Sibylle Berg

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Als die Leute noch Leute waren

Helmut Kohl regierte, es gab Sperrstunden, und Frauen hatten fettige Haare: In den Neunzigerjahren ging es so friedlich zu, dass man sich heute in die Vergangenheit sehnen möchte.

Heute wieder ein Bericht aus dem inneren Fundus, an dessen Tür steht: sentimentale Vergangenheitsverklärung. Die Tür geht auf, und vorne im Raum liegen die Neunzigerjahre. Unter Apfelblüten des großväterlichen Gartens. Meine Güte, die Neunzigerjahre. Sie schienen mir damals wie das schrecklichste Jahrzehnt, in dem ich mich jemals aufhalten würde. Das war eindeutig der jugendlichen Blödheit geschuldet, den mangelnden Erfahrungen und der Langeweile, die damals wie ein gefühlter Dunst über meiner Welt lag.

Ans Internet waren erst 1,3 Millionen Rechner angeschlossen, Männer in der Lebenskrise begannen Saxophon zu spielen satt Hasskommentare zu posten. Irgendwie genauso schrecklich. Ratlos saßen überall Menschen mit Bierflaschen und lauerten darauf, dass der Kapitalismus endlich sein Versprechen nach einem bunten, schillernden Leben einlösen mochte. Es schien, als ob die Menschen sich nicht schnell bewegten, weil sie wussten, dass sich bald alles ändern würde. Sie wussten nur nicht in welche Richtung.

Es war die Zeit vor den Online-Börsengeschäften, bevor jeder Idiot mit Rohstoffen dealte, es war die Zeit vor dem Nichts-mehr-Wollen, weil nichts mehr zu erreichen war, es war die Gnadenfrist in der man noch mit wenig Geld hervorragend leben konnte und der Kapitalismus noch nicht überall die Hirne der Menschen angefressen hatte. Eine Million war noch richtig viel Geld, aber uninteressant. Geld war die Sache, der ein paar Fuzzis in Agenturen hinterherliefen. Die Menschen damals schienen schlaff aus einem anderen Grund als heute. Heute, da jeder nach einer Bedeutung schreit. Sich optimiert und blöde Fotos von seinem blöden Gesicht ins Netz stellt, das Wohlgefühl von einem Like abhängt, heute, wo jeder ahnt, das die Zukunft nichts Besonderes für ihn oder sie bereithält, weil das große Spiel von anderen gemacht wird und man selber nur ruhig seiner Konsumpflicht nachzukommen hat.

Während der Sperrstunde an das Gute glauben

Die Neunziger waren die Zeit vor der Erfindung des Shoppens. Sie waren das letzte Jahrzehnt des Individuums. Es gab Menschen mit schlechten Zähnen und fettigen Haaren, es gab Dünne und Dicke und kaum jemand außer seltsamen Vögeln rannte in ein Fitnessstudio. ADHS war noch nicht erfunden, kein Betteln um Schonung für die individuelle Besonderheit war zu vernehmen. Die Leute waren. Ohne es zu betonen. Ohne verzweifelt zu rufen: Hier bin ich, nimm mich wahr. Hier bin ich, ich gehe in eine Castingshow. Sie waren am Trudeln auf leeren Straßen und da war Sperrstunde.

Das Leben schien so unendlich wie Herr Kohl, der seit gefühlten 78 Jahren das Land betulich brabbelnd regierte, und wenn junge Menschen Pläne hatten, dann waren es Reisepläne. Reisen. In Orte, die noch nicht von Terroranschlägen beschmutzt waren, Flugzeuge, in denen Reisende nicht vorrangig Sicherheitsrisiken bedeuteten. Wenn doch nur etwas passieren würde, hofften die Meisten. Und sehnten sich nach der Jahrtausendwende. So lange nur nicht auffallen, sitzen und rauchen, die Neunzigerjahre waren das Jahrzehnt der Angstfreiheit.

Die Menschen waren nicht besser oder schlechter als heute. Man konnte die schlechten, also alle, die nicht waren wie man selber, nur besser ignorieren, die Welt besser vermeiden, als noch nicht jede Sekunde neue Nachrichten verfügbar waren. Die Neunziger waren die letzte Zeit, in der man noch an etwas Gutes glauben konnte. Die Zeit der Naivität. Unendlich fade. Aber irgendwie rührend.