Margarete Stokowski

Berlin-Neukölln Fettnäpfchen in Bezirksgröße

Jens Spahn von der CDU und AfDler Björn Höcke haben Angst vor Berlin-Neukölln. Ihr Problem? Die hohe Anzahl an Migranten. Dabei kommt die Gewalt von rechts.
Berlin-Neukölln

Berlin-Neukölln

Foto: imago/ ZUMA Press

Es gibt Orte, die schaffen es nie so richtig, ein positives Image zu entwickeln, zum Beispiel Sodom oder Gomorra oder Neukölln. Die Stadt Rixdorf bei Berlin wurde im Jahr 1912 umbenannt in Neukölln, weil Rixdorf einen miesen Ruf hatte , aber man kann wirklich nicht behaupten, dass es seit damals nur bergauf gegangen wäre. "Neukölln" ist für viele Leute ein Synonym für "Problembezirk", die Frage ist nur, was genau eigentlich das Problem ist. Einfach nur "Neukölln" als abschreckendes Beispiel in den Ring zu werfen, wo es um schlecht laufendes Zusammenleben verschiedener Kulturen geht, so als sei damit schon alles gesagt, zeugt bisweilen von auffällig schlechtem Fingerspitzengefühl.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn und der Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzende Björn Höcke haben beide bezeichnenderweise kurz nacheinander ins selbe Fettnäpfchen gegriffen, denn das Näpfchen ist groß und an seinem rechten Rand kann man gut sitzen und angeln.

Keine Ahnung, wo Jens Spahn sich rumtreibt

Jens Spahn hat im Interview mit der "Zeit" gesagt: "Wenn ich durch Neukölln laufe, sehe ich in manchen Straßen kaum noch Frauen - und wenn, dann mit Kopftüchern. In einem freien Land muss ich das akzeptieren. Aber ich lasse mir nicht einreden, dass das eine kulturelle Bereicherung ist. Positive Vielfalt sieht für mich jedenfalls anders aus." Eine Gesellschaft brauche kulturelle Vielfalt, findet Spahn, und das wisse man inzwischen auch in seinem Heimatdorf im Münsterland, aber in Neukölln sehe das alles irgendwie nicht so aus, wie er es gern hätte. Man könnte, wie das in Berlin üblich ist, einfach noch einmal machen, was schon mal nicht geklappt hat: eine Umbenennung. "Neuspahnstein" böte sich an.

Dieser Spahn ist aber auch ein vom Schicksal gebeutelter Flaneur. Bei Ikea kamen ihm mal "Frauen in Vollverschleierung entgegen", in seinem Fitnessstudio dürfen "arabische Muskelmachos" seit einer Weile mit Badehose duschen , und jetzt sieht er "kaum noch Frauen". Keine Ahnung, wo er sich rumtreibt. Ich bin in Neukölln aufgewachsen und immer noch alle paar Tage dort, und ich sehe ständig Frauen dort, viele sogar. Es war schon immer so, dass da einige dabei sind, die Kleidung tragen, die ich nicht anziehen würde, aber da sind Leopardenleggings und Kopftücher nur zwei Beispiele aus einem sehr breiten Spektrum.

Eine Welle rechter Gewalt

Wenn ich Jens Spahn wäre, würde ich mir überlegen, mit wem ich da ins selbe Horn blase. Bei einem Auftritt im brandenburgischen Jüterbog soll Björn Höcke gesagt haben : "Ich möchte nicht, dass in Thüringen irgendwann Zustände herrschen wie in Berlin-Neukölln, Dortmund oder in Mannheim. Das ist kein Deutschland mehr, das ist kein Rechtsstaat mehr."

Welche "Zustände" Höcke gemeint hat, kann man nur erahnen, aber ziemlich sicher meinte er nicht die Serie von rechten Anschlägen, die Neukölln gerade erschüttern: Seit dem letzten Sommer werden vermehrt einzelne Personen und Organisationen angegriffen, mal linke Politiker oder Gewerkschafter und mal ein Buchhändler, der sich einer Initiative gegen Rechtspopulismus angeschlossen hatte. Wenige Tage, nachdem er in seinem Laden eine Veranstaltung zum Thema "Was tun gegen die AfD? Aufstehen gegen Rassismus" organisiert hatte, wurden Steine in sein Schaufenster geschmissen, kurz darauf brannte sein Auto .

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Stokowski, Margarete

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Bis heute sind über 80 solcher Fälle seit vergangenem Sommer bekannt geworden: Körperverletzungen, Drohungen, Brandsätze und zerstörte Scheiben. Die Koordinierungsstelle der Berliner Register, die rechte Gewalt dokumentiert, spricht von einer "extremen Steigerung gegenüber den Vorjahren" sowie von einer Welle von Einschüchterungen, wie es sie in keinem anderen Berliner Bezirk gebe.

Im Neukölln-Newsletter des "Tagesspiegels"  wird von einer Bezirksverordnetenversammlung berichtet, in der über die Gewaltserie gesprochen werden sollte. Nur die AfD-Fraktion habe nicht darüber sprechen wollen, weil ja gar nicht ganz sicher sei, ob es sich tatsächlich um rechte Straftaten handle.

Sicher ist, dass zurzeit einige Menschen in Neukölln überhaupt nicht mehr sicher sind, aber diejenigen, von denen die Bedrohung ausgeht, tragen höchstwahrscheinlich keine Kopftücher.

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