsten: Mehr Luft, mehr Weißräume, ein leicht größerer Abstand zwischen den Zeilen ("Durchschuss") und keine Trennlinien mehr zwischen den Spalten. Vor längeren Artikeln steht ein "Lead", eine kurze Zusammenfassung, und die Überschriften der einzelnen Rubriken laufen in Versalien, was sie auch schlanker macht. Darüber hinaus kleinere Veränderungen hier und da, ein wenig mehr Rot in der Schrift, noch mehr Farbe in den Bildern.

Und warum das Ganze?

Weil "der Souverän" gesprochen hat, schreibt Herausgeber Werner d'Inka. Mehr als drei Viertel der Leser hätten die neue Gestaltung gut geheißen. Wichtiger aber wohl die Erkenntnis, dass die "Beachtung des Visuellen" zugenommen hat. Am wichtigsten jedoch die empirische Feststellung, dass es immer weniger echte Leser gibt. "Der Übergang von der regelmäßigen zur sporadischen Lektüre" (d'Inka) geht zweifellos einher mit einer "abnehmenden Lesedauer".

Da ist es ein relativ schwacher Trost, dass junge Leute zwar noch lesen, aber eben anders. Sagen wir es frei heraus: Sie lesen viel weniger als wir in unseren Jugendtagen, weil es heute, anders als vor dreißig Jahren, Hunderte Fernsehprogramme gibt, Internet, iPod, YouTube, Google, DVD, E-Mail, SMS und MMS.

Die stundenlange Konzentration auf eng bedruckte Seiten ist ihre Sache nicht, und das hat vor allem die "FAZ" gespürt. Seit ein paar Jahren geht ihre gedruckte Auflage empfindlich zurück. Und das kann nicht nur an zuweilen etwas krude altväterlichen Leitartikeln liegen.

Gewiss, die Online-Ausgaben der Printmedien mit ihrem atemberaubenden Tempo, ihrer rasanten Optik und dem wachsenden Werbeaufkommen machen den Zeitungen das Leben zusätzlich schwer, aber es gibt auch einen gesellschaftlichen Grund für den harten Kampf um Leser.

Mein lieber Nachbar, auch er "FAZ"-Abonnent seit vielen Jahren, redet hier immer gern von der "Kultur des Illiteraten", von der wachsenden Unfähigkeit, längere, zumal komplexe, grammatikalisch wie intellektuell anspruchsvolle Texte zu lesen und zu verstehen, schließlich auch: zu genießen.

Kurz: die Zeitungskultur selbst ist in Gefahr, deren gloriose Vergangenheit etwa in den Bildern aus Wiener Kaffeehäusern oder Pariser Bistros gebannt ist, in denen sich einzelne Menschen stundenlang der Lektüre gleich mehrerer Zeitungen hingeben.

So verstanden ist das vergleichsweise moderate Lifting der FAZ ein freundliches Angebot, eine wenigstens optische Herabsetzung der Schwelle für neue, interessierte Leser.

Die schmalere Anmutung und die frischere Aufmachung wirken durchaus einladend, und wir sind gespannt auf das Echo in den nächsten Tagen.

Eines allerdings bleibt, wie es war: Lesen muss man immer noch selber.



insgesamt 29 Beiträge
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furtherinstructions, 05.10.2007
1. Glückwunsch zum Relauch
Liebe FAZ, herlich willkommen im 21ten Jahrhundert, zumindest aus typografischer Sicht, und viel Erfolg weiterhin! Wobei mir persönlich eine Schrift von Lucas de Groot, wie beim Spiegel oder der TAZ, lieber gewesen wäre als die TimesNewRoman, aber man kann nicht alles haben.
kurzundknapp, 05.10.2007
2.
Zitat von sysopDie Frankfurter Allgemeine Zeitung hat ihr Layout renoviert. Wie gefällt Ihnen die neue, farbenfrohere FAZ?
Mir hätte es eine bilderfreie erste Seite weiterhin getan!!
Anisimov 05.10.2007
3. Schock am Morgen
auf der einen Seite war eine optische Erneuerung sicher aus rein wirtschaftlichen Gründen richtig. Dennoch, ich vermisse das alte Layout, eben gerade weil es so altmodisch war. Es hat sich gegen den Zeitgeist gestemmt, genauso wie die FAZ sich als letzte Zeitung der neuen Rechtschreibung beugte. Mir wird das alte Layout fehlen, aber ich werde mich an das Neue gewöhnen, wie beim Spiegel auch, als er sein Layout vor ...ich weiß nicht mehr wievielen Jahren? Geändert hat. Ich habe es zuerst auch gehasst. Aber der Mensch gewöhnt sich. So vermutlich auch der "verknöcherte" FAZ Leser ;-))
budking82 05.10.2007
4.
---Zitat von kurzundknapp--- Mir hätte es eine bilderfreie erste Seite weiterhin getan!! ---Zitatende--- Dem kann ich nur beipflichten. Mit dem veränderten Schriftbild kann man sich anfreunden, aber ich fand es hatte was nur auf wirklich einschneidende Ereignisse mit einem Bild auf der Titelseite zu reagieren.
exil am strand, 05.10.2007
5. Irrtümer der FAZ-Leser
Zitat von Anisimovauf der einen Seite war eine optische Erneuerung sicher aus rein wirtschaftlichen Gründen richtig. Dennoch, ich vermisse das alte Layout, eben gerade weil es so altmodisch war. Es hat sich gegen den Zeitgeist gestemmt, genauso wie die FAZ sich als letzte Zeitung der neuen Rechtschreibung beugte. Mir wird das alte Layout fehlen, aber ich werde mich an das Neue gewöhnen, wie beim Spiegel auch, als er sein Layout vor ...ich weiß nicht mehr wievielen Jahren? Geändert hat. Ich habe es zuerst auch gehasst. Aber der Mensch gewöhnt sich. So vermutlich auch der "verknöcherte" FAZ Leser ;-))
Die Online-Kommentare auf FAZ.net sind zur riesigen Klagemauer gewachsen. Da beklagen sich doch tatsächlich FAZ-Abonnenten, Allensbach habe ihre Meinung zum neuen Layout nicht berücksichtigt. Man könne doch an den Online-Kommentaren erkennen, daß sie, die unermüdlichen und ernsthaften FAZ-Leser, gegen das neue Layout stimmten. Es hagelt Vorwürfe beleidigter Leberwürste, die nicht begriffen haben, worum es geht: Es geht um den Austausch der Leserschaft, hauptsächlich der langjährigen, also älteren Abonnenten. Es geht weniger um Auflagenschwund, sondern um falsche Leser. Natürlich hat der Verlag Abonnenten befragt, und zwar sehr repräsentative: die Anzeigenkunden nämlich. Die haben sich deutlich erklärt: Die Leser der FAZ taugen nicht für ihre Zwecke: zu alt, zu unbeweglich, was man ja gerade beim Relaunch der FAZ erleben kann. Die kaufen nichts, und wenn, dann das Falsche. Das wissen die Marketingmenschen durch Umfragen aus Allensbach. Jeder mäkelnde FAZ-Leser ist Wasser auf die Mühlen der Neuerer. Jeder Leser, der mit der Kündigung seines Abonnements droht, ist Anlaß für einen erleichterten Seufzer des Verlages. Die FAZ-Lektüre hindert FAZ-Leser offenbar an der Einsicht, wie der merkantile Hase läuft, und warum der Verlag sie mittels eines neuen Layouts aus ihrer geistigen Heimat verstößt. Die Sache mit dem klugen Kopf dahinter ist also eher fragwürdig. ;-)
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