Linkes US-Magazin "New Republic" Exodus

Existenzkrise beim US-Magazin "New Republic": Facebook-Mitgründer Chris Hughes will das einst linke Streitblatt zum "digitalen Unternehmen" umbauen. Aus Protest kündigt fast die gesamte Redaktion.

Internetseite der "New Republic": Bald nur noch digital

Internetseite der "New Republic": Bald nur noch digital

Von , New York


Es war ein edler Leichenschmaus. Mehr als 400 Ehrengäste saßen im Mellon Auditorium, einem Prunktempel unweit des Weißen Hauses. Politiker waren da, dazu das Pressekorps und ein paar Hollywood-Stars. Jazz-Legende Wynton Marsalis sorgte für gepflegte Musik.

Denn es sollte ja gar kein Leichenschmaus sein, sondern eine Geburtstagsfete: "The New Republic", das einst führende Denk- und Streitmagazin der US-Linken, war 100 Jahre alt. Zur Feier des Abends hielt Ex-Präsident Bill Clinton eine 40-minütige, weitschweifige Rede.

Nicht nur deshalb jedoch wirkte die Party im November "ein bisschen wie ein Staatsbegräbnis" ("New York Magazine"). Das ließ sich auch erahnen, als Guy Vidra, der junge, von Yahoo abgeworbene Verlagschef, den Nachnamen von Chefredakteur Franklin Foer falsch aussprach, als hieße der Foyer.

Kaum drei Wochen später ist "Foyer" weg vom Fenster. Ebenso der weißbemähnte Leon Wieseltier, seit 1983 Literatur- und Kulturchef, sowie mehr als 30 Redakteure und Mitarbeiter. Alle schmissen von sich aus hin, aus Protest. Über Nacht blutete das Traditionsblatt so aus, dass es seine nächste Ausgabe streichen musste und erst im Februar wieder erscheint.

Redaktionelle Implosion

"Die 'New Republic' ist tot", betitelte die "Washington Post" am Montag ihren Nachruf. Und schuld daran sei der Mann, dessen Foto unter der Schlagzeile prangte: Chris Hughes.

Der 30-jährige Internet-Multimillionär und Facebook-Mitbegründer hatte die "New Republic" im März 2012 gekauft. Hughes schwor, das angestaubt-defizitäre Magazin in die digitale Zukunft zu steuern - ein nicht nur in diesem Fall kompliziertes Vorhaben.

Die Krise der "New Republic" steht für die Krise der ganzen Branche - und dafür, wie schwierig es ist, traditionsreiche und wertvolle Inhalte aus einem Print-Organ in die digitale Zukunft zu transferieren. Es ist ein Konflikt, mit dem viele Medien ringen, ob in den USA oder in Europa.

In diesem Fall freilich ist der Übergang jetzt zur Revolte eskaliert, zur beispiellosen Massenfahnenflucht. Die bedroht mehr als nur das Image der "New Republic" und ihre ohnehin geschwundene Relevanz.

Schon vor der redaktionellen Implosion war die Auflage von 100.000 auf weniger als die Hälfte geschmolzen. Nun ist keiner mehr da von denen, die für die Tradition des Blattes standen. Das kommt Hughes durchaus entgegen bei seinem Vorhaben, die Zeitschrift "empfänglicher zu machen für das, woran die Leute interessiert sind und wie sie lesen".

"Wie ein neureicher Käufer"

Die Silicon-Valley-Helden, die hier die Überreste der Print-Branche aufklauben, sind an Geld mindestens genauso interessiert wie an Publizistenruhm. Das gilt für Amazon-Gründer Jeff Bezos, der 2013 die "Washington Post" kaufte, wie für Hughes, der sich in Harvard ein Zimmer mit Mark Zuckerberg teilte, als der die Idee für Facebook hatte.

Als sich Hughes die "New Republic" schnappte, machte sie fünf Millionen Dollar Verlust im Jahr. Hughes beschwor Traditionen und Journalismus - und begann dann den Radikalumbau: Die "New Republic" sei nun kein Magazin mehr, sondern ein digitales Medienunternehmen. "Wie ein neureicher Käufer, der erst sagt, dass er das Neuengland-Häuschen nur frisch anstreichen wolle, es dann aber abreißt", lästerte die "New York Times".

Hughes renovierte das Layout, bestellte "Snack-Inhalte" fürs Web, ordnete den Umzug von Washington nach New York an und holte Yahoo-Mann Vidra als Verlagschef. Der kündigte sofort an, alte Strukturen zu zerstören.

Dazu gehörte Chefredakteur Foer, der merkte, dass Vidra ihn bereits so gut wie ersetzt hatte mit dem netzfreundlicheren Gabriel Snyder. Mit Foer dankte Wieseltier ab, eines der letzten Literatenfossile, der vor Kollegen unter Tränen Abschied nahm von der "besten Sache, die ich in meinem kleinen Leben gemacht habe".

Kaum 24 Stunden später kündigten Dutzende weitere Redakteure und Autoren aus Solidarität oder forderten, aus dem Impressum entfernt zu werden. Mit ihnen gehe "das institutionelle Gedächtnis", klagte die "Huffington Post": Die "New Republic" existiere in ihrer alten Form nicht mehr.

Nicht alle beweinen das. Aus Sicht der Linken hatte das Blatt längst seine Seele und Streitkultur verloren und war zur Bühne für suspekte, rechtslastige Ideologien verkommen. Hinzu kamen PR-Skandale - allen voran der um den Reporterstar und Serienfälscher Stephen Glass.

Hughes lässt sich nicht beirren. "Wenn du dich wirklich um eine Institution sorgst und sie dauerhaft stark machen willst, rennst du nicht davon", schoss er den Abtrünningen hinterher. "Du krempelst die Ärmel hoch."



© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.