"New York Times"-Fälscher Blair "Ich war jung, ich war schwarz"

Jayson Blair, der Plagiarist der "New York Times", bricht sein Schweigen - und zeigt weder Reue noch Einsicht. Stattdessen will er als Selbstdarsteller von dem Fälschungs-Skandal profitieren: Er bietet ein Exposé für ein "Enthüllungsbuch" und einen Hollywood-Thriller feil. Erhoffter Marktwert: eine Million Dollar.

Von , New York


"Times"-Fälscher Blair: "Ich konnte einfach nicht aufhören zu lachen"
AP / New York Times

"Times"-Fälscher Blair: "Ich konnte einfach nicht aufhören zu lachen"

New York - Jayson Blair kennt keine Reue. Im Gegenteil: Der Mann, der eine der wichtigsten Zeitungen der Welt zum Globalgespött machte und in die schwerste Sinnkrise ihrer Existenz stürzte, findet die Affäre ausgesprochen lustig. "Ich konnte einfach nicht aufhören zu lachen", sagt der Ex-Reporter der "New York Times" auf eine der dreistesten Räuberpistolen seiner Karriere angesprochen, eine fiktive Reportage über die Familie der im Irak gefangenen US-Soldatin Jessica Lynch.

Wer zuletzt lacht, kriegt die Filmrechte. So lautet jedenfalls die Moral dieser Medienfabel von Ehrgeiz und Verrat, Ethos und Ethnik. Denn während seine alten Kollegen weiter streiten, welche Köpfe noch rollen sollen, hat Blair, 27, den lästigen Redaktionsalltag längst hinter sich gelassen. Der schamlose Fälscher, der sich nun überdies als grandioser Selbstdarsteller entpuppt, strebt nach Höherem - ein "Tell-All"-Enthüllungsbuch über die "New York Times" (Preisfrage: Sachbuch oder Belletristik?), ein Hollywood-Thriller, Ruhm und Reichtum. "Dies ist eine riesige, riesige Story", freut sich Blairs Agent David Vigliano.

Mit niemandem hat Blair seit Ausbruch des Skandals gesprochen. Erst jetzt, drei Wochen später, bricht er sein Schweigen: Sridhar Pappu, der Medienkritiker der Wochenzeitung "New York Observer", konnte Blair und seinen Agenten zu Exklusiv-Interviews überreden, indem er ihnen gratis ein Star-Forum bot. Das Resultat, seit gestern als Titel-Aufmacher des lachsfarbenen "Observers" an allen New Yorker Kiosken zu bewundern und Tagesgespräch nicht nur im klatschbesessenen Manhattan, ist ebenso unterhaltsam wie bedrückend in seiner persönlichen und gesellschaftlichen Werteverirrung.

"Ich will meine Erfahrungen als Lektion anbieten", posaunt Blair da, bar jeder Selbstkritik. Mit anderen Worten: Er will von seinen Vergehen profitieren. Ein siebenstelliger Vorschuss für die Buch- und Filmrechte, ergänzt Agent Vigliano munter, "scheint mir überhaupt nicht unrealistisch, wirklich nicht". Immerhin sei sein Klient "ein enorm begabter Autor".

Als solcher hat Blair ein fünfseitiges Exposé verfasst, mit dem Vigliano dieser Tage sowohl bei literarischen Großverlagen wie Filmproduzenten hausieren geht. "Wir werden wahrscheinlich erst was in Hollywood machen", tönt der Agent, "und dann das Buch angehen". Neben besagten fünf Seiten Inhaltsangabe werde Blair, branchenüblich, ein Musterkapitel anbieten, "um sein schreiberisches Talent in längerer Form vorzustellen".

Von diesem Talent haben sich, wie leidlich bekannt, die Leser der "New York Times" in den letzten zwei Jahren schon selbst überzeugen können. Mindestens 36 Reportagen und Berichte Blairs, zum Teil Top-Storys wie die von den zwei Heckenschützen in den Vorstädten Washingtons, enthielten Erfindungen, Fälschungen und Täuschungen.

Was kam zuerst, Henne oder Ei, Droge oder Druck?

Nach seinem "freiwilligen" Abgang bei der "New York Times" verkroch sich Blair erst einmal. Und zwar unter anderem im "Realization Center", einer privaten Reha-Klinik für Alkohol-, Drogen- und Depressionskranke am New Yorker Union Square. Dessen Gründerin Marilyn White, eine resolute ältere Dame, führt ein strenges Regiment. Sie brüllt ihre Patienten, die hier im siebten Stock eines diskreten Bürohauses Zuflucht vor ihrer Sucht nach Kokain, Heroin, Amphetaminen und Marihuana suchen, auch schon mal an, um sie aufzurütteln. Oder ermutigt sie, Frust und Wut an einer grünen Kissenwurst aus Schaumstoff auszulassen, die sie in ihrem Büro bereithält.

Blair, unbußfertig, erklärte erst White und nun dem Rest der Welt bereitwillig, warum er bei der "New York Times" immer mehr zu Alkohol und Koks griff: "Ich war jung", sagt er, als liege das alles Jahrzehnte zurück. "Ich stand unter großem Leistungsdruck. Ich war schwarz."

Doch was kam zuerst, Henne oder Ei, Droge oder Druck? "Drogen und Alkohol waren auf jeden Fall Teil meiner medikamentösen Selbstbehandlung." Mindestens eine Geschichte, die über ein Rockkonzert für die Terror-Opfer vom September 2001, schrieb er "betrunken". Die Redaktion musste später eine 227 Worte lange Korrektur abdrucken.

Die allererste Verantwortung für die Affäre sieht Blair aber weder bei sich noch seiner Suchtkrankheit, sondern bei seinen ehemaligen Kollegen und Chefs. Die Zentrale der "New York Times" nennt er einen "Schlangenpfuhl", bevölkert von "Idioten-Redakteuren". Blair: "Wenn die alle so brillant sind, weshalb haben die mich dann nicht erwischt?"

Dann folgt schweres Geschütz. Schwarze wie er, sagt er, hätten bei der "New York Times" von Natur aus einen schweren Stand. "Rassismus spielte sicher eine Rolle." Er habe am Ende gar keine andere Wahl gehabt als zu lügen und zu fälschen: "Damit Jayson Blair, der Mensch, überleben konnte, musste Jayson Blair, der Journalist, sterben."

Ein griffiges Hollywood-Motto, mit dem er nun seine Memoiren verhökern will. Dazu hat Blair einen Szene-Kenner angeheuert. Der Agent Vigliano hat von seinem Büro in SoHo aus auch schon die Pop-Göre Britney Spears vertreten, den Grunge-Rocker Kurt Cobain, dessen Tagebücher er posthum für vier Millionen Dollar verkaufte, sowie - Ironie der Geschichte - den Ex-Polizeichef Charles Moose, der den Heckenschützen-Fall von Washington löste, über den Blair so fantasievoll "berichtet" hat. Einmal, prahlt Vigliano, habe er sogar ein Buch des Papstes im Angebot gehabt: "Rosenkranz-Stunde: Die privaten Gebete von Papst Johannes Paul II."

Was der Papst kann, kann Blair schon lange. "Ich hoffe, dass ich die Gelegenheit habe, meine Geschichte mitzuteilen, damit sie anderen hilft, Heilung zu finden", raspelt er frömmlerisch. Für ihn jedenfalls sei dieser neue Prozess der introspektiven Reportage "sehr therapeutisch". Und lukrativ?

Immerhin befindet sich Blair in illustrer Gesellschaft. Janet Cook, die 1981 den Pulitzer-Preis zurückgeben musste, weil ihre gekürte Reportage über einen heroinkranken Jungen in der "Washington Post" frei erfunden war, bekam 380.000 Dollar für die Filmrechte an ihrem Dichtwerk. Stephen Glass, vor Blair der letzte große Presse-Fälscher in den US-Schlagzeilen, brachte gerade ein (weithin verrissenes) Buch über seine Zeit beim Magazin "New Republic" heraus, ebenfalls für ein sechsstelliges Honorar.

Werden die Verlage auch diesmal anbeißen? Glass' Verlag Simon & Schuster winkte bereits öffentlich ab, ebenso HarperCollins, Hyperion und Random House. "Diese Geschichte ist doch langweilig", sagt Jonathan Karp, der Cheflektor von Harper Collins. "Ich bin gänzlich desinteressiert."



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